"Es war die Liebe auf den ersten Blick"

"Die aber, die dem Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft." Der Leitspruch der Äbtissin ist in den edlen italienischen Marmor im Brunnen im Klosterhof gemeißelt und dort nachzulesen. Gestiftet hat den Wasserspender der 120-köpfige Förderkreis aus Verona. Bilder: Grüner (4)
Lokales
Waldsassen
01.10.2015
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Als Schwester Maria Laetitia Fech 1993 das erste Mal das Kloster Waldsassen besuchte, ahnte sie nicht, dass sie einmal als Synonym für die Wiedererstarkung des Hauses stehen würde. Am Wochenende feiert sie ihr 20. Jubiläum als Äbtissin.

"Ich konnte mir anfangs nie vorstellen, dass Waldsassen mein endgültiges Zuhause wird. Heute bin ich hier im Kloster längst zu Hause." Schon als ab 1098 die ersten Klöster des Reformordens der Zisterzienser gegründet wurden, sei der Begriff des "Lovers of the Place" geprägt worden. "Ich bin also ein Lover of the Place of the Abbey Waldsassen." In den Platz verliebt hat sich die Äbtissin schon als sie das erste Mal hier war.

"Du gehörst hierher"

"Dabei wollte ich beim ersten Anblick eigentlich gleich wieder gehen, weil ich mir dachte, ach Gott, hier sieht es ja noch aus wie vor 50 oder 60 Jahren. Die damalige Administratorin, Schwester Columba hat mir alles gezeigt. Als ich dann im unteren Kreuzgang des Südflügels stand, wusste ich tief im Herzen, du gehörst hierher. Mein Kopf allerdings sagte, du spinnst. Obwohl alles recht marode war, waren immer noch der Charme und die Schönheit des Gebäudes zu erkennen und zu spüren. Es war die vielzitierte Liebe auf den ersten Blick. Ein Jahr später übertrug ich dann meine Gelübde ,stabilitas loci' (Beständigkeit des Ortes) von Baden-Baden Lichtenthal auf Waldsassen. Genau genommen bedeutet es, dass ich hier bleibe bis zum Tod."

Dass sie wenig später die vierte Äbtissin von Waldsassen werden würde, damit hatte sie nie gerechnet. "Um Gottes Willen, ich kann das nicht", war damals, vor zwei Jahrzehnten, ihr erster Gedanke. Auf der anderen Seite war da das große Vertrauen der Gemeinschaft - eine "umwerfende Erfahrung."

"Ich hätte ablehnen können, wusste aber auch, dass, wenn wir keine Äbtissin finden, Waldsassen aufgelöst wird." Zwei Stunden Bedenkzeit bat sie sich damals aus. Am 26. August 1995 um 17 Uhr nahm sie die Wahl an. "Bis ich mir einigermaßen sicher war, dass ich das kann, zogen bestimmt noch zehn Jahre ins Land. Da dachte ich dann, es könnte glücken, wir könnten es schaffen. Seither habe ich gelernt zu führen und bin einigermaßen gefestigt in meinem Tun."

Äbtissin Laetitia Fech gesteht: "Auch wenn ich nach außen sicher und selbstbewusst wirke, drinnen bin ich das nicht. Vorne zu stehen ist immer wieder ein Sprung ins kalte Wasser. Die Aufgabe wurde mir von Gott übertragen, deshalb kann ich sie meistern." Schließlich sei es immer Gottes Werk, wenn etwas gelänge. Das erklärt auch ihren Wahlspruch, der in den Brunnen im Klosterhof in Marmor gemeißelt zu lesen ist: "Die aber, die dem Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft..."

In Gedanken und lautstark

Gott habe mit diesem Ort etwas Besonderes vor. Vielleicht werde das Kloster eines, das künftig innerhalb der Kirche an Bedeutung gewinne. Klöster seien immer Orte der Erneuerung und geistlicher Bewegung gewesen, hätten Impulse geliefert. Ihren Chorplatz in der Klosterkirche favorisiert die Äbtissin als Lieblingsplatz innerhalb des riesigen Areals.

Hier betet sie mit den Mitschwestern sieben Mal am Tag. "Das ist auch der Platz, an dem ich am Abend, wenn alle schon längst schlafen, noch persönlich bete. Mein ganz persönlicher Tagesabschluss, wo ich alles abgeben kann, wo ich zur Ruhe komme. Da spreche ich dann zu Gott, meist in Gedanken, aber auch lautstark, wenn ich, was auch vorkommt, wie einst Hiob, mit ihm hadere. Da rede ich dann schon mal Klartext. Ich denke, dass er mich versteht, auch wenn ich nicht immer verstehe, was er meint."

Bis zu vier Stunden ora kommen da am Tag schon zusammen. Der Leitspruch der Zisterzienser lautet ora et labora (bete und arbeite). "Im Kloster arbeiten wir anders als landläufig unter dem Begriff verstanden wird", erklärt die Äbtissin. Das ora stecke ja bereits in dem Begriff labora, gehöre also auch zur Arbeit.

"Unser spezieller Tagesrhythmus schützt uns davor, nur getrieben zu werden, wie es draußen üblich ist. Wenn wir immer wieder den Tag mit Gebet unterbrechen, wird deutlich, dass unsere Arbeit auf ein anderes Ziel ausgerichtet ist." Aber auch jede Menge profane Arbeiten warten täglich auf die Klosterfrauen. Und auch die Äbtissin ist manchmal das sprichwörtliche "Mädchen für alles". Putzen, Waschen und Gartenarbeit sind dann zum Beispiel angesagt. Tagsüber ist es ziemlich still im Kloster, konzentrieren sich die Schwestern schweigend auf ihr Tagwerk. Während der Rekreation am Abend, die dauert so eine halbe bis dreiviertel Stunde werde dann auch schon mal geratscht. "Wir sind ja schließlich Frauen." In den Sommermonaten stehen Grill- und Spielabende auf dem Programm.

"Als junge Äbtissin dachte ich, ich könnte weiterhin Schwester unter Schwestern sein - das war eine Illusion", so Mutter Laetitia. Die Position verlange nach einer Führungsrolle, ob man wolle oder nicht. "Heute bin ich Mutter und Chefin, entscheide aber nur nach Absprache mit dem Rat der Äbtissin, der aus vier Mitschwestern besteht. Wir sind ein sehr gutes Team." Absolut demokratisch ginge es sowohl bei den Benediktinern als auch den Zisterziensern zu. Da unterscheide man sich von der Amtskirche. "Wir sind zwar Teil der Kirche, aber in weiten Teilen unabhängig und können deshalb Dinge verwirklichen, die innerhalb deren Hierarchie nicht möglich wären."

Interkultureller Glaube

Klöster böten mehr Toleranz und seien viel offener, als es die Kirche sein könne. Darum sollte auch von hier der Impuls ausgehen, dass die Glaubensgemeinschaften künftig viel enger zusammenrücken. "Denn in der Zukunft wird es wohl nur noch miteinander gehen. Glaube muss interkultureller werden. So, dass jeder seine Religion ausleben kann und aus Berührungspunkten ein gemeinsames Miteinander wird."

Der heilige Benedikt sei der erste gewesen, der bereits vor 1500 Jahren Sklaven, Freie, Adelige, Gläubige und Ungläubige in seinen Klöstern aufgenommen habe. "Warum tun wir das heute nicht auch in unseren Klöstern? Wir müssen viel näher zusammenrücken, sonst führen wir nur noch Religionskriege. Und das sind die schlimmsten, die es gibt."

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.abtei-waldsassen.de
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