Weiter Bolzenschneider sein

Der Blick durch den Gedenkstein in Neuhäusl (Nové Domky) lässt nur erahnen, wie sich die Menschen zu Zeiten des Eisernen Vorhangs gefühlt haben müssen. Bilder: Huber (4)
Lokales
Waidhaus
23.12.2014
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Es war ein kleiner Schnitt für die Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Jirí Dienstbier. Für Deutsche und Tschechen war die Durchtrennung des Stacheldrahtzauns bei Neuhäusl (Nové Domky) am 23. Dezember 1989 jedoch ein einschneidendes Ereignis.

Der Tirschenreuther Landrat und Euregio-Egrensis-Präsident Wolfgang Lippert nannte Hans-Dietrich Genschers und Jirí Dienstbiers Aktion beim Festakt zum 25. Jahrestag der Grenzöffnung in Neuhäusl (Nové Domky) am Dienstag eine "unverwechselbare und einmalige Geste der Aussöhnung zwischen beiden Völkern". Ein Bolzenschneider war damals "das Element des Zusammenbringens", sagte Lippert. Denn damals machten sich die Menschen beiderseits der Grenze auf, das jeweils andere Land zu erkunden, "was zuvor ja kaum möglich war".

Weitere Aufgaben

Seitdem ist viel geschehen. Unter dem Dach der 1993 gegründeten Organisation Euregio Egrensis liefen zahlreiche grenzüberschreitende Kooperationsprojekte wie Jugend-Sommertage, Schüleraustausch oder ein Tschechisch-Kurs für Waidhauser Feuerwehrleute. Weitere Aufgaben sowie Herausforderungen stünden jedoch an. "Lasst uns also auch in Zukunft ein Bolzenschneider sein, um weiter zu einer Normalisierung und Harmonisierung unserer Beziehungen beizutragen", rief Lippert die Ehrengäste auf, darunter die Bundestagsabgeordneten Uli Grötsch (SPD) und Albert Rupprecht (CSU), MdL Annette Karl (SPD) sowie Bürgermeister und Vertreter von Gemeinden des Grenzlands. Der Neustädter Landrat Andreas Meier hatte die Feierstunde "auf historischem Grund und Boden" organisiert. "Der 23. Dezember 1989 ist für unsere bayerisch-tschechische Grenzregion ein Tag, der Geschichte geschrieben hat." Mit der Durchtrennung des Stacheldrahtzauns hatten Genscher und Dienstbier "ein sichtbares Zeichen für eine Zeitenwende gesetzt". Beide Regionen "sind vom Rande Europas in die Mitte gerückt".

Sprache ganz wichtig

Ängste oder Befürchtungen über negative Auswirkungen der Grenzöffnung hätten sich nicht bewahrheitet. Vielmehr eröffneten sich neue Chancen für Wirtschaft und Tourismus, Kooperation von Kommunen, Städtepartnerschaften oder die Zusammenarbeit im Rettungswesen. "Von besonderer Bedeutung für lebendige Kontakte ist das Erlernen der jeweils anderen Sprache. Denn Sprache ist das Mittel, das uns ermöglicht, nicht über übereinander, sondern miteinander zu reden. Wir müssen ein Verbindungsglied sein zwischen zwei Völkern in einem gemeinsamen Europa", betonte Meier.

Auch Senator Miroslav Nenutil freute sich, "dass wir uns hier und heute begegnen können - als Nachbarn". Die Feierstunde sei "einfach zwischen den Bürgermeistern abgesprochen worden" und nicht von höheren politischen Stellen, wie es vor über 25 Jahren wohl noch gewesen wäre.

Nenutil verwies ebenfalls auf die vielen Kontakte, die seit der Grenzöffnung entstanden. Damit sei das Ziel erreicht worden, das mit dem Durchschneiden des Zauns damals verfolgt worden war. "Wir wünschen uns, dass es nirgends in Europa mehr Grenzen oder Stacheldrahtzäune gibt." Sprachkenntnisse hielt der Politiker aus Pilsen ebenfalls für dringend notwendig, "damit wir einfach auch mal beim Bier quatschen können".

Zeuge in Prag

Der zweite Teil der Veranstaltung ging im Waidhauser Rathaus über die Bühne. In seiner Festansprache erinnerte Landrat a. D. Simon Wittmann zunächst an den 2011 verstorbenen früheren tschechischen Außenminister. "Es ist heute kaum mehr nachvollziehbar, welchen Mut Jirí Dienstbier damals aufbringen musste, um den Drahtzaun durchzuschneiden." Die Nordoberpfalz sei zwar im Zentrum Europas gewesen, "aber dennoch am Ende der freien westlichen Welt". Zwischen Böhmen und Bayern gab es jahrhundertealte Verbindungen, "trotzdem konnte man nicht einfach so über die Grenze".

1989 hatte Wittmann bei einem Aufenthalt in Prag miterlebt, wie die Menschen aus der ehemaligen DDR in der deutschen Botschaft auf ihre Ausreise warteten. Diese zu ermöglichen, "war ein mutiger Schritt der Tschechen, die damit auch an der deutschen Wiedervereinigung einen entscheidenden Anteil hatten". Am 23. Dezember war der Tännesberger schließlich auch in Neuhäusl, sein "schönstes politisches Geschenk ist ein Stück Draht, dass beide Völker wieder zusammenführte" und heute bei ihm zu Hause einen Ehrenplatz hat.

Bürgermeisterin Margit Kirzinger sprach von einem "denkwürdigen Tag, dass der Gedenkakt in Waidhaus ist". Andererseits: "Wo sollte er auch sonst sein?" Sie erinnerte ebenfalls an die historischen Ereignisse und klammerte gewisse Anfangsschwierigkeiten nach der Grenzöffnung nicht aus. Denn die Freiheit war für die Gemeinde wegen des zunehmenden Verkehrs auch eine gewaltige Herausforderung. Die Autobahn habe die Situation aber entschärft.

Bedeutende Zäsur

Für ihren Amtskollegen aus Roßhaupt (Rozvadov), Borivoj Vrabec, war die Durchtrennung des Zauns "eine bedeutende Zäsur in unserer Geschichte" und eine "Basis für die neue Gesellschaft". Das Gefühl, an der Grenze zu leben, sei komisch gewesen. "Als wir das erste Mal nach Waidhaus gekommen sind, war das wie in einer ganz anderen Welt."
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