Jeden Morgen ein neuer Schwung

Aminollah, zwei Jahre, der jüngste "Aufgriff" vom Donnerstag. Der Junge ist seit 25 Tagen unterwegs: Afghanistan, Pakistan, Türkei, Iran, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Tschechien, Deutschland. Aminollah ist in Baghlan geboren. Manche kennen die nordafghanische Stadt vielleicht aus dem Fernsehen: Bomben, Terror, Taliban. Bild: ca
Lokales
Waidhaus
01.08.2015
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Donnerstag, 6.30 Uhr. Sonnenaufgang in Waidhaus. Nebel über den Wiesen. Bei den Beamten der Bundespolizei dampft noch der Kaffee, als das Telefon klingelt. Der Zoll ist dran. Auf der A 6 ist eine slowakische Schleuserin mit sechs Afghanen angehalten worden. Die Flüchtlinge kommen im Morgengrauen. Jeden Morgen.

Keine 30 Minuten später sitzen bei der Bundespolizei sechs müde Afghanen. Der Jüngste ist zwei Jahre alt: Aminollah. Seine Eltern teilen ein internationales Eltern-Schicksal. Sie wollen schlafen, aber das Kind nicht. Aminollahs Vater und Mutter haben sich auf Pritschen in der Zelle eingerollt. Auf ihnen turnt der Zweijährige herum.

Hinter ihnen liegt eine lange Nacht: Um Mitternacht sind sie in Ungarn in das Auto der Slowakin gestiegen. Um 6.45 Uhr winkte der Waidhauser Zoll den Skoda Oktavia von der A 6. Kommunikation ist nicht möglich. Die Übersetzerin für Farsi und Paschtu ist angefordert. Das kann dauern. Dolmetscher sind in diesen Tagen gefragte Leute.

Zehnjähriger alleinreisend

Die Schleuser haben die Route über Waidhaus wiederentdeckt. Als "Seitenarm der Balkanroute". Seither vergeht kein Tag, an dem die Bundespolizei keine Neuankömmlinge verzeichnet. In diesem Beruf entwickelt man offenbar eher Mitgefühl als Fremdenfeindlichkeit. "Der direkte Kontakt baut Vorurteile ab", sagt Polizeisprecher Hans Miesbeck.

Ermittler Gerhard Schwab hätte neulich einen minderjährigen Flüchtling am liebsten mit nach Hause genommen. Mohamad, 10 Jahre, alleinreisend. Er war mit 60 anderen auf der Ladefläche eines Lastwagens aus Budapest eingeschleust worden. Ausgesetzt am Ortseingang Waidhaus. "Ein netter Racker. Wenn der noch länger da gestanden wäre, hätte ich ihn mitgenommen", sagt Schwab. Am Ende nahm ihn das Jugendamt mit. Eine Pflegefamilie hat sich nicht gefunden. Er lebt mit minderjährigen Flüchtlingen in einer Wohngruppe.

9 Uhr. Im Büro der Ermittler nimmt die rothaarige Schleuserin aus der Slowakei Platz. "Grimms Märchenstunde" beginnt. Sie habe die sechs Afghanen um 1 Uhr an einer Tankstelle bei Budapest mitgenommen. Wildfremde. Aus Mitleid. Ohne Bezahlung. "Sie hatte sowieso Urlaub", übersetzt die Slowakisch-Dolmetscherin, und man sieht sogar ihr an, dass sie kein Wort glaubt.

Good Cop, bad Cop. Vernehmer Franz Strobl stellt mit ungerührter Miene seine Fragen. Gegenüber sitzt Kollege Bernhard Grötsch. Er kann Tschechisch und tippt im I-Phone der Slowakin herum. Ständig piept's. Es gehen munter SMS ein. "Wer ist mylove?", fragt Grötsch. Die Dame rutscht nervös auf ihrem Stuhl herum. Am Ende stellt sich heraus: Unter "mylove" ist ihr kamerunischer Freund abgespeichert. Wohnsitz Budapest und Zypern. Er hat fünf Handynummern. Strobl kramt aus der Leoparden-Tasche der Slowakin eine Schachtel Zigaretten: "Gehen Sie rauchen. Denken Sie nochmal nach." Als sie wieder kommt, gesteht sie vier Schleusungen seit 20. Juli über Waidhaus. Der Kameruner hat ihr die Kunden in Budapest ins Auto gesetzt.

Feta, Brot und Schokolade

10 vor 10. Die Dolmetscherin für die Afghanen trifft ein. Aminollahs Vater bittet um Nahrung für das Kind. Ein schmaler Mann mit ernsten Augen, den Gürtel ins letzte Loch geschnallt. "Brot? Käse?", fragt Vernehmer Franz Haberfellner. Ein Mitarbeiter läuft zum "Netto" und holt Feta und Brot. In der Zwischenzeit angelt die Übersetzerin aus ihrer Tasche einen Schokoriegel für den Kleinen. Sie kämpft mit den Tränen. "Mich macht das so traurig." Dabei sind's noch nicht einmal Landsleute. Sie ist Iranerin.

Um 11 Uhr kommen zwei Mitarbeiterinnen des Jugendamtes zum Abholen der unbegleiteten Minderjährigen". Im Skoda waren zwei Jugendliche, 14 und 17. "Wir könnten uns hier ein Büro einrichten", scherzen die Frauen. Über 100 Minderjährige hat man bereits in Obhut genommen. Die Jungs hätten es nicht verdient, abgestempelt zu werden. "Da war bisher keiner dabei, der irgendetwas angestellt hätte."

Viele Geschleuste wissen nicht einmal, wo sie sind. Letzten Samstag ließ ein Lkw-Fahrer seine Kunden im Morgengrauen beim Feldspatwerk Waidhaus aussteigen. In Sichtweite zur Bundespolizei. "Wir mussten nur rausgehen und winken", berichtet Dienstgruppenleiter Ralf Höllering. "Almanya?", fragte ihn ein Iraker. Im Hof der Bundespolizei skandierten junge Männer: "Freedom! Freedom!"

"Ich fahre abends wieder heim", sagt Bundespolizist Franz Völkl. "Aber was passiert mit denen?" Privat war er neulich in Waldthurn zu einem Essen beim Frauenbund eingeladen. Asylbewerberinnen aus Armenien, Äthiopien, Aserbeidschan hatten gekocht. "Die sind bei uns super integriert." Gerade die Kinder sprächen schon gut Deutsch. "Aber diese Leute leben in ständiger Angst wegen ihrer ungewissen Zukunft. Die trauen sich nicht, glücklich zu sein."

Freitag. Ein neuer Morgen. Sonne, Nebel. 5.30 Uhr. Eine Streife meldet 16 Iraker beim alten Autobahnübergang. Wie er mit der Konfrontation allen Elends dieser Welt zurecht kommt? Völkl: "Indem wir anständig mit den Leuten umgehen." (Seite 3)
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