Besatzung der "See-Eye" referiert im Kunsthaus
Im Mittelmeer lauert der Tod

Dr. Wilfried Schnappauf und Dr. Ursula Putz erzählten in einem zweistündigen Vortrag leidenschaftlich, wie es ist, als Ehrenamt Flüchtlinge aus dem Mittelmeer vor dem Ertrinken zu retten, weil die Politik versagt hat und sich deshalb sonst niemand dafür zuständig fühlt. Bild: ubb
Vermischtes
Waldsassen
28.11.2016
36
0
 
Sichtlich ergriffen hörten etwa 80 Gäste zu, was die Referenten des Seenotrettungsschiffes "Sea-Eye" berichteten. Im Nachhinein gab es viel Anerkennung für diese enorme Leistung, unter anderem von den anwesenden Vertretern des Rotary-Clubs Stiftland. Die Rotarier hatten extra für den Vortrag ihre Tagung ins Kunsthaus verlegt. Bild: ubb

Sichtlich ergriffen lauschten etwa 80 Zuhörer im Kunsthaus den Referenten des Regensburger Seenotrettungsschiffes "Sea-Eye". Die Oberpfälzer Menschenretter konnten bislang 5600 Flüchtlinge vor dem Ertrinken bewahren.

Still, sehr still war das Publikum am Donnerstagabend, als die Regensburger Archäologin, Dr. Ursula Putz, von dem kleinen Jungen mit den großen Augen erzählte, der unter 189 Flüchtlingen in einem defekten Schlauchboot saß. Gesehen hat die Aktivistin des Seenotrettungsschiffes "Sea-Eye" das Kind bei der Rettung von 450 Personen, darunter schwangere Frauen. Eine von ihnen lag in den Wehen, während das Boot zu kentern drohte. "Alle wären sie ertrunken, wären wir nicht gekommen", so die Referentin. Die Geschichte des kleinen Jungen sei ein trauriges Beispiel für eine sich wandelnde Weltgeschichte hin zum uferlos Entsetzlichen. Dr. Wilfried Schnappauf, Crew-Koordinator der "Sea-Eye" berichtete von libyschen und tunesischen Schleusern, die immer stärker darauf setzten, dass mehr Flüchtlinge an die Küste kommen. Niemand halte sie auf, aus menschlicher Not eigenen blutigen Reichtum zu machen. Die Schleuser nehmen den Flüchtlingen bis zu 6000 Euro für die Überfahrt ab. Um Gewicht zu sparen für mehr "Menschenfracht", müssen die Flüchtlinge ihre Schuhe ausziehen.

Tod statt Ankunft


Haben die Menschen das Geld nicht, müssen sie Sklavenarbeit verrichten, werden vergewaltigt und ausgebeutet, mit dem Versprechen einen Bootsplatzes gen Europa zu bekommen. Eine Überfahrt ohne Schwimmwesten, Trinkwasser oder Treibstoff. "Zudem fahren ihnen die Schleuser dann hinterher, um ihnen die Außenbordmotoren wegzunehmen", sagte Schnappauf.

Die Hoffnung auf Rettung werde meist nicht erfüllt, so Ursula Putz. Sie habe erlebt, dass 30 Menschen ertranken, weil sich Schleuser um den Außenbordmotor auf einem Flüchtlingsboot geprügelt hätten. Völlig absurd sei auch das Versprechen der Schleuser, dass mit den nicht seetüchtigen Booten in nur zwei Stunden Europa zu erreichen wäre. Zum Vergleich: Der ehemalige DDR-Fischkutter "Sea-Eye brauche vom Stützpunkt Malta bis zum Einsatz an die libysche Küste bei sechs Knoten Fahrt rund 30 Stunden. Sichtlich betroffen hörten die Gäste, dass die Rettung dieser Menschen inzwischen ehrenamtlichen Rettungsteams, viele davon aus Deutschland, überlassen sei. Es wären zwar Regierungsschiffe in der Nähe, die würden aber lediglich die Küsten "sichern" und keine Flüchtlinge aufnehmen. "Wer an dieser Küste genau was macht und wofür die Kriegsschiffe unterwegs sind, weiß keiner", stellte Dr. Putz fest. Das positive Gegenteil: Wie auf der Sea-Eye investierten immer mehr ehrenamtliche Retter ihre Freizeit und viel Geld für mehr Menschlichkeit.

"Europa hat versagt", meldete sich nach dem Vortrag die SPD-Politikerin Hannelore Bienlein-Holl zu Wort. Die Vorsitzende der Mitterteicher Tafel und Flüchtlingshelferin stellte entsetzt fest, dass das Mittelmeer, auf dem sie als Reiseleiterin von Kreuzfahrtschiffen einst eine tolle Zeit erlebt habe, zum Massengrab geworden sei.

Tropfen auf heißen Stein


Nicht weniger bestürzt sprach das gesamte Publikum der "Sea-Eye" und ihren ehrenamtlichen Helfern Anerkennung für den Einsatz des eigenen Lebens zur Menschenrettung aus. Es gab dankbare Händedrucke, aber auch Spenden wie von Ludwig Spreitzer als Vertreter der CSU-Kreistagsfraktion.

Ursula Putz erklärte, dass sie auf der Sea-Eye weitermachen werde. "So ausweglos dieser Tropfen auf den heißen Stein auch erscheinen mag. Wenn wir nur ein Menschenleben mehr retten, ist es das wert!"

Wenn wir nur ein Menschenleben mehr retten, ist es das wert.Ursula Putz
Weitere Beiträge zu den Themen: Flüchtlinge (1361)Mittelmeer (26)Sea Eye (24)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.