Karl Ochantel klärt Schicksal der Soldaten aus dem Altlandkreis Vohenstrauß auf
Schlacht an der Somme

Auch wenn Sebastian Burger der einzige Sohn inmitten seiner fünf Schwestern war, kam für ihn die Einberufung in den Ersten Weltkrieg. Erst vor einigen Jahren stellte Karl Ochantel vom Heimatkundlichen Arbeitskreis fest, dass Burger in einem Kameradengrab auf der Kriegsgräberstätte in Fricourt seine letzte Ruhe gefunden hat. Also ein geklärtes Vermisstenschicksal nach fast 100 Jahren. Das Foto entstand 1910 in Pfrentsch vor dem elterlichen Anwesen. Archivbild: fjo
Vermischtes
Waidhaus
01.07.2016
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Noch immer klären sich Schicksale aus der Schlacht an der Somme vor 100 Jahren. Sechs Tage Trommelfeuer, dann Sturmangriff am 1. Juli 1916: "Die Schlachten, die jetzt geschlagen wurden, gehören zu den gewaltigsten des ganzen Krieges", notierte General Ludendorff zu den Ereignissen während des Ersten Weltkriegs.

Im Juli 1916, zwei Jahre nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger, liegt der Ort Fricourt an der Somme in Frankreich im nördlichen Teil der fast 2 700 Kilometer verlaufenden Schützengräben der Westfront. Hier bereiteten die Engländer ihren größten Kriegsschlag gegen die deutschen Truppen vor.

Er steht unter Zeitdruck. Denn die Franzosen kommen seit dem deutschen Angriff auf Verdun im Februar 1916 in größte Bedrängnis. Nachdem die österreichisch-ungarische Offensive gegen die italienische Front am Isonzo im Juni 1916 scheiterte, setzt ein russischer Massenangriff an der Front in Polen und Galizien ein. Rumänien wendet sich von den Mittelmächten ab und marschiert in Siebenbürgen ein. Auch Soldaten aus dem Altlandkreis Vohenstrauß kämpfen in bayerischen Divisionen an der Seite der Monarchie an den Brennpunkten dieser Ostfront.

Granaten und Minen


Nun müssen auch die Engländer tätig werden. Bei Fricourt an der Somme geht das britische Expeditionskorps in Stellung. Die geschwächten Franzosen ziehen weitere Divisionen zusammen. Es soll die Entscheidungsschlacht im Westen werden. Auf einer Breite von 40 Kilometern stehen die Kanonen dicht an dicht. Am 24. Juni 1916 eröffnen 1500 Geschütze das Feuer auf die deutschen Linien mit Gasgeschossen, Granaten und Minen.

Auch britische Marinerohre und französische Haubitzen sollen den Weg freischießen für den Sturmangriff der Infanterie. Zwei Millionen Granaten zerfetzen die deutschen Schützengräben, Telefonleitungen und Meldegänger. Dann folgen Gasangriffe. Wer Chlor-Dämpfe und süßliches Phosgen riecht, hat seine Gasmaske schon zu spät aufgesetzt.

Die bayerische 10. Division erwartet mit Georg Hilburger und Salomon Mühlhofer aus Altenstadt, Jakob Grötsch aus Pfrentsch, Adam Landgraf aus Isgier und Georg Lehner aus Großenschwand den Ansturm der Franzosen im südlichen Abschnitt. Auch die Reserven sind nun mit dem neuen Stahlhelm ausgestattet. Am 27. Juni erhält Georg Baierl aus Lohma einen Granatsplitter in den rechten Unterschenkel.

Das deutsche Heer muss Divisionen und Munition von der Front bei Verdun abziehen und an die Somme leiten. Seit September 1915 ist das bayerische Pionierregiment mit Josef Hönig aus Moosbach an der Somme. Pionier Georg Sommer aus Vohenstrauß hat bereits eine leichte Verwundung überstanden. Am ersten Tag des Trommelfeuers stirbt der 32-Jährige nach einem Granatbeschuss "den Heldentod". Im Friedhof Assevillers wird er beerdigt. Heute ist sein Grab nicht mehr bekannt.

Am 30. Juni schreibt ein Soldat nach Hause: "Heute war's wieder ärger als gestern und vorgestern. Und noch immer erkennt man nicht, was der Engländer eigentlich will. Jedenfalls sollen wir völlig mürbe und seelisch gebrochen gemacht werden. Acht Tage währt nun morgen früh das Trommelfeuer."

Der Morgen des 1. Juli wird ein einziges Inferno schwerster Kaliber, Minen und Schrapnelle. Gasschwaden kriechen durch die Gräben. Plötzlich verlagert sich um 8 Uhr das Artilleriefeuer auf die rückwärtigen deutschen Stellungen, um den Reserven den Weg anzuschneiden. Das ist ein sicheres Zeichen des bevorstehenden Angriffs.

Dann bricht der Sturm der Engländer, Iren, Schotten, Kanadier, Australier und Franzosen los. Die Alliierten springen aus ihren Schützengräben in eine Mondlandschaft. Die deutsche Front ist durchgepflügt von Geschossen, die Gräben sind eingeebnet. Widerstand ist nicht mehr zu erwarten. Es erfolgt der Sturmangriff.

Plötzlich schlägt ihnen in fast allen Abschnitten schwerstes Abwehrfeuer der Deutschen entgegen. Die Pioniere hatten gute Arbeit geleistet. Starke Unterstände in mehreren Metern Tiefe hatten dem Beschuss standgehalten. Auch bei den deutschen Verteidigern häufen sich die Verwundungen: Martin Zollitsch aus Pleystein und Christian Kleber aus Eslarn erhalten Granatsplitter in den linken Oberarm beziehungsweise an den Kopf.

Viele Soldaten werden in den Verlustlisten als vermisst gemeldet. Bereits am ersten Tag geraten die meisten dieser Vermissten in Gefangenschaft, wie Xaver Gruber aus Burgtreswitz, Georg Lehner aus Oberlind, Johann Reil aus Waldau. Bei dem Pionier Joseph Kurz aus Waldau kommt erst nach einigen Monaten die private Mitteilung, dass er in englischer Gefangenschaft sei.

Bezeichnend für die Gewalt dieser Schlacht am 1. Juli ist, dass die Gefallenen zwischen Vohenstrauß und Waidhaus zunächst alle als vermisst gelten. Der in Miesbrunn geborene Georg Puff, der mit Frau und drei Kindern in Pleystein wohnte, wird seit dem 1. Juli als 35-jähriger Infanterist vermisst. Sebastian Burger aus Pfrentsch, der einzige Sohn von Johann und Elise Burger, meldet sich nicht mehr bei seinem Regiment. Die Division ist aufgerieben. Nach der Stammrolle im Kriegsarchiv München ist er am 1. Juli in den Kämpfen bei Hardecourt an der Somme als Ersatzreservist vermisst.

Zwei Kriegsgefangene in Frankreich bestätigen im Jahr darauf protokollarisch, dass Georg Puff am 1. Juli 1916 in der Schlacht an der Somme bei Montauban gefallen ist. Der ebenfalls bei Montauban vermisste Friedrich Bamler wird 1923 durch das Amtsgericht Vohenstrauß zum 1. Juli 1916 für tot erklärt. Der Tod von Karl Reil wird 1919 amtlich, da "mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dass der Vermisste in dem heftigen feindlichen Art.- und Inf.- Feuer den Tod gefunden hat."

Forschung geht weiter


Auch bei Sebastian Burger lautet die Entscheidung des Amtsgerichts: "Seit den Kampfhandlungen bei Hardecourt vermisst, Tod wurde bestimmt auf den 1. Juli 1916 nachts 12 Uhr." Erst vor einigen Jahren stellte Karl Ochantel vom Heimatkundlichen Arbeitskreis fest, dass Burger in einem Kameradengrab auf der Kriegsgräberstätte in Fricourt seine letzte Ruhe gefunden hat. Also ein geklärtes Vermisstenschicksal nach fast 100 Jahren.

Am 4. Juli ist klar, dass der erhoffte schnelle Durchbruch gescheitert ist. Die Offensive an der Somme endete erst im November 1916. Die Tageszeitung "Vohenstraußer Anzeiger" vom 24. Juni 1936 spricht von einem feindlichen Einbruch in die deutschen Linien von 10 auf 20 Kilometer und von Verlusten bei den Alliierten von über 700 000, bei den Deutschen von über 500 000. Tatsächlich sollen es bei den Briten und Franzosen etwa 650 000 gewesen sein. Die Deutschen hatten Gefallene, Vermisste und Verwundete von möglicherweise 550 000. Es war die verlustreichste Schlacht des Ersten Weltkriegs.

Der 1. Juli 1916 ist zum Inbegriff dieser Schlacht an der Somme geworden. Die zentrale deutsche Gedenkveranstaltung zum 100. Jahrestag dieser Schlacht wurde am 1. Juli auf der deutschen Kriegsgräberstätte in Fricourt vom Musikkorps der Bundeswehr begleitet. Am selben Tag fand die britische Gedenkveranstaltung auf der Commonwealth-Gedenkstätte in Thiepval an der Somme statt. Zu beiden Terminen hatte Ochantel Einladungen erhalten. Er ergänzt seit einiger Zeit die Daten über Gefallene des Altlandkreises Vohenstrauß in den Verzeichnissen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Jedenfalls sollen wir völlig mürbe und seelisch gebrochen gemacht werden. Acht Tage währt nun morgen früh das Trommelfeuer.Ein Soldat schreibt in seine Heimat
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