Kinder vor Industriekost schützen
Kathrin Kohl ist Ernährungsfachberaterin für alle Realschulen in der Oberpfalz

Ernährungsfachberaterin Kathrin Kohl: In nur zwei Generationen haben sich viele Essgewohnheiten komplett verändert. Bild: fjo
Vermischtes
Waidhaus
20.02.2016
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Christian Rach. Bild: dpa

Kathrin Kohl ist die Ernährungsfachberaterin für alle Realschulen in der Oberpfalz. Seit Jahresbeginn führte die Fachlehrerin aus Waidhaus mit verschiedenen Experten Interviews zum Thema Ernährungsbildung.

Für den "Neuen Tag" hat Kathrin Kohl für kurze Zeit die Fronten gewechselt und sich den Fragen unseres Mitarbeiters Josef Forster gestellt.

Wie wird man Fachberaterin, und welche Aufgaben beinhaltet das Amt?

Man beginnt mit einem fünfjährigen Studium, unter anderem an der Fachakademie, mit dem Beruf der Betriebswirtin für Ernährungs- und Versorgungsmanagement. Danach geht es ans Staatsinstitut für die Ausbildung von Fachlehrern für Ernährung und Versorgung. Als Fachberaterin plane, leite und organisiere ich Fortbildungen mit unterschiedlichen Themen für die Ernährungslehrer der Realschulen in der Oberpfalz.

Wo beginnt gesunde Ernährung?

Kathrin Kohl: Fehlentwicklungen können bereits im Kleinkindalter entstehen. Wenn das, was Mutter Natur in bester Zusammensetzung für ihn zubereitet hat, eben nicht mehr getrunken wird und nun künstlich zugefüttert wird. Muttermilch enthält genau die richtigen Stoffe, um eine optimale Entwicklung des Gehirns und Nervensystems zu gewährleisten.

In den ersten 1000 Tagen wird der Grundstock für ein gesundes Essverhalten gelegt. Kritisch sehe ich oft auch im Bekannten- und Verwandtenkreis, dass Kleinkinder viel zu früh zuckerhaltige Produkte bekommen. Solange Kinder nichts Süßes kennen, vermissen sie es auch nicht.

Wo würden Sie den Hebel ansetzen, um bei unserer Ernährung etwas zu verändern?

Kohl: Die systematische Vermarktung von Dickmachern macht nicht einmal vor den Jüngsten halt. Immer mehr werden heutzutage die Geschmacksknospen der Kleinen auf Industriekost fixiert. Es beginnt mit adaptierter Milch gleich nach der Geburt, mit Karottenbrei aus dem Gläschen, weiter mit Fertigmenüs der Kinderkost-Hersteller, später folgen Kartoffelpüree aus der Tüte und der schnellen Terrine aus dem Plastiknapf.

Das Grundlagenwissen zur Ernährung hat so zugenommen, dass es nicht nur durch Erfahrungen, sondern durch systematischen Unterricht vermittelt werden sollte. Die Politik diskutiert - die Fast-Food-Industrie handelt.

Wie schwer ist es, die Schüler zu überzeugen?

Kohl: Bisher habe ich ausgesprochen gute Erfahrungen gemacht, wenn man Kindern und Jugendlichen zur gesunden Lebensweise schon rechtzeitig praktische Tipps vermittelt. Jugendliche wollen als selbstbestimmte Konsumenten angesprochen werden.

Und wie können die Eltern davon überzeugt werden?

Kohl: Was gibt es eigentlich für Eltern wichtigeres als die Gesundheit ihrer Kinder? Die Aufklärung zum Thema gesunde Ernährung gehört schon in die Kitas und erst recht in die Schulen. Leider haben hier auch Caterer sehr oft nur unzureichendes Wissen. Die zertifizierten Speisepläne von Kitas und Schulen werden oft unzureichend umgesetzt. Es ist völlig inakzeptabel, diese Aufgabe und die Ernährungskompetenz alleine den Eltern zu überlassen.

Welche Auswirkungen kann falsche Ernährung nach sich ziehen?

Kohl: Fakt ist, dass uns immer mehr künstliche, an Vitalstoffen leere Nahrungsmittel zum Kauf angeboten werden. In nur zwei Generationen haben sich viele Essgewohnheiten komplett verändert. Allein der Mineralstoffgehalt unserer Gemüsesorten ist in den letzten 50 Jahren um die Hälfte zurückgegangen. 60 Prozent der Krankenhauseinlieferungen heute sind im weiteren Sinne ernährungsbedingte Einlieferungen. Laut der aktuellen Zahlen ist in Deutschland inzwischen jeder dritte Jugendliche und jedes fünfte Kind übergewichtig.

Wie lauten Ihre Vorschläge zur Verbesserung der Ernährungsbildung?

Kohl: Als Erfolg werte ich das Jahr für Jahr zunehmende Interesse der Schüler für dieses Unterrichtsfach. Da es aber leider mit zu wenig Pflichtzeit ausgestattet ist, kann keine Nachhaltigkeit entstehen. Wird das Geschmacksempfinden beispielsweise vier Jahre in der Realschule geprägt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Schüler bestimmte Zubereitungstechniken beziehungsweise die Auswahl hochwertiger Lebensmittel auch im späteren Leben wertschätzen und dadurch weniger "Junk-Food" kaufen und verzehren.

Sie haben in den vergangenen Wochen einige Ernährungsexperten interviewt. Nach welchen Kriterien haben Sie sich die Personen ausgesucht?

Kohl: Ich habe Partner gesucht, die täglich mit dem Thema Ernährung und Gesundheit zu tun haben. Die kompletten Interviews findet man demnächst in der Verbandszeitschrift des Bayerischen Realschullehrerverbands (BRLV). Wenn nicht nur wir Ernährungslehrer eine Ausweitung beziehungsweise Einführung des Schulfaches Ernährung fordern, sondern auch viele andere bekannte Persönlichkeiten und Ärzte, hoffe ich, dass die aufgeführten Punkte und Begründungen auch für andere Lehrer, für Politiker und dafür zuständige Stellen aussagekräftig sind, um etwas zu verändern.

Mit wem hatten Sie Kontakt?

Kohl: Zum Thema "Ernährungsbildung an der Realschule" habe ich mit verschiedenen Interviewpartnern diskutiert, wie Professor Barbara Methfessel von der Hochschule Heidelberg, Professor Dr. Janos Winkler, Sternekoch Christian Rach aus Hamburg oder dem Koch der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, Holger Stromberg, aber auch mit dem Bundestagsabgeordneten Albert Rupprecht.

Fernseh- und Sternekoch Christian Rach: Lehrer besser ausbildenFachlehrerin Kathrin Kohl interviewte auch den Fernsehkoch und Restauranttester Christian Rach. Hier einige seiner Aussagen:

"Ich glaube, dass die Bildungsminister noch nicht erkannt haben, dass durch den Wegfall von Ernährungslehre und Kochlehre in den Schulen ein ganz großer Fehler begangen wird."

"Kochen ist nicht immer aufwendig und kompliziert, aber um gesundes und schnelles Kochen zu erlernen, braucht man Wissen. Das kann und sollte die Schule natürlich vermitteln."

"Würden wir von klein auf in der Schule Ernährungslehre als Fach haben, könnte man einen unglaublichen volkswirtschaftlichen Vorteil erzielen und hätten natürlich den nicht zu unterschätzenden Nebeneffekt einer viel gesünderen Bevölkerung."

"Wenn die Kinder in der Schule erfahren, was gutes und gesundes Essen ist und dass es schmeckt, tragen sie es auch in das Elternhaus und tragen damit dazu bei, die Essgewohnheiten in den Familien wieder ein Stück ins Lot zu bringen."

"Es gibt überhaupt keinen wissenschaftlichen Widerspruch, dass gesunde Ernährung auch die Leistungsfähigkeit nach oben pusht. Ein Frühstück zur gewissen Zeit ist besser als eine Tafel Schokolade, um den Kreislauf und den Energiehaushalt nach oben zu bringen. Also: Gesunde Ernährung und Leistungsfähigkeit sind untrennbar miteinander verbunden. "

"Wenn Ernährungslehre ein Schulfach wird, müssen die Lehrer das genauso wichtig erachten wie Mathematik oder die Fremdsprachen. Wir müssen uns nur mal das Beispiel vor Augen führen, dass wir in unsere Autos das beste Benzin hineinkippen, aber bei unserer Ernährung hauptsächlich auf billig machen. Da sollte man doch die Lehrer ausbilden, damit sie in der Lage sind, über Ernährungslehre zu unterrichten. Außerdem sollten die Pädagogen unter anderem über Chemie im Essen und über die Haltung von Tieren in Massenunterkünften deutlich aufklären. "
Kritisch sehe ich oft auch im Bekannten- und Verwandtenkreis, dass den Kleinkindern viel zu früh zuckerhaltige Produkte verabreicht werden. Solange Kinder nichts Süßes kennen, vermissen sie es auch nicht.Ernährungsfachberaterin Kathrin Kohl
Wird das Geschmacksempfinden beispielsweise vier Jahre in der Realschule geprägt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Schüler bestimmte Zubereitungstechniken beziehungsweise die Auswahl hochwertiger Lebensmittel auch im späteren Leben wertschätzen. Dadurch kaufen und verzehren weniger "Junk-Food".Ernährungsfachberaterin Kathrin Kohl
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