Sozialpädagogin an der Mittelschule zieht nach einem Jahr Bilanz
Im Wirrwarr der Gefühle

In einem dreitägigen Kurs wurden in dieser Woche 16 Jugendliche zu Streitschlichtern ausgebildet. Den Schülern wurde dabei bewusst, dass Konflikte verschieden empfunden werden. Mädchen und Buben bewerten bestimmte Situationen vollkommen anders. Religionslehrerin Sigrid Beyer (im Bild) leitete mit Sozialpädagogin Nadine Gehlert das Seminar. Bilder: ck (2)
Vermischtes
Vohenstrauß
10.06.2016
36
0
 
"Auch wenn es manchmal echt anstrengend und schwierig ist, arbeite ich gerne mit Jugendlichen zusammen." Zitat: Sozialpädagogin Nadine Gehlert

In den Schulen geht es mitunter ruppig zu. Notendruck und Stress mit Eltern oder Freunden bringen das Fass bei so manchem Schüler zum Überlaufen. Die Sozialpädagogin Nadine Gehlert beschäftigt sich seit einem Jahr an der Pfalzgraf-Friedrich-Mittelschule mit solchen Fällen.

Gehlerts Büro im ersten Stock ist nicht besonders groß. Trotzdem müssen täglich etliche Probleme und deren Lösungen darin Platz finden. Ihre Aufgabe an der Schule ist klar definiert: Konflikte erkennen, Ursachen erforschen und im besten Fall durch Gespräche Lösungen finden. Heutzutage, so weiß die 24-jährige Sozialpädagogin, tragen die Kinder und Jugendlichen ihre Streitigkeiten nur selten mit den Fäusten aus: "Körperliche Gewalt ist eigentlich kein Thema an der Schule." Ausgeteilt und verletzt werde weitaus häufiger durch Textmeldungen, Bilder oder Videos über Facebook und Snapchat. Dabei unterscheidet Gehlert aber zwischen den üblichen Beleidigungen und der nächsthöheren Stufe: dem Mobbing.

"Ich sage den Schülern, dass sie damit eine Straftat begehen können, die angezeigt werden kann." Dennoch würden sich aber die Übeltäter nicht immer davon abhalten lassen. Daher klärt nun eine Polizeikommissarin im Sozialtraining mit dem Thema "Sicher im Netz" Siebtklässler auf.

Selbstverletzung ein Thema


Keine leichte Aufgabe ist es für die Sozialpädagogin, Schüler zu betreuen, die mit sich selbst kämpfen. Sie verletzten ihren eigenen Körper oder quälen sich mit Selbstmordgedanken. "Schüler ritzen sich aus sehr unterschiedlichen Gründen", weiß Gehlert. Das könne purer Ausgleich sein, nach dem Motto "Ich schaffe mir nach einer bestimmten Situation jetzt Abhilfe". Anhaltender Druck von mehreren Seiten verschlimmere die Situation. Bei Jugendlichen mit Selbstmordgedanken stoße Gehlert an ihre Grenzen: "Wenn ich merke, da ist jemand nicht nur auf der Suche nach Aufmerksamkeit, sondern es steckt ein fester Wille dahinter, verweise ich an psychologische Fachkräfte".

Das Problem Essstörungen sei an der Mittelschule in Vohenstrauß weniger gravierend. Grundsätzlich handle sie im Einverständnis mit ihren Schützlingen. Bevor die Eltern zum gemeinsamen Gespräch gebeten werden, warte sie auf das grüne Licht der betroffenen Schüler. Vernachlässigung der Kinder ist dabei genauso ein Thema, wie Probleme nach einer Scheidung oder Trauer nach dem Verlust eines Familienangehörigen.

"Manche Schüler reagieren auf Druck mit psychosomatischen Beschwerden. Sie haben dann laufend Kopfweh, Bauchweh, müssen sich übergeben." Die Frustrationstoleranz sei nicht bei allen Menschen gleich. Im Notfall leite sie solche Jugendliche an die psychosomatische Station im Klinikum Weiden weiter.

Eine ganz andere Kategorie seien die notorischen Schulschwänzer. "Das kann man aber im Normalfall nach ein paar Gesprächen gut in den Griff kriegen", schmunzelt die junge Frau. Projekte zur Sucht- und Gewaltprävention sollen dafür sorgen, dass Probleme erst gar nicht entstehen. Besonders beim Thema Drogen müsse man sehr wachsam sein sowie immer wieder auf mögliche, dramatische Folgen für Leben und Gesundheit hinweisen. "Hier ist die Einstellung der Kinder an der Schule aber löblich. Sie kommen, stellen Fragen und wollen wissen, was alles passieren kann", betont Gehlert.

Die ganz Stillen im Blick


Je älter die Mädchen und Buben werden, umso höher wird die Hemmschwelle, die Sozialpädagogin aufzusuchen. Ein Auge müssen vor allem die Lehrer auf die ganz stillen Typen haben, die Probleme mit sich selbst ausmachen wollen und damit doch überfordert sind. "Extrovertierte Menschen tun sich da leichter", weiß die 24-Jährige.

In dieser Woche wurden an der Mittelschule 16 Jugendliche zu Streitschlichtern ausgebildet. Für die Sozialpädagogin könnten diese Schüler wichtige Stützen werden. Trotzdem wird sie an der Bildungseinrichtung weiterhin gut beschäftigt sein. Noch hat sie Freude an ihrem nicht einfachen Beruf: "Auch wenn es manchmal echt anstrengend und schwierig ist, arbeite ich gerne mit Jugendlichen zusammen."

Auch wenn es manchmal echt anstrengend und schwierig ist, arbeite ich gerne mit Jugendlichen zusammen.Sozialpädagogin Nadine Gehlert

Jung und am Ende

Angemerkt von Christine Walbert

Als die Pfalzgraf-Friedrich- Mittelschule Vohenstrauß vor drei Jahren eine eigene Jugendsozialarbeiterin bekam, fragte man sich: "Muss das wirklich sein? Sind wir denn sozialer Brennpunkt wie Berlin-Neukölln?" Wohl nicht. Aber nicht nur Großstadtkinder kämpfen mit Stress und Frust. Kein Landstrich bleibt davon verschont.

Mit Liebeskummer, Pubertät, Mobbing, schlechten Noten oder Trennung der Eltern mussten sich Schüler auch schon vor Jahrzehnten herumschlagen. Ein Vergleich der Generationen ist trotzdem fast unmöglich. Umfeld und Bedingungen haben sich extrem gewandelt. Jugendlichen fällt es zunehmend schwer, sich Konflikten zu stellen, sich von Angesicht zu Angesicht auszusprechen. Vater und Mutter wünschen dem Nachwuchs viel Glück, widmen sich lieber angenehmeren Dingen oder haben schlicht keine Zeit. Schuld an der Misere - wenn überhaupt als solche erkannt - sind ihrer Meinung nach Schule, Lehrer, Clique oder das Kind selbst.

Wohin soll der junge Mensch mit seiner Angst und Wut? Ein Ventil wie Sport, Musik oder Kunst, durch das der Druck entweichen könnte, empfinden die gefrusteten Teenies nicht als Bereicherung, sondern als zusätzliche Belastung. Wie gut, dass es im ersten Stock der Mittelschule ein kleines Zimmer gibt, wo eine junge Frau darauf wartet, um Hilfe gebeten zu werden. Für viele, die mitten im Gefühls-Wirrwarr stecken und die schlimmen Gedanken nicht mehr aus dem Kopf bekommen, ist sie die Rettung.

christine.walbert@derneuetag.de
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.