Ehemaliger Steinrestaurator Wolfgang Rüdell
Im Bauwagen auf Denkmal-Tour

Der ehemalige Steinrestaurator Wolfgang Rüdell lebt in einem gemütlichen Bauwagen, wenn er durch die Lande zieht. Derzeit legt er einen Zwischenstopp in Vohenstrauß auf dem Festplatz ein. Dann will er weiter nach Pleystein und Waidhaus. Eventuell reist er auch ein paar Tage nach Pilsen. Bild: dob
Wirtschaft
Vohenstrauß
12.05.2016
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Als er mit 65 Jahren vom Gerüst herunterkletterte und in Rente ging, nahm sich Wolfgang Rüdell aus Bamberg vor, alle Kunstdenkmäler abzuklappern, die er als Steinrestaurator nicht besucht hatte. Seither tuckert der fast 72-jährige mit einem grünen Kramer-Traktor ohne Verdeck und einem bunten Bauwagen durch die Lande.

"Der Hut ist meine Sonnenbrille." Und wenn es mal regnet, dann legt der graubärtige Mann einfach eine Pause ein. Durchaus auch länger. "Wenn ein Rentner nicht mehr Zeit hat, wer dann?", so der Oberfranke. "Diese Art zu reisen entschleunigt." Sein Kompass und sein Reiseführer ist das Dehio-Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Allein für die Oberpfalz sind darin 900 Seiten beschrieben, unter anderem auch ein Grundriss vom Schloss Friedrichsburg. Diesen Besuch hebt sich Rüdell für einen Regentag auf.

Diplom-Pädagoge


Vieles hat der Mann in den vergangenen sechs Jahren auf seinen Touren schon gesehen. Was ihm noch fehlte, waren Altbayern mit der Oberpfalz, Nieder- und Oberbayern. "Das was in der Nähe ist, kennt man meistens am wenigsten." Als er noch arbeitete, blieb keine Zeit, um die vielen baulichen Schönheiten mit Muße anzuschauen. Als Restaurator war er beim Unesco-Weltkulturerbe der Wieskirche im bayerischen Pfaffenwinkel erstmals hauptverantwortlich dabei, als leitender Restaurator verlieh er dem Bremer Rathaus alten Glanz. Er kennt aber auch die steinerne Struktur des Bernburger Schlosses. 18 Jahre hat der zum Handwerk gewechselte Diplom-Pädagoge bei der fränkischen Firma Bauer-Bornemann gearbeitet und war auch bei Arbeiten am Naumburger Dom dabei.

"Das schönste Kompliment war immer, wenn die Leute nach unserer getanen Arbeit sagten, was habt ihr denn das ganze Jahr über gemacht?" Historische Gebäude und Steindenkmäler sind unersetzliche Originale. Sie zu erhalten und ihre Authentizität zu wahren, war Rüdells große Verantwortung.

Heute tingelt er mit seinem Traktor, Baujahr 1962, und dem zweiachsigen Bauwagen-Anhänger mit 15 Kilometern pro Stunde durch die Gegend und wo es ihm gefällt, bleibt er stehen. Für die Besuche der Baudenkmälern im Umkreis von bis zu 30 Kilometern steigt Rüdell auf sein Motorrad, das er während der Fahrt quer zur Deichsel festzurrt und transportiert. Dort steht auch eine Bücherkiste, mit gelesenen Werken, die er verschenkt. Der buntlackierte Bauwagen erhielt seine Farben durch Kindergartenkinder.

Richtig gemütlich eröffnet sich die Welt im Inneren wie ein rollendes Ein-Zimmer-Appartement eines Studenten mit Schreibtisch am Fenster, Küche mit Propangasherd, Esstisch, Schlafplatz und unzähligen Büchern in Regalen ringsherum, die meisten über Architektur. Die Bücher liest er, wenn er mal nicht gerade eine barocke, romanische oder gotische Kirche in der Gegend besucht oder an seinen Büchern und Briefen schreibt.

Völlig autark


Rasend schnell dreht sich bei den Vohenstraußer Windverhältnissen ein Mini-Windrad am Heck des Bauwagens und sorgt für Strom, denn Rüdell lebt völlig autark. Ziemlich früh, Ende Februar, machte er sich diesmal auf seine Tour. "So bald und so lang es geht", will er unterwegs sein. In der Region gibt es noch jede Menge zu entdecken. Gefallen habe ihm besonders das Altenstädter Gotteshaus, aber auch in Waldau und in Wilchenreuth war er schon.

Über die Fränkische Schweiz reiste er von Michelfeld, Auerbach und Vilseck, Eschenbach und Speinshart nach Waldsassen, Erbendorf und Neustadt/WN und anschließend nach Vohenstrauß. Vielbefahrene Straßen meidet Rüdell oder befährt sie erst am Abend, wenn nicht mehr so viele Autos unterwegs sind. "Man will ja nicht zum Hindernis werden." Im vergangenen Jahr verbrachte er drei Monate in Belgien. Luxemburg und in den Niederlanden. Er war aber auch schon einige Wochen in Polen und dann in Lothringen. Entlang der Romanischen Straße lernte der Oberfranke schöne Dorfkirchen kennen.

Als eine glückliche Fügung sieht der Rentner sein "Fundstück" an: Den Kramer-Bulldog habe er zwei Jahre bevor er sein Nomadenleben begann, in einer eingewachsenen Brombeerhecke gefunden. Mit einem Freund baute der Bamberger eine neue Batterie ein und der Traktor, der noch fast bis obenhin mit Diesel gefüllt war, sprang sofort an. Allerdings besitzt er nicht mehr das Original "Kramer-Mint-Türkis", sondern gleicht eher einem "Deutz-Grün".

Nur kurze Zeit im Winter, wenn es mal gar zu unwirtlich und frostig werde, schlüpfe er in Bamberg in einer für wenig Geld angemieteten Wohnung bei einem Freund unter. Die übrige Zeit ist der Bauwagen sein Zuhause. Tauschen möchte er mit niemandem auf der Welt, denn er ist rundum glücklich und zufrieden. Einsamkeit kennt der gebürtige Erfurter nicht.

Schönheiten aufsaugen


Immer wieder bleiben Passanten an seinem markanten Zugfahrzeug stehen, schnell kommt der ehemalige Steinrestaurator mit den Besuchern ins Gespräch. Er wird überall für seine Lebensführung bewundert und beneidet. Anhalten, wo immer es einem gefällt, - nicht jeder kann es. Rüdell macht es und genießt jeden Augenblick, wenn er die Schönheiten des Landes entdeckt und in sich aufsaugt. Und es gibt noch vieles, was er besuchen möchte.

Zur PersonWolfgang Rüdell wurde 1944 in Erfurt geboren, kam aber mit acht Jahren schon in den Westen. Nach dem Abitur in Düsseldorf und verschiedenen Studienversuchen (evangelische Theologie, Medizin, Lehramt) in Göttingen und Bamberg absolvierte er ein Studium zum Diplom-Pädagogen. Danach zahlreiche berufliche Tätigkeiten unter anderem als Regieassistent, Journalist, Seminarleiter, Sanitäter, Gastwirt, Schreiner und Steinrestaurator. Seit seinem Ruhestand widmet sich Rüdell seiner größten Leidenschaft, dem Schreiben. (dob)
Diese Art zu reisen entschleunigt.Wolfgang Rüdell
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