Pfingsten 1986 eskalieren die WAA-Protest-Aktionen
Brutal am Bauzaun

Pfingsten 1986: Etliche Hundert Meter vom WAA-Bauzaun entfernt setzten gewalttätige Demonstranten ein Polizeifahrzeug in Brand. Ob dies vor oder nach dem von der Polizei geschickten Hubschrauber geschah, der das international geächtete CN-Reizgas abwarf, ist umstritten.
Vermischtes
Wackersdorf
19.05.2016
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Die Betreibergesellschaft DWK sollte verschwinden. Und so geschah es dann auch. Das in Hannover ansässig gewesene Unternehmen ist längst aufgelöst und die Wiederaufarbeitungsanlage gehört der Geschichte an. Ein Segen für die Region, wie man sich in der Oberpfalz einig ist.

Plötzlich war ein Dröhnen in der Luft. Was dann geschah, glich Kriegsszenen: Ein Polizeihubschrauber flog heran und warf das international geächtete CN-Reizgas auf eine Menschenmenge. Geschehen an Pfingsten 1986 bei Wackersdorf.

Ein Wochenende wie so viele zu Zeiten von Demonstrationen im Taxöldener Forst bei Wackersdorf (Kreis Schwandorf). Die Leute protestierten gegen ein gigantisches Atomprojekt, das keiner in der Oberpfalz so recht haben wollte. Doch die Betreiber, die Firma "Deutsche Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK)", genossen volle Unterstützung des damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (CSU). Bis heute fragt man sich, warum das so war.

Zu Pfingsten 1986, vor 30 Jahren also, kamen geschätzt zwischen 15 000 und 20 000 Menschen an den stählernen Bauzaun der Wiederaufarbeitungsanlage. Wenige Wochen nach dem Super-Gau im Kernkraftwerk Tschernobyl hatte sich die Sorge der Leute vergrößert. Das nutzten auch Gewalttätige aus dem linken Spektrum. Ihr Zahl wurde seinerzeit auf etwa 1000 geschätzt. Sie starteten massive Attacken, griffen vermummt den Bauzaun an, stoppten Züge, stahlen schließlich auch einen Bulldozer und versuchten, sich Zugang zum umgrenzten WAA-Gelände zu verschaffen.

Überforderte Polizei


Die Polizei war total überfordert. Ihre Führung, angesiedelt in einem Lagezentrum auf dem Schwandorfer Weinberg, hatte die Lage offenbar völlig falsch eingeschätzt und entgegen früherer Gepflogenheiten nur rund 1000 Beamte nach Wackersdorf geschickt. In aller Eile wurden Einsatzkräfte nachgeordert. Aus allen Teilen der Republik rückten sie an, brachten auch Wasserwerfer mit. 44 solcher Kolosse fuhren schließlich auf. Nur einer kam nicht. Er war von Berlin aus auf die Reise geschickt worden und wurde von damaligen DDR-Grenzern an der Durchfahrt nach Süddeutschland gehindert.

Fest steht: Es gab massive Auseinandersetzungen am 17. und 18. Mai 1986 am Bauzaun. Die Masse der Leute aber blieb friedlich. Am 19. Mai, dem Pfingstmontag, eskalierten die Dinge in schier unbeschreiblicher Weise. Die Polizei behauptete später, sie hätte eingreifen müssen, als plötzlich weitab vom Zaun zwei Einsatzfahrzeuge von sogenannten Chaoten in Brand gesetzt wurden. "Völlig falsch", sagt auch heute noch der damalige Schwandorfer Landrat Hans Schuierer (SPD), der sich an die Spitze des Widerstands gegen die WAA gestellt hatte. "Erst kam der Hubschrauber, dann erst loderten die Polizeiautos", erinnert sich der 85-Jährige.

Der Helikopter nahte aus westlicher Richtung, kreiste sehr niedrig über einer aus Kindern, Frauen, Männern bestehenden Menschenmenge und warf dann völlig unvermittelt in Styropor verpackte Blechpatronen mit dem international geächteten CN-Reizgas ab. Das hoch gefährliche Gas strömte aus, verursachte teilweise schwere Verletzungen bei etwa 600 Personen. Notärzte und Sanitäter gingen in einen Stunden dauernden Großeinsatz. "Das hier ist Krieg", sagten Betroffene später zu Rundfunk- und Zeitungsreportern. Auch Medienvertreter blieben bei diesem Angriff aus der Luft, der irgendwie an Vietnam erinnerte, nicht ungeschoren. Schlimmer aber war noch, dass ein Demonstrant Herzprobleme bekam und daran starb. Es gab Pressekonferenzen nach diesem Pfingstwochenende. Die WAA-Gegner sprachen von einem "unvorstellbaren Gipfelpunkt staatlicher Gewalt." Aus Richtung München tönte es durch den bayerischen Innenminister Karl Hillermeier sinngemäß: "Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um." Die von ihm als oberstem Dienstherr repräsentierte Polizei übermittelte die Nachricht, es gebe 200 verletzte Beamte.

Kommunistisches Pack?


Die WAA-Kämpfe führten zu Auswechslungen auf höchster Ebene. Polizeipräsident Hermann Friker musste ebenso gehen wie Karl Schweinoch, seinerzeit Chef der Polizeiabteilung im Ministerium. Danach hatte auch Innenminister Karl Hillermeier seinen Hut zu nehmen und wurde durch August Lang ersetzt. Bei Franz Josef Strauß waren sie in Ungnade gefallen. Erneut hörte man seine generelle Betrachtung, dass sich in Wackersdorf "kommunistisches Pack" herumtreibe. Was der Ministerpräsident auch nach diesem Pfingstwochenende 1986 ignorierte, war aber: Die Oberpfälzer, bis dahin der CSU sehr treu, stemmten sich massiv gegen die Atomanlage. Mit Kommunismus hatten sie nie etwas am Hut. "Ein-Mann-Demokratur", nannte Landrat Hans Schuierer damals das, was Strauß in Szene setzen ließ.

1989 starb Franz Josef Strauß. Sein Nachfolger Max Streibl stellte die WAA zur Debatte. Noch im gleichen Jahr zog die DWK ab. Das Milliardenprojekt wurde zu den Akten gelegt. Bis heute ein Segen für die gesamte Region. Denn danach blühte der gerodete Taxöldener Forst zu einem Industriestandort auf.
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Hilde Lindner-Hausner aus Kohlberg | 23.05.2016 | 17:45  
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