Praxis schließt nach 36 Jahren

Dr. Christian Richter, der am Pfingstsamstag seinen 67. Geburtstag feiert, schließt Ende Juni seine Kassenarztpraxis. Bild: pz
Lokales
Waldsassen
23.05.2015
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Es herrscht der übliche Montagmorgen-Andrang an der Annahme. Aber irgendwie ist die Stimmung in der Praxis gedrückt. "Schade", sagt die Besucherin eines Pharmaunternehmens, als sie den Hinweis für Patienten an der Tür sieht.

Dr. Christian Richter wird Ende Juni seine Kassenarztpraxis schließen, nach 36 Jahren. Einen Nachfolger gibt es nicht. "Es kommt halt immer anders, als man denkt", erklärt Renate Richter der Pharma-Vertreterin zu der Entscheidung. Dass sie nicht leicht fällt und das Ergebnis langer Überlegungen und Planungen ist, unterstreicht Dr. Richter wenig später während des Gesprächs mit dem NT immer wieder. "Das ist für mich total schwer."

Denn man dürfe Patienten eigentlich nicht im Stich lassen. "Man weiß, dass die Leute treu und dankbar sind." Jetzt seien sie enttäuscht. "Aber es gibt noch ein Leben nach der Medizin", wirbt der Hausarzt um Verständnis und erklärt, dass "die Enkel ihren Opa sehen wollen."

Einige Monate Zugabe

"Ich tu schon länger rum", lässt Dr. Christian Richter durchblicken, dass er seit geraumer Zeit einen Praxisnachfolger sucht. Mit 66 wollte er aufhören - Ende Dezember 2014. Dann hat er noch einige Monate draufgelegt. Eine Rolle spielte dabei auch die Verantwortung für die beiden Mitarbeiterinnen. "Ohne sie läuft in der Praxis nichts." Doch jetzt steht für Dr. Richter, der am Pfingstsamstag seinen 67. Geburtstag feiert, die Entscheidung fest. Und hofft dabei leise, "... dass sich vielleicht doch noch etwas tut." Getan habe sich schon etwas in den vergangenen zwei Jahren. Der entscheidende Durchbruch aber blieb aus. Interessenten aus der Oberpfalz und aus Oberfranken hätten die Praxis und ihre rund 1000 Patienten übernehmen wollen. Doch dann hätten die Bewerber Zweifel geplagt, ob sie die Verantwortung übernehmen sollen. Ein laut Dr. Richter "heißer Kandidat" gehe nun lieber nach Selb, wo die Praxis-Eröffnung finanziell gefördert werde. Bei anderen Bewerbern hatte Dr. Richter sein Veto eingelegt: Es wäre den Patienten nicht geholfen, wenn die Praxis als Filiale betrieben würde und nur zwei Stunden pro Woche geöffnet wäre.

Mit mindestens zwei Ärzten seien die Verhandlungen allein wegen des Praxis-Standorts nicht fortgesetzt worden. "Ja wenn Sie in Regensburg wären ...", so die Reaktion der Interessenten. Dr. Richter kann das in gewisser Weise verstehen, "... wenn ich hier fremd bin und keine Oma für die Kinder habe."

"Es ist ein Jammer", sagt Dr. Richter und erzählt, dass viele Kinder von Ärzten in Waldsassen ebenfalls Mediziner seien oder auf dem Weg zum Arztberuf. "Aber es bleibt keiner da." Seine Tochter Kathrin hat er zwar ausgebildet, inzwischen aber lebt sie mit der Familie im Allgäu. Die junge Allgemeinärztin habe sich dennoch bereit erklärt, die Nachfolge anzutreten. Und sie hätte das schon irgendwie geregelt bekommen, ist Dr. Richter überzeugt. Für vier Tage in der Woche wäre sie hierher gekommen und zum Wochenende wieder gefahren. "Aber das", sagt Dr. Richter, "kann man doch als Vater gar nicht wollen." Zu sehr würde die Familie belastet. "Das hat keinen Sinn."

Dr. Richter erinnert sich an die Eröffnung seiner Allgemeinarzt-Praxis im Jahr 1979 - und erkennt Veränderungen in Medizin und Gesellschaft: Die Spezialisierung in der Medizin mit neuen Fachärzten, zu denen Patienten direkten Zugang haben, die immer kürzere Verweildauer in den Krankenhäusern. "Die Menschen werden immer älter. Das erfordert mehr Zuwendung." Kassenmedizin sei aufwendig geworden. "Das übersteigt ganz einfach meine Kraft." (Hintergrund/Im Blickpunkt)
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