Zimmerermeister Richard Reger baut Boot in Afrika
Vom Stammtisch in den Kongo

Vermischtes
Vohenstrauß
31.03.2016
575
0
 
Ein wenig hat sich Richard Reger (Vierter von rechts) im Kongo mit dem Bau einer Sakristei verewigt, in die er aufwendige und kunstvolle Schnitzereien eingefügt hat.

Sollte einmal irgendwann in ferner Zukunft die Frage auftauchen, wer die Schokokuss-Wurfmaschine in den afrikanischen Urwald brachte, dürfte man bei der Antwort an Richard Reger nicht vorbeikommen. Wegen fehlender Schaumküsse mussten allerdings Bonbons als Wurfgeschosse herhalten.

Böhmischbruck. Wer Krokodile, Python-Schlangen oder Nilpferde sehen will, besucht einen Zoo oder macht mit dem nötigen Kleingeld eine Safari. Gratis erhielt Reger diesen Nervenkitzel bei seinem Aufenthalt im kongolesischen Urwald.

Angst wurde ihm deshalb aber nur bei einer Fährenüberfahrt auf dem Fluss Uele. Mit Hexagon, Zille und Sakristei hat der 58-Jährige dort bei Pater Ferdinand, der aus Tröbes stammt, bleibende Werte hinterlassen. Die Planung der Reise geht ein paar Jahre zurück und nahm ihren Anlauf an Regers Stammtisch im Tröbeser Gasthof Bodensteiner.

Großer Arbeitsaufwand


Der Geistliche war damals auf Heimaturlaub. Im regen Diskurs kam die Sprache auf Regers Beruf: er ist Zimmerermeister. Unter anderem hat der Handwerker acht Donauzillen gebaut. In dem Gespräch hörte der Pater, dass man so ein Boot mit wenigen Brettern und in nur zwei Tagen fertigstellen kann. Dies interessierte ihn vor allem, weil die Einheimischen im Kongo nur Pirogen (Einbäume) kennen und nutzen, die mühsam und in bis zu sechs Wochen Arbeitsaufwand entstehen.

Ebola durchkreuzt Pläne


Noch konkreter wurde die Reiseidee durch die Vermittlung einer fachkundigen Begleiterin aus der Oberpfalz. Kindergärtnerin Waltraud Burger aus Speinshart war früher 20 Jahre bei Pater Ferdinand im Kongo - und wollte dort wieder einmal hin. Durch das Auftreten des Ebolavirus und den damit verbundenen Quarantänen musste Reger aber, kurz bevor es im vergangenen Jahr losgegangen wäre, die Reise verschieben.

"Heuer hat es aber kein Zurück mehr gegeben", erzählt der Böhmischbrucker. Vom 10. Januar bis 20. Februar erlebte er aufregende sechs Wochen. Der Flug von München nach Kigali (Ruanda) mit Zwischenstopp in Istanbul war noch nichts Besonderes. Doch bereits mit der Weiterreise nach Entebbe änderte sich das, der erste Buschflieger war nur noch ein Zwölfsitzer. Der letzte Teil der Strecke musste gar in einer einmotorigen Cessna mit nur vier Plätzen bewältigt werden. Noch dazu lag der Landeplatz mitten im Urwalddschungel.

Zur Empfangsdelegation um Pater Ferdinand mit rund 150 Einwohnern zählte auch ein Bläsertrio mit verbeulter Posaune, Tuba und Trompete. In den ersten Tagen kämpfte Reger noch mit der Gewöhnung an das Essen, da es fast nur Reis mit Bundu (Spinat aus Maniokblättern) oder Reis mit Bohnen gab. Erst später zeigte sich der damit verbundene Vorteil, denn spielend nahm er ab. "Ich hab' mich sauwohl gefühlt dabei", blickt der Handwerker zurück. Und beim kürzlich erfolgten Bluttest in der Heimat überraschten ihn die positiven Cholesterinwerte.

Schon am zweiten Tag im Kongo startete er mit seinen Arbeiten. Los ging es mit dem Bau einer Sakristei, wobei der 58-Jährige stets eine Helfermannschaft von zehn Leuten um sich hatte. Ein Sack Zement koste dort 30 US-Dollar, der Liter Diesel 3 US-Dollar. Der Rohbau stand schnell, kunstvolle Holzschnitzereien folgten. Etwas berufsfremd verlegte Reger dann unter einem Strohdach, das als Versammlungsort dient, noch ein Ziegelpflaster in Hexagon-Optik. Wobei die verschiedenen Ziegel direkt vor Ort hergestellt worden waren.

Helfer mit Flip-Flops


Dann widmete sich Reger dem Auftrag mit dem Boot. Die im Herbst per Telefon besprochenen Materialien waren hergerichtet. Immer wieder faszinierten den Böhmischbrucker die Helfer, die alles in Handarbeit herstellten, und dabei meist barfuß oder mit alten Flip-Flops an den Füßen arbeiteten. Eine uralte Hobelmaschine aus den 1930er Jahren, die die Kolonialmacht Belgien zurückgelassen hatte, funktionierte immer noch. Weil es aber im Dschungelgebiet keine Stromversorgung gibt, musste für deren Betrieb ein umgebauter Bulldogmotor dienen.

Reger hielt Wort, und in zwei Tagen war das Boot - ausgelegt auf 6 Personen - fertig. Als die Zille im Uele, der dort so breit ist wie die Donau bei Budapest (nur voller lauernder Krokodile und Nilpferde), zu Wasser gelassen wurde, verfolgte das Dorf gespannt die Jungfernfahrt Regers. Und erst nach mehreren erfolgreichen Ruderschlägen kam Beifall und Jubel am Ufer auf.

Untergebracht war der Zimmerermeister bei Pater Ferdinand, der vor 40 Jahren mit nur einem Kollegen für die Betreuung eines Gebiets in der Größe Unterfrankens zuständig war. Mittlerweile hat er in rund 80 Orten schon Kapellen gebaut. Jetzt habe der Tröbeser fünf einheimische Patres zur Unterstützung. Nach Fertigstellung der drei Objekte innerhalb von zweieinhalb Wochen half der Handwerker noch am Weiterbau einer Schule mit.

Spaß für alle


Tief beeindruckt war Reger von der Lichterprozession mit dem Dorffest im Anschluss an Mariä Lichtmess. Dabei entstand die Idee, aus einem alten Fahrradschlauch als Gummi, drei Brettern und den Resten der drei Schachteln Schrauben, die er mitgenommen hatte, eine Schaumkuss-Wurfmaschine zu bauen. Schaumküsse standen zwar nicht zur Verfügung, aber der Pater hatte jede Menge Bonbons. Nicht nur die Kinder, sondern auch die Erwachsenen stellten sich wieder und wieder an. "Das war ein nicht enden wollender Spaß für alle."

Der Böhmischbrucker fertigte zudem für den Pater eine Sonnenuhr aus Brettern ans Haus, und in Amadi malte er eine an die Missionsstation. Den extra gekauften Akkuschrauber ließ er bewusst zurück: "Jeden Tag staunten die Menschen aufs Neue, welche Möglichkeiten solch ein Ding eröffnet." Überhaupt habe er den Eindruck gewonnen, dass "die Menschen dort trotz ihrer Armut glücklicher und zufriedener als in unserer Wohlstandsgesellschaft sind. Aber wenn schwerere Krankheiten über sie kommen, verfallen sie schnell in Lethargie. Vermutlich aus dem Wissen, dass sie sich niemals eine Operation oder teure Medizin leisten können".

Der süffige Palmwein (Congolo) ist nur ein kleiner Grund, weshalb Reger spätestens in drei Jahren unbedingt wieder in den Kongo möchte. Vielmehr hätten ihn die ehrlichen Gefühle der Einheimischen begeistert: "Du kannst jede Stunde etwas Sinnvolles machen und erntest so viel Dank dafür."
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.