Trümmerhaufen auf Knopfdruck

Vom ehemals 57 Meter aufragenden Schornstein blieb nur ein Trümmerhaufen übrig. Bild: axs
Lokales
Waldershof
05.06.2015
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Zwei Signale, ein dumpfer Knall, eine überschaubare Staubwolke: Weniger spektakulär als womöglich von vielen angenommen verlief am Freitag die Sprengung des Schornsteins auf dem Rosenthal-Gelände in Waldershof.

"Es tut schon ein bisschen weh", bemerkte Johann Fippl, der 25 Jahre lang als Betriebselektroniker durch alle Gänge und Winkel der Fabrik gestreift war. Auf dem Areal, wo jetzt nur noch Ruinen, Skelette aus Stein und Stahl sowie Berge von Trümmern und Bauschutt zu finden sind, verdienten einst über 1000 Arbeiter ihr tägliches Brot. Von 1955 an bis in die 90er Jahre hinein wurde in den Tunnelöfen und den Fabrikhallen Porzellan für die ganze Welt produziert.

Hunderte Schaulustige

Seit dem Frühjahr dieses Jahres rücken Abrissbirnen und Bagger den Gebäuden zu Leibe. Am Freitag stand die Sprengung des großen Schornsteins auf dem Programm. Die Feuerwehren aus der Region waren mit verschiedenen Einsatzfahrzeugen und etwa 70 Mann angerückt, um das Gelände großräumig abzusichern. Außerdem wurden einige Häuser evakuiert - und aufgrund des trockenen Wetters waren auch mehrere Wasserwerfer im Einsatz.

Bereits lange vor der eigentlichen Sprengung pilgerten Hunderte Schaulustige, viele ausgerüstet mit Kamera und Stativ, zum Ort des Geschehens. Auch Hans Müller stand hinter dem rot-weißen Absperrband und beobachtete die Szenerie. Er verbindet besondere Erinnerungen mit dem ehemals 57 Meter hohen Turm. "Ich habe den Schornstein 1954 mit gebaut", berichtete der Waldershofer. Doch seit die letzten Ziegel auf den Schlot gesetzt wurden, ist eine lange Zeit vergangen. Seitdem wurde der Schornstein bereits einmal zurückgebaut, Funkantennen krönten zwischenzeitlich seine Spitze.

4,4 Kilo Sprengstoff

Kurz vor 11 Uhr erklangen zwei Hup-Signale. Dann folgte ein dumpfer Knall und während unzählige Kameras klickten, sackte der Schornstein-Koloss langsam nach vorne weg. Die Staubwolke war schnell verflogen. "Es ist alles perfekt gelaufen", resümierte Sprengmeister Uwe Bernhardt aus dem Vogtland. Er hatte per Knopfdruck das Schicksal des Kamins besiegelt. Insgesamt 4,4 Kilogramm gewerblicher Sprengstoff waren im Einsatz. Der Sprengmeister erlebte das Ganze mit einer gewissen Routine:"Nach 93 Sprengungen wird man etwas entspannter."

Aus dem gewaltigen Trümmerhaufen pickte sich Bürgermeisterin Friederike Sonnemann ein Souvenir für ihr Büro heraus. Mit dem Stein in der Hand blickte sie nach vorne: "Es ist ein historischer Tag. Um etwas Neues zu schaffen, muss das Alte weichen." Was die Zukunft des Geländes betrifft, ist sie optimistisch. Es gebe bereits Verhandlungen über eine gewerbliche Nachnutzung des Areal, das sich im Besitz der Stadt befindet. "Wir wollen neue Arbeitsplätze schaffen", betonte Sonnemann. Einige Interessierte folgten übrigens dem Beispiel Sonnemanns und nahmen sich ein Stück vom Schornstein mit nach Hause.
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