Vom Volksbad zum Egrensis-Bad

Beeindruckende Zuschauerkulisse am Rand des 50-Meter-Beckens, errichtet im zweiten Bauabschnitt ab 1963.
Lokales
Waldsassen
24.07.2015
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90 Jahre besteht in Waldsassen das Freibad. Doch eine "öffentliche Badeanstalt" gab es schon früher - am ehemaligen Mühlbach. Sogar zwei Badekabinen waren vorhanden.

Schon 1891 berichtet der Magistrat des damaligen Marktes, dass sich "hier eine öffentliche Badeanstalt befindet". Im Zuge der Stadterhebung 1896 schenkte Bürgermeister Gabriel Velhorn sein neu errichtetes Badehaus am Mammersreuther Weg der Kommune, was darauf schließen lässt, dass sich der Badeplatz nunmehr bei der nahe gelegenen Wondreb befand.

Aus dem Jahre 1897 existiert eine Bekanntmachung des Stadtmagistrats über die Eröffnung einer städtischen Badeanstalt. Ein Jahres-Abo kostete damals für Herren 2 Mark und für Damen 1 Mark, während ein einzelnes Bad für 10 Pfennig zu haben war. Eintrittskarten und Schlüssel waren beim Communalkassier Wilhelm Fröhlich erhältlich. Dabei hatte man die Badezeiten genau geregelt, wobei eine gemeinsame Benützung des Bades von Frauen und Männern zur gleichen Zeit natürlich absolut undenkbar war.

Kabinen und Aborte

Später verlegte man die Badeanstalt wieder an die noch unregulierte Wondreb - ins Wondrebtal am Fuße des Pfaffenreuther Berges. Im Laufe der Zeit wurde das Bad mehrfach verbessert, so durch den Bau einer Schleuse und durch die Errichtung von Kabinen und Aborten. Die Beaufsichtigung oblag der Schutzmannschaft. Nach und nach erwies sich aber auch diese Badeanstalt als unzulänglich, weshalb bald nach dem Ersten Weltkrieg der Ruf nach einem zeitgemäßen "Volksbad" laut wurde. 1920 spendete die Porzellanfabrik Waldsassen Bareuther & Co. AG als größter Betrieb am Ort dafür sogar von 15 000 Mark.

Im Frühjahr 1923 trat das Projekt - trotz der anlaufenden Währungsinflation und der prekären Finanzlage - in ein entscheidendes Stadium, nachdem im Bereich der heutigen Badstraße ein passender Standort gefunden, der benötigte Grundbesitz nach umfangreichen Verhandlungen - meist im Tauschwege - erworben und mit dem Ingenieur-Büro Alfred Paatz aus Leipzig auch ein fachkundiges Unternehmen für die Bauplanung gefunden wurde.

Beim rechtskundigen Bürgermeister Josef Hierl war das ganze Projekt in guten Händen. Schließlich kam Ing. Alfred Paatz am 8. Juni 1923 sogar selbst nach Waldsassen, um hier im Klostergasthof einen öffentlichen Vortrag zu dem geplanten Bau der Badeanstalt zu halten. Wenig später erließ Bürgermeister Hierl einen flammenden Aufruf, um durch das Zusammenstehen der Bevölkerung den Badbau verwirklichen zu können.

Ende Juni 1923 wurde daraufhin der Bau vom Stadtrat beschlossen und die Baugenehmigung beim Bezirksamt beantragt. Die Öffentlichkeit nahm an der Aktion regen Anteil; dabei gingen aus der Bevölkerung mehrfach Geld- und Sachspenden ein. Auch freiwillige Arbeitseinsätze wurden geleistet.

122 Millionen Mark

Die ganze Anlage umfasste zunächst das rechteckige Becken samt Sprungturm, die Herstellung der Umkleidekabinen und der Umzäunung sowie die Anlegung der Liegewiese. Der Voranschlag der Kosten lag bei 122 Millionen Mark, schließlich herrschte ja Inflation, wo sich alles ständig verteuerte. Gleichwohl konnte noch im Juli mit den Erd- und im August mit den Betonarbeiten begonnen werden; als Bauleiter zeichnete der spätere Baumeister Karl Bergauer verantwortlich.

Sturm der Entrüstung

Im Herbst 1923 entschloss man sich, auch noch das Badewärterhaus an der Badstraße zu errichten. Im Sommer 1924 konnte das neue Bad dann erstmals benützt werden, das von der Bevölkerung dankbar angenommen wurde. Doch noch immer gab es getrennte Benützungszeiten für Damen und Herren. Als der Sportverein für Übungszwecke bzw. als Familienbad im Sommer 1924 gar eine gemeinsame Benützung anregte, brauste ein Sturm der Entrüstung durch die Stadt, gab es etliche Leserbriefe in der Zeitung und galt die Anregung als "grober Unfug". 1950 kam es zur Gründung der Wasserwacht-Ortsgruppe Waldsassen. Ende der 1950er Jahre hatte das alte Badebecken ausgedient und war längst undicht geworden. So entstand nach den Plänen des früheren Stadtbaumeisters Heinrich Mötsch im 1. Bauabschnitt ein Nichtschwimmer- und ein Kinderplanschbecken, das 1960 eröffnet wurde. Im 2. Bauabschnitt folgte 1963 der Bau eines 50-Meter-Sportbeckens samt Sprung- und Aufsichtsturm, wobei diese im Juni 1964 eingeweiht wurden.

Mit der Beheizung des Bades ab 1969, der Vergrößerung der Liegewiese und mit der Anschaffung von Spielen Ende der 1970er Jahre gab es weitere angenehme Verbesserungen. Freilich kostete das Freibad dem Stadtsäckel alljährlich doch eine stolze Summe an Kosten und Ausgaben. Daher war der Aufruf von Bürgermeister Fischer 1982 an die Bevölkerung nur zu verständlich, das Freibad wieder verstärkt zu nutzen. Im Sommer 2003 plante und forcierte die Stadt unter Bürgermeister Herbert Hahn die Sanierung und Erweiterung des Bades für rund 1,5 Millionen Euro; gleichzeitig kam es zur Gründung des neuen Freibad-Fördervereins, um die Attraktivität des Freibades zu steigern und die anstehenden Investitionen besser schultern zu können.

Gäste aus Tschechien

Damit avancierte das ehemalige Volksbad nun zum Egrensis-Bad der Klosterstadt und bildet im Sommer einen beliebten Anziehungspunkt für Badegäste aus dem Stiftland wie auch aus der tschechischen Grenzregion. (Info-Kasten)
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