Vor 30 Jahren am Baugelände der WAA
Zusammenstoß mündet in riesigen Feuerball

Wackersdorf - WAA - Zusammenstoß Triebwagen mit Polizeihubschrauber 7. September 1986. Bild: Gerhard Götz
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Wackersdorf
07.09.2016
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Es war an einem Sonntag. Einer von unzähligen, an denen Kernkraftgegner am Bauzaun der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf unterwegs waren. Genau um 17.40 Uhr an diesem 7. September 1986 stieg über dem Gelände ein riesiger Feuerball auf. Er kündete vom Zusammenstoß eines Hubschraubers und eines DB-Triebwagens.

Es gab viele schwere Unglücke in der Geschichte des Landkreises Schwandorf. Zwei aber ragen besonders heraus: Das Versinken des Flussspatwerkes Stulln am 15. November 1981 in einem sich plötzlich auftuenden Erdloch und der Zusammenstoß eines Triebwagens mit einem Polizeihubschrauber auf dem Schienenstrang im Taxöldener Forst. Bis heute sind diese Ereignisse bei denen nicht vergessen, die als Helfer an die Unglücksorte gerufen wurden. Sie trafen auf ein Chaos.

7. September 1986, ein Sonntagnachmittag. Am Bauzaun der WAA Wackersdorf sind Demonstranten unterwegs. Wie immer in diesen Zeiten werden sie von starken Polizeieinheiten beobachtet. Um 17.29 Uhr fährt vom Schwandorfer Bahnhof aus ein sogenannter Leertransport mit der Nummer LTO 14 509 ab und nimmt auf der eingleisigen Strecke Kurs in Richtung Cham. Der Triebwagen, gesteuert von einem 51-Jährigen aus Wackersdorf, steht in keinem Fahrplan.

Schnell nach hinten


Als der Triebwagenführer im Taxöldener Forst nördlich des WAA-Bauzauns aus einer langgezogenen Biegung kommt, sieht er völlig unerwartet einen Hubschrauber vor sich. Der Helikopter "Edelweiß 2" steht knapp über dem Gleisstrang in der Luft, er hält sich dort. Der 51-Jährige leitet noch eine Notbremsung ein. Dann verlässt er im Eilschritt seinen Führerstand, bringt sich nach hinten in Sicherheit. Eine lebensrettende Entscheidung.

Sekunden später prallen Schienen- und Luftfahrzeug mit ohrenbetäubendem Krachen ineinander. Sie geraten sofort in Brand, ein Feuerball steigt über dem Wald auf. Es ist etwas geschehen, das es so nie zuvor in der deutschen Geschichte gab.

In dem Hubschrauber sitzen fünf Polizeibeamte: Der 41-jährige Pilot, sein Co-Pilot und hinter ihnen drei Kollegen. Sie tragen großteils schwerste Verletzungen davon. Einer von ihnen, seinerzeit 31 Jahre alt und aus dem Kreis Regensburg stammend, stirbt später in einer Spezialklinik. Die anderen überleben. Doch sichtbare Spuren am Körper bleiben ihnen.

Um 17.46 Uhr lösen BRK und Feuerwehr Großalarm aus. Auf der Anfahrt werden sie behindert durch massive Wegsperrungen, die trotz vorheriger Warnungen und Bedenken von der Polizei "aus Sicherheitsgründen" veranlasst worden waren. Den Helfern wird auch nicht gesagt, um was es sich handelt. "Wir gingen von einem Waldbrand aus", sagte der im letzten Jahr verstorbene Kreisbrandinspektor Fritz Schmid.

Wie konnte dieses Unglück geschehen? Es gab damals mehrere Versionen von dem Unglück. Eine davon lautete: Der Hubschrauber im Dienst der bayerischen Polizei habe Demonstranten verfolgt, die angeblich mit Steinen warfen. Von daher sei der Pilot über dem Gleisstrang niedergegangen, um die ihn begleitenden Beamten zwecks Verfolgung abzusetzen. Das wurde später von WAA-Gegnern angezweifelt. Sie sprachen von einem unglaublich leichtfertigen Manöver. Unbestritten war der materiell entstandene Schaden. Er betrug rund 2,5 Millionen Mark.

Die Staatsanwaltschaft in Amberg hielt sich bedeckt. Wie eigentlich regelmäßig in jener Zeit, wenn es zum Nachteil der Polizei ging.

Irgendwann sickerte durch, dass es auch Nachforschungen in Richtung des Triebwagensführers gab. Als dies geschah, sagte der völlig verzweifelte Mann bei einem Besuch in der Schwandorfer NT-Redaktion: "Was hätte ich tun sollen? Ich konnte den Triebwagen ja nicht aus den Schienen heben." Diesem plausiblen Argument wurde von der Behörde gekontert: "Wir müssen in alle Richtungen ermitteln."

Pilot verurteilt


Das Verfahren gegen den Bahnbediensteten verlief im Sand. Die Ermittlungen gegen den Piloten mündeten in eine Anklage. Er kam in Schwandorf vor Gericht. In Erinnerung von diesem Prozess ist geblieben, dass der Mann aus Oberbayern argumentierte, er sei schließlich Pilot des damaligen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß. Doch das nahmen die Richter nur als Randinformation zur Kenntnis. Sie kamen zum Schuldspruch.

WAA verursacht politische ErdbebenNur wenige Tage nach dem Zusammenstoß eines Triebwagens und eines Helikopters auf der Strecke Schwandorf-Cham gab es ein weiteres Ereignis, das im engen Zusammenhang mit der damals im Bau befindlichen Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) stand.

Bei der Wahl zum Land- und zum Bezirkstag mussten damals CSU-Mandatsträger die Segel streichen. Der amtierende MdL Manfred Humbs aus Schwandorf verlor gegen den SPD-Bewerber Dietmar Zierer aus Burglengenfeld. Zierer war damals bereits Listenabgeordneter und stellvertretender Landrat. Das Direktmandat für den Bezirkstag nahm SPD-Mann Franz Koller aus Poggersdorf dem CSU-Kandidaten Karl Trettenbach aus Schwandorf ab. Alle vier Politiker sind zwischenzeitlich verstorben.

Auch das ist 30 Jahre her: Im Schwandorfer Sepp-Simon-Stadion wollte bei einer Kundgebung neben dem damaligen Innenminister August Lang (CSU) auch Ministerpräsident Franz Josef Strauß sprechen. Die Christsozialen hatten dazu eigens Einlasskarten drucken lassen. Doch sie wurden in Kreisen von WAA-Gegnern kopiert. Damit sahen sich sowohl Strauß als auch Lang einer Menschenmenge gegenüber, die sie gellend auspfiff. Das war ihnen vorher in Bayern nie passiert.

Spätestens ab diesem Abend wussten sie, dass da nicht nur die oft von ihnen propagierten "Chaoten von auswärts" gegen das gigantische Atomprojekt protestierten. (hou)
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