Warten auf das Ježísek

Die deutschen und tschechischen Bräuche lassen sich zusammenbringen. Wichtig für die Balks ist, dass über Weihnachten die ganze Familie mit (von links) Marie, Johannes, Sabine und Michael zusammen ist. Bild: hfz
Lokales
Waidhaus
24.12.2014
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Die Familie Balk feiert deutsch-tschechische Weihnacht. Sie isst ganz normal Gans, hält aber auch nach dem goldenen Schweinchen Ausschau.

Das goldene Schweinchen hätte sie als Kind erblicken können - so versprach man ihr. Sie hätte an Heiligabend nur bis zum Abendessen fasten müssen - so besagt es eine tschechische Legende. Aber die Plätzchen waren dann doch immer zu lecker. Deshalb erzählt die 34-jährige Marie Balk schmunzelnd: "Ich habe nie etwas gesehen." Außerdem fragt die gelernte Bürokauffrau: "Welches Kind hält das schon aus?" Also am 24. Dezember bis abends nichts naschen und essen.

Vor sechs Jahren geheiratet

Ihre beiden Kleinen schaffen das jedenfalls nicht. Da ist sich Marie Balk sicher. Dafür sind ihre selbst gebackenen Plätzchen, die auf dem Esszimmertisch stehen, auch zu verführerisch für den fünfjährigen Johannes und die sechsjährige Sabine. Deshalb sagt die Frau aus Waidhaus: "Ich füttere meine Kinder gar nicht erst mit der Geschichte." Ob sie dennoch Ausschau nach dem goldenen Schweinchen halten, nachdem Marie Balk die Geschichte in Anwesenheit der Kinder erzählt? Ungewiss.

Die beiden Kinder wachsen mit Bräuchen aus zwei Ländern auf. Denn der deutsche Papa aus Waidhaus und die Mama, die aus dem rund 25 Kilometer entfernten Ort Tremesné pod Primdou stammt, lernten sich vor zehn Jahren in einer Pilsener Disco kennen. 2008 heirateten sie, und heute feiern sie deutsch-tschechische Weihnachten. Im Vordergrund steht vor allem eines: gemeinsam Zeit verbringen. Denn Papa Michael (39) ist als Elektrotechniker viel auf Montage. Beide Elternteile betonen: "Weihnachten in Deutschland und Tschechien ist ähnlich."

Ein paar Unterschiede gibt es aber doch. Kulinarisch etwa. Bei den Balks hat sich die tschechische Variante durchgesetzt. An Heiligabend gibt es Kartoffelsalat und panierten Fisch - so wie laut Marie Balk bei 90 Prozent der tschechischen Familien. Vor allem Karpfen kommt im Nachbarland an diesem Tag auf den Tisch. Bis vor zwei Jahren auch bei der Waidhauser Familie. Mittlerweile gibt es aber Hecht. Nach dem Essen müssen die Kinder zum Fenster und dem Christkind - oder dem Ježísek, wie es auf Tschechisch heißt - ein Lied singen. Egal in welcher Sprache. Johannes und Sabine wachsen zweisprachig auf. Anschließend folgt der große Moment - die Bescherung. Johannes und Sabine sind sich sicher, dass sie heuer reich beschenkt werden. Denn natürlich seien sie brav gewesen.

Am ersten Weihnachtsfeiertag ist die Familie bei den Eltern von Michael Balk, die ein Stockwerk tiefer wohnen. Ganz traditionell werden Gans oder Ente gereicht. Etwas ähnliches gibt es auch am zweiten Weihnachtsfeiertag, an dem die Balks in Pilsen bei Maries Schwester und Mutter sind. Was nicht fehlen darf, sind Wuchter, wie Marie Balk betont. Wuchter sind nichts anderes als böhmische Knödel.

Zu jung fürs Schuhwerfen

Bei diesem Anlass spricht die Familie vielleicht wieder über die tschechischen Bräuche. Bleigießen zum Beispiel, das in Deutschland zu Silvester Tradition ist. Oder das Schneiden eines Apfels in zwei Hälften nach dem Weihnachtsessen. Nachdem das Obst quer (das heißt am "Äquator" entlang) durchtrennt wurde, ist im Inneren idealerweise ein Sternchen zu sehen. Das bedeutet, dass alle im nächsten Jahr wieder glücklich beisammen sein werden. Ein viergliedriges Kreuz hingegen ist ein schlechtes Omen.

Für das Schuhwerfen sind die Kinder noch zu jung. Vor allem bei Mädchen wird der Brauch in Tschechien gelebt. Dabei stellt sich die ledige Dame mit dem Rücken zur Tür und wirft einen Schuh über ihre Schulter in Richtung Tür. Landet der Schuh mit der Spitze zur Tür, wird es eine Heirat innerhalb des nächsten Jahres geben. Marie Balk sagt: "Vielleicht machen wir das später mal." Momentan sind Johannes und Sabine wohl aber eher im Goldenen- Schweinchen-Alter. (Angemerkt)
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