Quietschende Juchzer und ein Flüsterchor

Das Raschèr-Saxofon-Quartett und das "Ensemble Cantissimo" beeindrucken ihr Publikum in der Basilika auch mit Musik ohne Töne. Bild: Zrenner
Kultur
Waldsassen
30.09.2015
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Mitunter scheinen die Interpreten dem Dirigenten sanft zu entgleiten. Doch letztendlich bleibt das Chaos beim Konzert in der Waldsassener Basilika geordnet.

Konzerte in der Basilika können voller Überraschungen sein. Dies zeigten am Sonntag das Raschèr-Saxofon-Quartett und das "Ensemble Cantissimo". Schnell wird der besondere Anspruch des A-Capella-Chores unter Leitung von Markus Utz deutlich - die Pflege "unerhörter", eher unbekannter Musik.

Klassisch der Auftakt - mit der Motette "Singet dem Herrn" von Johann Sebastian Bach: Der zehn Männer und 13 Frauen starke Chor agiert durchwegs in allen Stimmen fein ausgewogen und nuanciert; das Saxofon-Quartett ist mit homogenem Klang kraftvoller Begleiter. Den besonderen Anspruch des "Ensembles Cantissimo" erlebt das Publikum beim "Ne irasdcaris Domine" von William Byrd und dem "Blow thine ear" in einer Bearbeitung des zeitgenössischen Komponisten Zachary Wadsworth. Der Titel: "War Dreams", der eine graue und dunkle Stimmung in den Kirchenraum zaubert.

"Deep River" und "Steel away"

"Dreimal tausende Jahre" von Arnold Schönberg mit vom Komponisten durchaus gewollten und deshalb um so schwieriger zu singenden Dissonanzen und langen Phrasierungen unterstreichen das Können des Ensembles. Angenehmer Kontrast für die Zuhörer sind die fünf Spirituals in der Bearbeitung von Michaelo Tippet (1905-1998) mit bekannten Titeln - darunter "Deep River" und "Steel away". Der "Abschied" des zeitgenössischen Komponisten Krzystof Penderecki in der Interpretation der Bläser wird selbst bei den außergewöhnlichen Klangvariationen, die nicht immer einfach ins Ohr gehen, in der besonderen Akustik der Basilika zum Erlebnis. Bei Bachs "Kunst der Fuge" dürfen die Frau und die drei Männer zeigen, dass sie alle virtuose Könner auf ihren Instrumenten sind.

In der "wunderschönen halben Basilika", wie Leiter Markus Utz in Anbetracht des wegen der Innenrenovierung eingehausten Längsschiffs der Barockkirche sagt, laufen die Akteure im zweiten Teil zur Höchstform auf. Der Chor verselbstständigt sich scheinbar bei der Improvisation über "Immortal Bach".

In dem Stück "Komm süßer Tod" in der bekannten Bearbeitung von Knut Nystedt beginnt plötzlich einer der Tenöre zu dirigieren, worauf die Stimmen ineinander verschwimmen und für ungewöhnliche Sphärenklänge sorgen. Der Höhepunkt zum Schluss - "On the Dignity of Man" (Über die Würde des Menschen) von Bernd Franke: Der Komponist hat dabei eine Rede des Philosophen Giovanni Pico della Mirandola in fünf Chorsätzen verarbeitet. Der Chor wird von fünf Einsätzen des Saxophon-Quartetts begleitet. In der Mitte des Kirchenraums entlocken die Musiker ihren Instrumenten quietschende Juchzer und schnelle Läufe und stampfen teils rhythmisch mit den Füßen mit.

Gewöhnungsbedürftig

Der Chor vorm Hochaltar beginnt am Ende zu schreien, zu sprechen und flüstert schließlich nur noch. Musik ohne Töne - vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig zwar, aber nicht uninteressant. Wie auch immer: Der "Nachtgesang" von Heinrich von Herzogenberg als Zugabe dürfte viele Konzertbesucher wieder versöhnlich stimmen.
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