Pascher und Fahnenflüchtige

Lokales
Waidhaus
08.11.2014
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Der ehemalige Grenzpolizist Max Meixensperger weiß noch viele Anekdoten aus Zeiten, als noch der Eiserne Vorhang Deutschland und Tschechien trennte. Als Protokollschreiber erhielt er umfassende Einblicke in Staatssystem und Umgangsformen des Nachbarlands.

"Könnten Sie uns noch nach Weiden zum Einkaufen bringen?" Zunächst glaubte Protokollführer Max Meixensperger damals, die Frage müsse falsch aus dem Tschechischen übersetzt sein. Doch die Teilnehmer einer deutsch-tschechischen Grenzkommission hatten nach getaner Arbeit wirklich ein ernst gemeintes Reiseziel vor Augen.

Nicht ungefährlich

Was heute wie eine Gefälligkeit anmutet, war vor 40 Jahren in Zeiten des Eisernen Vorhangs ein nicht ungefährliches Unternehmen. Zumal es den Verhandlungspartnern aus der einstigen CSSR um nichts anderes als ums Paschen ging. Abgesehen hatten es die Funktionäre auf kleine Taschenrechner für 99 Pfennig und kauften diese paketweise. Meixensperger roch den Braten und hinterfragte: "Und welcher Preis lässt sich dafür in ihrem Land erzielen?" Die Antwort kam prompt: "Ab fünf Mark aufwärts."

Meixensperger erhielt umfassende Einblicke in die Gepflogenheiten des Nachbarlands. Weil er zudem die tschechische Sprache in Grundzügen beherrschte, war er auch immer wieder bei den unmöglichsten und außergewöhnlichsten Einsätzen gefragt. Bei seinem jahrzehntelangen Stationsleiter Heinz Goldberg genoss er zudem hohes Ansehen.

Eine Versetzung brachte den in Hochabrunn bei Waldmünchen geborenen Meixensperger 1971 nach Waidhaus. Streife gehen bei jeder Witterung und zu jeder Tages- und Nachtzeit war hier für ihn zunächst angesagt: von Waidhaus bis zum Pfrentscher Urwald Richtung Süden und auf der anderen Seite bis nach Reichenau, stets zu Fuß und oft alleine. Denn der Sprit für die wenigen Dienstautos war lange Zeit beschränkt, und so sei es vor allem zum Monatsende hin eng geworden. "Ein Budget gab es also damals bereits", scherzt der leidenschaftliche Erzähler. "Das war so in den 70er Jahren."

Später gehörten Kontrollen am Schlagbaum zu seinen Hauptaufgaben. Er erinnert sich an die vielen Persönlichkeiten, die er kennenlernte. Karel Gott vor allem. Auch dazu gibt es eine Geschichte: Als im Fernsehen in der Sendung "Preisrätseln" die Frage nach dessen Geburtsort gestellt war, gab der Moderator die Antwort Prag als richtig aus.

Das ließ Meixensperger nicht auf sich sitzen und er rief am nächsten Tag beim ZDF an. Er müsse es ja schließlich wissen, er kontrolliere mindestens einmal im Monat dessen Pass, und da stehe Pilsen als Geburtsort drin. Doch mehr als eine Entschuldigung sei dabei nicht herausgekommen. "Noch heute warte ich auf eine offizielle Richtigstellung." Und das, obwohl er schon seit 2003 in Pension ist.

Eine weitere Geschichte handelt von einem Flugzeug, mit dem ein Arzt aus Stuttgart Ende der 70er Jahre auf tschechisches Staatsgebiet geraten war. Dort wurde es von zwei russischen MIGs abgefangen und bei der Tillyschanz zum Landen gezwungen.

Bei der Rückgabe des Fliegers - Monate später - war Meixensperger für die Abholung erste Wahl. Mit zwei Kollegen und einem Piloten aus Latsch ging es streng bewacht nach drüben. Ein riesiges Aufgebot an Uniformierten, Funktionären und Kontrollen wartete bereits auf tschechischer Seite. "Pünktlich musste das Flugzeug nach langer Wartezeit dann aufsteigen, um nicht gleich wieder abgeschossen zu werden."

Noch heute bewegt ihn die Rücküberstellung eines fünfjährigen Buben, dem mit seinen Großeltern zunächst die Flucht über Österreich gelungen war. Da die Eltern es nicht geschafft hatten, war eine Rückkehr des Kinds die einzige Möglichkeit. Auch das zur Flucht genutzte Auto aus Tschechien sollte dabei gleich wieder mit zurückgebracht werden. "Das wäre dann beinahe ins Auge gegangen." Denn hinter der Grenze wurde die Angelegenheit sofort als Provokation gesehen.

Schikanen über Schikanen wären die Folge gewesen, immer mit dem weinenden Kind an der Seite. Schließlich sei es auch noch zu der Forderung gekommen, die in Waidhaus wartenden Großeltern an die Grenze zu bringen. Doch die rochen bereits Lunte und waren nicht mehr auffindbar. Das war auch gut so, denn als Meixensperger allein an die Grenze zurückkehrte, war dort bereits ein riesiges Aufgebot postiert, das die Fahnenflüchtigen wohl wieder ohne Skrupel zurückgeholt hätte.

Unerlaubte Ausreise

Gut erinnern kann er sich auch noch an zwei andere Flüchtlinge, denen die unerlaubte Ausreise gelang. Während der eine auf einem Baum wartete, die Plane eines Lastwagens oben aufschnitt und darin verschwand, klammerte sich ein anderer im Fahrgestell eines über die Grenze rollenden Lasters fest.

Trotz aller Erfahrungen ist der leidenschaftliche Fußballer und Tennisspieler heute gerne in Böhmen, nutzt Kontakte von früher und knüpft immer noch neue. Viele seiner eindrucksvollen Geschichten erzählte Meixensperger kürzlich beim CSU-Hutza-Abend im Gasthaus Biehler erstmals einem breiten Publikum.
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