Vom Duft der Freiheit getrieben

Wir fühlten uns reglementiert und eingeschränkt.
Lokales
Waldershof
13.03.2015
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13 Fluchtversuche aus der DDR - zu Wasser, Land und Luft - teils unter abenteuerlichsten Bedingungen hat die Familie Reinhold hinter sich. Tochter Ines-Andrea Seemüller schilderte sie eindrucksvoll am Mittwochabend in Waldershof.

Ines-Andrea Seemüller war auf Einladung der Hanns-Seidel-Stiftung nach Waldershof gekommen. Ihren Bericht hatte sie mit "Der Duft der Freiheit in der dicken Luft der Diktatur" überschrieben. Die Referentin lebt heute im oberbayerischen Gauting und betreibt erfolgreich eine Anwaltskanzlei.

Stefan Neumann, der Geschäftsführer der CSU Waldershof, freute sich am Mittwochabend im Gasthof "Grüner Baum" trotz der Konkurrenz Champions-League über das Interesse. Besonders hieß er Bürgermeisterin Friederike Sonnemann und Uwe Sonnemann, den Vorsitzenden der Waldershofer SPD, willkommen.

Wie Luft zum Atmen

Die Referentin bedauerte, dass heutzutage die Wahrnehmung der Kostbarkeit Freiheit oftmals untergegangen sei. Dabei sei die Freiheit so etwas wie die Luft zum Atmen. Wenn Ines-Andrea Seemüller manchmal von "Ostalgie" hört, forme sich in ihr das Wort "Ost-Allergie". Die DDR sei toll gewesen, aber eben alles im Käfig, meinte sie sarkastisch. Mit einem kleinen Film über die DDR eröffnete sie ihr Referat und meinte, Margot Honecker sei eine treibende Kraft gewesen. Die Ideologie sei den Menschen schon in der Kindertagesstätte eingetrichtert worden. Wenn die Kinder nicht entsprechend erzogen worden seien, seien sie ihren Familien entzogen worden. Die Opfer an der innerdeutschen Grenze seien geleugnet worden. Eine Diktatur wie in der DDR bedeute eine permanente Kontrolle von allem, "bis in die Familie hinein".

Ihrer Familie, die in Gera (Thüringen) lebte, sei es relativ gut gegangen. Ihr Vater war selbstständig und betrieb eine kleine Schlosserei. Deshalb habe es keine materiellen Gründe gegeben, aus der DDR zu flüchten. "Dennoch wollte die Familie weg. Wir fühlten uns reglementiert und eingeschränkt." Fluchtgedanken reiften. Franz-Josef Strauß habe in einem Interview gesagt: "Die Freiheit eines Menschen beginnt vor der Haustüre." Ines-Andrea Seemüller schilderte die teilweise dramatischen Fluchtversuche über Rumänien oder das ehemalige Jugoslawien. Doch alle scheiterten.

Kopfgeldprämie

Rumänien sei dabei das mit Abstand schlimmste Land gewesen. "Da hat es sogar eine Kopfgeldprämie gegeben. Für den, der einen Deutschen bei der Flucht erschoss: 3000 Westmark und Sonderurlaub." Im ehemaligen Jugoslawien habe man einer Schleuserbande vertraut; doch auch dies ging schief. Ganz nach dem Motto DDR ("der dämliche Rest") sei die Familie ausgeraubt worden. Dann ein neuer Versuch: Die Familie baute sich in zwei Jahren ein eigenes kleines zerlegbares Flugzeug, das in 45 Minuten montiert werden konnte. Doch beim Start rollte ein Rad des kleinen Flugzeugs (ein Schubkarrenrad) über eine zerbrochene Bierflasche. Der Reifen zerfetzte. Familie Reinhold wurde verhaftet und verhört, letztendlich aber doch wieder freigelassen, ehe sie am 7. Oktober 1982 abgeschoben wurde.
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