Vohenstraußerin als Schneiderin bei Wagner-Festspielen
Walküren ziehen die Reißleine

Das Kostüm von Kundry-Darstellerin Elena Pankratova (rechts) im diesjährigen "Parsifal" in Bayreuth hat die Vohenstraußer Theaterschneiderin Beate Stock genäht. Bild: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath
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Vohenstrauß
12.08.2016
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In der Alten Apotheke ist Beate Stock in ihrem Element. Sie betreibt dort einen Kostümverleih, aus dem umfangreichen Fundus bedienen sich unter anderem auch die Luisenburg-Festspiele. Bild: tss

Wer wissen möchte, was Kundry aus Richard Wagners "Parsifal" am liebsten trägt oder wann Walküren vor einer Zerreißprobe stehen, braucht nur Beate Stock zu fragen. Die Vohenstraußerin ist Schneiderin bei den Bayreuther Festspielen. Für den "Neuen Tag" plaudert sie aus dem Nähkästchen.

Die gebürtige Allgäuerin ist gelernte Damenschneiderin und kam vor acht Jahren durch eine Freundin an das Saison-Engagement in der Wagnerstadt. "Die brauchen immer Leute", meinte die Bekannte damals. Zwischen 20 und 25 Schneider und Schneiderinnen aus ganz Europa sind im Festspielhaus auf dem Grünen Hügel tätig.

Sehr kreativ


Die Vohenstraußerin ist immer in der Endphase dabei. In den sechs Wochen vor der Premiere am 25. Juli jeden Jahres glühen die Nadeln montags bis samstags zehn Stunden pro Tag. "Da geht's eigentlich immer rund." Die Entscheidung hat Stock aber nicht bereut. "Es ist eine schöne Zeit, wie ein Familientreffen. Außerdem lernt man jedes Jahr etwas Neues." So muss sie schon einmal Isolierwerkstoff aus dem Bootsbau in ein Kostüm verwandeln oder Flügel für Engel aus Trittschalldämmung herstellen. "Das ist wirklich sehr kreativ." Darüber hinaus sind die Beziehungen auch für ihren Kostümverleih wichtig (Steckbrief) .

Viele ihrer Kollegen sind auch fest in anderen Theaterhäusern angestellt, kommen dann aber in Pausen nach Bayreuth oder lassen sich dafür sogar extra beurlauben. "Das macht sich gut im Lebenslauf", sagt Stock. Sie ist in der Damenabteilung eingesetzt und hauptsächlich für die Solosängerinnen zuständig. Heuer hat sie unter anderem die russische Sopranistin Elena Pankrotova als Kundry im "Parsifal" ausgestattet. Für ein Kostüm braucht sie im Schnitt zwei bis drei Tage. Bis die Gewänder entstehen, vergeht jedoch viel mehr Zeit, die Entwicklungsphase dauert unterschiedlich lange. Zuerst machen Kostümbildner die Entwürfe. Die sind übrigens für nächstes Jahr schon fertig, mehr darf die Vohenstraußerin aber nicht verraten.

Je zwei Gewandmeister für Damen und Herren kümmern sich anschließend um die Schnitte, danach entstehen Prototypen. "Das kann auch mal über den Haufen geworfen werden. Bis das Endprodukt steht, ist es oft ein langer Weg", weiß Stock. Im November bekommt sie dann einen Anruf, ob sie in der kommenden Saison wieder dabei ist. Für 2017 hat sie es bereits fest eingeplant. Alle Kostüme sind Maßanfertigungen. Wenn ein Darsteller unerwartet ausfällt, muss auch bei der Kleidung schnell Ersatz her. Einmal funktionierte ein Kostüm mit Schleppe nicht, kurzfristig entstand dann ein neues.

Eine Herausforderung ist es auch, wenn in Inszenierungen Kleidungsstücke zerreißen sollen. Entsprechende Nähte müssen dann schon eingeplant sein. "Walküren tragen zum Teil drei Kostüme übereinander und tauschen das dann auf der Bühne per ,Quick Change': Sie ziehen an drei Schnüren, dann fällt ein Kostüm runter. Das Publikum bekommt davon kaum etwas mit." Stock ist in den acht Jahren natürlich mit vielen Künstlern zusammengekommen. Die einen sind nett und danken mit Geschenken oder Kuchen für die tolle Arbeit. Andere haben Allüren. So fühlte sich die amerikanische Sopranistin Linda Watson als Kundry nie wohl in ihren Kostümen. "Da habe ich vier Jahre lang rot gesehen", gesteht die Vohenstraußerin.

Instrumente durchleuchtet


Die Wagner-Festspiele sind auch berühmt für ihre Turbulenzen im Vorfeld. Die gehen an Stock und ihren Kollegen aber meist spurlos vorüber. "Wir erfahren das dann auch nur aus der Zeitung." Hautnah miterlebt hat sie heuer aber die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen. "50 Leute von Security-Firmen haben das Gebäude rund um die Uhr überwacht." Am ersten Arbeitstag hätte sie ihren Haus-Ausweis vorzeigen müssen, um hineinzugelangen. Er war aber im Gebäude. Einlass erhielt sie dann doch noch, "aber man konnte ohne Ausweis nicht einmal über den Hof gehen". Selbst die Instrumente wurden durchleuchtet. Bisher ist aber nichts vorgefallen.

SteckbriefBeate Stock kam mit ihrem Ehemann Thomas vor 21 Jahren in die Oberpfalz. 5 Jahre wohnte das Paar in Leuchtenberg, die gelernte Damenschneiderin wirkte in der Zeit auch bei den Burgfestspielen mit.

Seit 16 Jahren wohnen die Stocks in Vohenstrauß. Als Schneiderin arbeitet sie nur sechs Wochen im Jahr. Eigentlich ist sie freiberuflich beim Hauswirtschaftlichen Fachservice Weiden/Oberpfalz Nord tätig. "Das ist eine Art Dorfhelferin", sagt Stock.

In der Alten Apotheke in Vohenstrauß betreibt sie außerdem einen Kostümverleih, aus dem sich Veranstalter historischer Festzüge sowie die Luisenburg-Festspiele oder auch Laienbühnen wie in Neuhaus bedienen. Das und das Engagement in Bayreuth betrachtet sie als Ausgleich für die Arbeit in den Familien. (tss)


Walküren tragen zum Teil drei Kostüme übereinander und tauschen das dann auf der Bühne per "Quick Change": Sie ziehen an drei Schnüren, dann fällt ein Kostüm runter.Beate Stock
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