Erhebung Waldsassens zur Stadt vor 120 Jahren
Ein mühlsames Projekt

Zur "Stadt" erhoben worden ist Waldsassen vor 120 Jahren. Die Aufnahme aus der Sammlung von Stadtheimatpfleger Robert Treml dürfte um 1900 entstanden sein. Bild: hfz
Politik
Waldsassen
19.03.2016
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Am 23. Februar 1896 war ein langgehegter Wunsch der Ratskollegien wie der Bürgerschaft in Erfüllung gegangen: Prinzregent Luitpold (1821 - 1912) erhob den Markt Waldsassen zur "Stadt". Doch der Weg bis zur großen Party war steinig.

Der Aufstieg war dem Markt Waldsassen erst nach langen Bemühungen gelungen. Schon am 17. Januar 1882 hatten die beiden Ratsgremien mit Bürgermeister Friedrich Kolb beschlossen, die "allerunterthänigst gehorsamste Bitte" an den bayerischen König Ludwig II. zu richten. Ein Echo darauf blieb aus. Waldsassen zählte zu dieser Zeit 2261 Einwohner, hatte etliche Betriebe und zeigte sich wirtschaftlich aufstrebend. Zehn Jahre später beschloss der Magistrat einen neuen Anlauf. Aber die Sache brauchte Geduld, ließ sich nicht übers Knie brechen. So vergingen bis 1895 wieder einige Jahre. Seit dem rätselhaften Tod des Märchenkönigs Ludwig II. regierte in Bayern der greise Prinzregent Luitpold als Staatsoberhaupt.

Joseph Steiner schiebt an


Das Projekt der "Stadterhebung" war nun doch wieder vorangetrieben worden. Dazu beigetragen hatte zweifellos auch Joseph Steiner, ein Sohn Waldsassens, der seit 1895 als Bezirksamtmann in Ingolstadt amtierte und über gute Verbindungen verfügte. Die Einwohnerzahl des Ortes war auf 2704 gestiegen. Handwerk, Industrie und überhaupt die Wirtschaft hatten sich verstärkt. Es gab nun eine Glas-, eine Porzellan- und auch eine Klinkerfabrik. Auch eine Munitionsfabrik und ein Rollo-Fertigungs-Betrieb waren entstanden. So nahm man die frohe Botschaft aus München Ende Februar 1896 erfreut und mit "tief-gefühltestem" Dank auf. Gleich nach der Bekanntgabe begann die Vorbereitung zur Feier am Dienstag, 7. April 1896.

Das gedruckte Programm hierzu, das Bürgermeister Gabriel Velhorn und Stadtschreiber Joseph Klug vorlegten, konnte sich sehen lassen. Die gesamte Einwohnerschaft war zum Mitfeiern eingeladen. Das Fest habe dem jungen Stadtsäckel genau 1.021,42 Mark gekostet, hieß es später in der Stadtchronik. Um dem Prinzregenten Luitpold den Dank der Bürgerschaft für die Stadterhebung auch persönlich abzustatten, erwirkte man eine Audienz. Eine Abordnung mit Bürgermeister Velhorn, dem Magistratsrat Wilhelm Fröhlich und dem Gemeindebevollmächtigten Josef Strobl reiste am 26. April 1896 nach München. Dabei luden sie den Prinzregenten nach Waldsassen ein.

Doch scheint dies den alten Herrn nicht verlockt zu haben. Denn er schickte ein gutes Jahr später, am 19. Mai 1897 seinen Sohn, den Prinzen Ludwig ins ferne Stiftland, der ab 1913 als König Ludwig III. in Bayern regierte und 1918 abdanken musste. Beiden Wittelsbacher Regenten ist seit 1911 je eine Straße gewidmet.

Einwohnerzahl steigt


Mit der Stadterhebung verband sich die allgemeine und industrielle Euphorie jener Jahrzehnte von 1890 bis 1914. Dies lässt sich ersehen aus der Einwohnerzahl: Sie verdoppelte sich in dieser Zeit fast, war bis 1910 auf über 5000 geklettert. Dabei erwuchs mit den Familien der Fabrikarbeiter eine neue Schicht. (Im Blickpunkt)

In gesellschaftlicher, kultureller und sozialer Hinsicht wurde in den letzten 120 Jahren viel geboten, entstanden neue Baugebiete und Vereine und setzte ein erster, zaghafter Fremdenverkehr ein. Die Jubiläumsfeste und -feiern im frühen 20. Jahrhundert bildeten echte Höhepunkte im Leben der Vereine und der Bürgerschaft und blieb die althergebrachte Ordnung in den Menschen noch verwurzelt. Verklärt gilt diese Ära um die Jahrhundertwende heute als die "gute, alte Zeit", obgleich es sie eigentlich nie gegeben hat.

Rasante EntwicklungDie Infrastruktur der Stadt bekam wichtiger Einrichtungen: 1896 wurde der Darlehenskassenverein gegründet - eine der Säulen, aus denen die Raiffeisenbank hervorging. 1898 entstand vor den Toren Waldsassens das erste landwirtschaftliche Lagerhaus und bildete sich mit der "Fortuna" eine zweite Porzellanfabrik am Ort. 1901 erhielt Waldsassen den Telefonanschluss. 1907 nahm die neue Glashütte in der Schützenstraße den Betrieb auf, 1908 entstand der Verein zur ambulanten Krankenpflege. Von 1908 bis 1910 konnte der langersehnte Bau der städtischen Hochdruckwasserleitung vom Quellgebiet beim Alten Herrgott bis ins Stadtzentrum realisiert werden. Ab Sommer 1911 erstrahlte auch das elektrische Licht in der Klosterstadt. Gleichzeitig kamen die neuen Straßennamen und Hausnummern zur Einführung.
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