Realschule im Stiftland: Schüler bekommen Einblick in Neonazi-Szene
Undercover unter Nazis

Regisseur Peter Ohlendorf (links) und Arno Speiser von der regionalen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus diskutieren diese Woche mit vielen Schülern über ihren Film - hier an der Realschule im Stiftland. Bild: as
Archiv
Waldsassen
01.12.2015
31
0
(as) Bei der Verleihung des Titels "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" 2014 haben sich die Realschüler darauf geeinigt, gegen Rassismus Gesicht zu zeigen und genau hinzuschauen. Jetzt hatten sie Gelegenheit, tief in die Neonazi-Szene hineinzublicken. Die Bilder wirken nach.

Peter Ohlendorf ist die ganze Woche in der Region zwischen Tirschenreuth und Hof unterwegs. An 15 Schulen zeigt er seinen Film "Blut muss fließen - Undercover unter Nazis". Auftakt war an der Realschule im Stiftland, wo der Regisseur aus Freiburg vor den zehnten Klassen stand. Ihn begleitete Arno Speiser von der Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus in Oberfranken und der Oberpfalz. "Wir leben hier nicht in einem Landkreis der Glückseligen", machte der gleich klar. "Auch hier gibt es rechtsextremistische Vorfälle und Akteure."

Mehr als 40 Konzerte

Der Film gewährt Einblicke in die Rechtsrock-Szene, die Außenstehenden sonst verwehrt ist. Mit einer Knopflochkamera wagte sich der Journalist Thomas Kuban, so sein Pseudonym, seit 2003 gut getarnt ins Umfeld der Neonazis. Er dokumentierte mehr als 40 Konzerte, in denen er viel zu oft das Lied hören musste, das dem Film den Titel gab: "Blut muss fließen, knüppelhageldick ..."

Die Schüler gehen mit auf die Reise in den Untergrund, wo verfassungsfeindliche Symbole, Rituale und Lieder zur Tagesordnung gehören. Rechte Musik ködert, bietet vielen den Einstieg in die Radikalisierung. Mit versteckter Kamera filmte Kuban Szeneläden und Verkaufsstände von verbotenen CDs bis hin zum Waffenkatalog: "Giftkoffer voller Nazi-Hass", kommentiert der Film. Er vermittelt jede Menge Textbeispiele mit menschenverachtendem Inhalt, zu dem die Besucher mitgrölen und den Hitlergruß zeigen.

Die Konzerte werden oft als Privatveranstaltungen getarnt - wie vor etlichen Jahren in Friedenfels, wo die Polizei schließlich ein radikales "Geburtstagsfest" gesprengt hat. Die Treffen sind zwar abgeschottet, doch im meist ländlichen Umfeld nicht zu übersehen. Thomas Kuban drehte unter anderem in Sachsen und Thüringen, im fränkischen Ebersdorf und im hessischen Kirtorf. Dort hat sich ein erfolgreiches Aktionsbündnis gegen die ungebetenen Gäste gegründet. Auch das dokumentiert der Film. Ebenso Auftritte des Journalisten bei Pressekonferenzen mit Berichten zur terroristischen Bedrohungslage.

Dort trat er mit Perücke, Bart und knallgelbem Sakko auf, um seine Tarnung aufrechtzuerhalten, erhielt aber keine befriedigenden Antworten auf seine Fragen. "Immer wieder schaut die Polizei zu, statt einzugreifen", heißt es im Film. Ein positives Beispiel liefert er aus Berlin, wo der Verfolgungsdruck bei verfassungsfeindlichen Parolen und Gesten ausgeweitet worden sei.

Regisseur Peter Ohlendorf brachte in der Schlusssequenz auch die Terrorzelle NSU, das Oktoberfest-Attentat, tödliche Angriffe gegen Ausländer konkret zur Sprache: "Über 100 Tote in 20 Jahren."

Symbol gelbes Sakko

Der Film hinterließ bei vielen Schülern betroffenes Schweigen. Der Regisseur hob den Mut des Hauptakteurs hervor, über Jahre hinweg direkt in die Szene zu gehen: "Die Nazis haben ihn gejagt", schilderte er die Reaktion nach der Ausstrahlung. Der Journalist lebe gut abgeschottet. Seine gelbe Jacke sei inzwischen zum Symbol "Nein zu Nazis" geworden.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.