Mit Genscher auf der Stufe

Lokales
Waidhaus
24.11.2014
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Treffend in Szene setzt die Ausstellung im Gemeindezentrum ein Stück entscheidender Zeitgeschichte. Vor allem die liebevoll eingetragenen Anekdoten und Begebenheiten am Rande rechtfertigen den doppeldeutigen Titel der "Waidhauser Geschichte(n)".

Die Schau hat in der ersten Woche so eingeschlagen, dass bereits eine Vorentscheidung fiel: Die Präsentation wird weit ins neue Jahr hinein zu sehen sein. Es sind die Ideen der Umsetzung, das Ambiente vom ersten Gegenstand bis zum letzten Bild und der Charme eines gelungenen Konzepts, die sich zu einem harmonischen Erlebnis vereinen.

Meisterleistung

Obwohl die Verleihung des Kreis-Kulturpreises an den Heimatkundlichen Arbeitskreis (HAK) längst feststand, liefern die emsigen Mitglieder mit ihrer Ausstellung bereits wieder eine Meisterleistung. Die Einbindung des Treppenhauses gibt die sichere Begleitung, sich Stufe um Stufe dem jeweils zurückliegenden Jahr mit seinen bedeutendsten Geschehnissen zu nähern. Erhebliche finanzielle Mittel steckten die Verantwortlichen um Vorsitzenden Josef Forster neben dem enormen zeitlichen Aufwand in die Vorbereitungen. Mehrere Quadratmeter große Fotoplakate erwecken geschichtsträchtige Ereignisse und einstige Grenzanlagen unüberschaubar zu neuem Leben. Sei es der Zustand des Alten Grenzübergangs an der "Waidhauser Landstraße" oder jenes Bild mit Jiri Dienstbier und Hans-Dietrich Genscher, das um die gesamte Welt ging. Jede Menge Stacheldraht, original Grenzschilder zuhauf und sogar der Bolzenschneider mit dem die Politikprominenz damals den "Eisernen Vorhang" bei Novy Domky trennte, finden sich vor Ort. Dazu erlebt ein komplettes Dienstzimmer der Grenzbehörden mit authentischer Einrichtung in einem eigenen Raum seine Renaissance.

Genscher im Wohnzimmer

Über 100 Bilder, viele davon bislang unveröffentlicht, holen jenen 23. Dezember 1989 rechtzeitig zum 25-jährigen Jubiläum umfassend ins Gedächtnis zurück. Angefangen vom Tausch der tschechischen und deutschen Fahnen durch Bürgermeister Gustl Reichenberger und Peter Biehler am Tag vorher - zu einem Zeitpunkt, an dem die Grenzbehörden im Nachbarland noch gar nicht vom bevorstehenden Geschehen wussten. Dazu gesellt sich das bis ins letzte Detail aufgearbeitete Geschehen mit der Landung Genschers auf dem Sportgelände bis zum Vier-Augen-Gespräch beider Außenminister unterm Weihnachtsbaum im privaten Wohnzimmer bei der Hoteliersfamilie Biehler.

Eiserner Vorhang

Der dritte Teil erzählt, was dieser "Eiserne Vorhang" war: wie er ausgesehen hat, welche Truppen die Grenze drüben bewachten und welche Behörden herüben Dienst taten. Legenden und Fantasien ranken sich bis heute um das Geschehen in jener Zeit der damaligen CSSR. Uniformen, Grenzmodelle, beleuchtbare Riesenlandkarten oder bereits selten gewordene Objekte, wie Stolperdrähte und Hochspannungszäune sind zu sehen.

Einige Vorkommnisse vor 1989 erhalten dabei zusätzlich breiten Raum. Etwa die Niederschlagung der Bewegung "Prager Frühling" im Jahr 1968, als die russischen Panzer bis nach Waidhaus rollten. Oder die Stellung, die den Alliierten auf bayerischer Seite zukam. "Unbedingt sehenswert" lautet deshalb das einhellige Fazit vieler Besucher; nachlesbar im Gästebuch der Ausstellung.

Bei freiem Eintritt ist der Zugang während der Geschäftszeiten im Rathaus möglich. Führungen für Gruppen gibt es in Absprache mit Geschäftsleiter Josef Forster.
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