Gruft als sichere Bleibe

Blick auf den Johannisplatz um 1944/45, wo im Klostergasthof mehrfach deutsche Einheiten stationiert waren und ab Ende April das Reservelazarett seinen Standort bezog. Bild: Archiv Treml/hfz
Lokales
Waldsassen
18.04.2015
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Der Zustrom von Flüchtlingen aus dem Osten wollte nicht abreißen. Bereits Anfang März 1945 waren alle Privatquartiere in der Klosterstadt erschöpft.

Deshalb ordnete der damalige Bürgermeister August Franz an, dass mehrere örtliche Gastwirtschaften ihre Gastzimmer zur Verfügung zu stellen und Strohlager für jeweils 15 bis 20 Personen einzurichten hatten. Doch die Ereignisse verstärkten sich und wurden immer turbulenter.

Die amerikanischen Einheiten rückten Anfang April auch auf Nordbayern und das Fichtelgebirge vor. Mitte April standen sie bereits in Bayreuth und Hof. Auf die Nachbarstadt Eger gab es mehrfach Luftangriffe mit zahlreichen Opfern und großen Schäden, so insbesondere am 8. April 1945 am Egerer Bahnhof (wir berichteten).

Am Sonntag, 15. April, wurde Waldsassen zur offenen Stadt erklärt und der im Herbst 1944 gebildete Volkssturm aufgelöst. Den anrückenden Streitkräften wollte man freien Durchzug ermöglichen. Doch sollte es anders kommen, nachdem fanatische SS-Angehörige im Stiftland einrückten, um hier erbitterten Widerstand zu leisten. Die Stimmung der Menschen schwankte zwischen Zittern und Bangen, Hoffen und Beten.

Am 16. April griffen feindliche Flugzeuge kurz vor Mitterteich den fahrenden Zug an, der von Waldsassen her kam, wobei 14 Menschen den Tod fanden. Am Dienstag, 17. April vormittags, wurde die Bevölkerung durch plötzlich auftretende Tiefflieger-Angriffe in Angst und Schrecken versetzt. Dabei gab es vier Tote und zahlreiche Verwundete. Eines der Opfer war der 54-jährige Klinkerarbeiter Josef Rahn, der bei Feldarbeiten in der Konnersreuther Straße von einem Tiefflieger getroffen wurde.

Am 18. April rückten die Amerikaner im Fichtelgebirge weiter vor und nahmen Weißenstadt und Kirchenlamitz ein. Am 19. April wurde eine Kompanie "Wehrwolf" mit 70 Mann bei Bürgermeister Franz vorstellig, um die Stadt zu verteidigen, was aber der Bürgermeister entschieden ablehnte.

Widerstand einer SS-Einheit

Am 20. April wiederholten sich die Tieffliegerangriffe auf Waldsassen, wobei abermals Verwundete zu beklagen waren. Wegen des Widerstands einer SS-Einheit gab es am 20. April auf den Nachbarort Konnersreuth einen heftigen Artillerieangriff der Amerikaner, wodurch es zu Bränden und zur Zerstörung von etwa 130 Gebäuden kam. Der Angriff forderte mit Karolina Betzl und Bernhard Schiml auch zwei Todesopfer.

Schutz im Hohlweg

Viele Menschen verbrachten die Nacht in der Gruft der Basilika oder saßen in ihren Kellern, um auf das erlösende Ende zu hoffen. Auch im tiefen Hohlweg von der Nepplbrauerei zur Sandgrube suchte man in diesen Tagen - in Decken gehüllt - Schutz vor etwaigen Luftangriffen, wobei rundum Schüsse und Kanonendonner zu hören war. Am Samstag, 21. April blieb es vormittags noch ruhig. Doch gegen 12.30 Uhr änderte sich das Bild schlagartig. Nun bewegten sich die amerikanischen Panzer - wohl von Mitterteich und Konnersreuth kommend - auf Waldsassen zu. Da einige SS-Leute noch immer Widerstand leisteten, kam es zur Beschießung. Dabei gab es mit dem deutschen Unteroffizier Helmut Strecker bei Netzstahl und mit den beiden Brüdern Karl und Johann Baptist Faltenbacher 3 Todesopfer. Durch den Beschuss gingen Fensterscheiben zu Bruch und traten an verschiedenen Stellen des Stadtgebietes Brände auf, so in einem großen Teil der Porzellanfabrik Bareuther. Schwer beschädigt wurde auch die Steinfigur des hl. Johannes von Nepomuk am Johannisplatz. Nach dem Tagesreport der 90th amerikanischen Inf.-Div. führte das 1. Bataillon des 358. Infanterieregiments den Angriff Waldsassen aus. "Die Ortschaft Waldsassen wurde um 15.00 Uhr ohne Gegenwehr eingenommen", so die amtliche Version der Amerikaner.

Im Laufe des Nachmittags rollten dann die ersten amerikanischen Panzer durch die Straßen und erfolgte die Übergabe der Stadt an die Besatzungsmacht, die sogleich eine ganze Reihe von Häusern beschlagnahmte. Als kommissarischer Bürgermeister wurde Baumeister Karl Bergauer berufen und ab 16. Mai 1945 Regierungsrat Georg Ponnath.

Fahne und Briefmarken

Die Amerikaner zeigten sich zwar in großen und ganzen human, schreckten aber auch vor Plünderungen nicht zurück. So fiel ihnen etwa die Feuerwehrfahne in Münchenreuth und die Briefmarkensammlung von Hermann Schmidbauer in die Hände. In den Tagen danach kam es in den umliegenden Dörfern zu Kampfhandlungen, so vor allem in Egerteich, Hundsbach und Schloppach, wo mehrere Höfe in Brand gerieten und zwei Tote und 6 Schwerverletzte zu beklagen waren. (Info-Kasten)

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/kriegsende
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