Hartnäckiger Stacheldraht

Der Stacheldraht, den der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP, links) und sein früherer tschechoslowakischer Amtskollege Jiri Dienstbier bei Waidhaus (Kreis Neustadt a.d. Waldnaab) an der deutsch-tschechoslowakischen Grenze symbolisch durchzwickten, ist in einigen Köpfen noch vorhanden. Bild: dpa
Politik
Waidhaus
23.12.2014
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Am 23. Dezember 1989 durchtrennen die Außenminister Genscher aus Deutschland und Dienstbier aus der Tschechoslowakei symbolisch den Eisernen Vorhang. 25 Jahre später ist die Grenze längst nicht so durchlässig wie einst erhofft.

Milan Horacek zieht ein Stück Stacheldraht aus einem Briefumschlag. Es ist ein unscheinbares Metallstück. Jahrzehntelang war es jedoch Teil des Eisernen Vorhangs, der Europa spaltete und die Tschechen von den Deutschen trennte. Der Politiker hat seine "Reliquie" der Geschichte, wie er es nennt, an einem denkwürdigen Tag vor genau 25 Jahren mitgehen lassen.

Symbolträchtiger Akt

Es war der 23. Dezember 1989, als zwei Außenminister in der Nähe von Waidhaus den Bolzenschneider in die Hand nahmen. Hans-Dietrich Genscher durchtrennte mit seinem neuen Kollegen Jiri Dienstbier symbolisch den Grenzzaun zwischen der Bundesrepublik und der damaligen Tschechoslowakei. Dazu musizierte eine Blaskapelle. "Es war feierlich, sehr freundlich, man könnte sagen, fröhlich", erinnert sich Horacek, der zu Genschers Delegation gehörte.

Ein andermal hatte Horacek keine Zeit, ein Stück Stacheldraht als Andenken mitzunehmen. Kurz nach dem sowjetischen Einmarsch in der Tschechoslowakei im August 1968 war der Tscheche über die streng bewachte Grenze in den Westen geflohen. "Da konnte ich natürlich keinen Draht abschneiden, das wäre zu gefährlich gewesen", sagt er. Viele Fluchtversuche endeten zu dieser Zeit tödlich. Deswegen war die Atmosphäre an jenem Samstag vor 25 Jahren für den Grünen-Politiker "sehr emotional", wie er sagt.

Der heute 87-jährige Genscher ließ ausrichten, dass ihm dieser Tag "unvergesslich" bleiben werde - genauso wie sein Freund Jiri Dienstbier (1937-2011). Genscher kannte den Dissidenten seit dem kurzen politischen Tauwetter der 1960er Jahre. Dann hatte das turbulente Wendejahr den Ex-Journalisten zum Minister gemacht. Heute erinnert nur noch ein Gedenkstein bei dem Dorf Nove Domky an die damalige Begegnung am Stacheldraht. Bei vielen Menschen geblieben ist die Mauer in den Köpfen. Mancherorts laufe die Zusammenarbeit in den Grenzregionen einwandfrei, sagt Joachim Bruss, einer der beiden Geschäftsführer des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. "Und es gibt andere Orte, an denen praktisch nichts geschieht."

Das will der Fonds ändern und macht deshalb "Grenze verbindet" zu seinem Jahresthema 2015. "Es sollen im Wesentlichen Projekte sein, die an der Grenze selbst stattfinden oder sich mit der dortigen Situation befassen", erläutert Bruss. Das könne vom Wanderverein, der die andere Seite erkunden will, bis zum Diskussionsabend reichen - etwa zum Thema "Wie läuft das zwischen uns?". Jährlich unterstützt der Zukunftsfonds mehr als 600 Projekte mit einem Gesamtbudget von rund 3,5 Millionen Euro.

Revolution lange her

Hans Eibauer, Leiter des Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) in Schönsee, mangelt es nicht an Einfällen. Er plant schon jetzt gemeinsame Probewochenenden, die deutsche und tschechische Musikschüler zusammenbringen sollen. "Die junge Generation müssen wir mitnehmen, ihnen diese Nachbarschaft fast beibringen", sagt der frühere Bürgermeister. Denn für die Jungen sei die Freiheitsrevolution von 1989 schon "ewig weit weg".

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Mehr zum Zukunftsfonds und zum CeBB:

http://www.fondbudoucnosti.cz/de http://www.bbkult.net
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