Doppelkapelle der Egerer Kaiserburg
Unten Volk, oben Adel

Die Doppelkapelle sieht außen sehr schlicht aus. Bild: gjb
Vermischtes
Waldsassen
06.10.2016
91
0
 
In der Unterkapelle ist es nur bei geöffneter Außentür hell. Bild: gjb

Wer die Egerer Kaiserburg besucht, wird die Doppelkapelle vielleicht nicht gleich als Sakralbau erkennen. Der Glockenturm fehlt. Eigenartig erscheint allerdings, dass es zwei Eingänge gibt.

Cheb/Eger. Das Portal an der Südseite sieht eher wie ein Fenster aus. Es ist in unerreichbarer Höhe gelegen und teilweise zugemauert. Der Eingang an der Westseite liegt zwar ebenerdig. Wer aber das Gebäude betritt, muss hinabsteigen, fast wie in einen Kellerraum.

Man könnte das außen sehr schlichte Gebäude auch für einen Zehentstadel, ein Speicherhaus oder eine Rüstkammer halten. Von außen ist deshalb kaum zu erahnen, dass dieses Haus von Kunsthistorikern mit der Kaiserkapelle in Nürnberg gleichgestellt wird. Es ist das besterhaltene Gebäude der Egerer Burg und gehört zu den sehenswertesten Denkmälern der Frühgotik in Mitteleuropa. Das Schindeldach wurde allerdings erst 1818 aufgesetzt, nachdem das Gebäude lange Zeit unbedeckt und deshalb durch die Witterung gefährdet war.

"Goldene Bulle von Eger"


Die im unteren Teil romanische, darüber bereits frühgotische Doppelkapelle, entstand Ende des 12. Jahrhunderts. Damals ließ Kaiser Friedrich Barbarossa die Burganlage zur Kaiserpfalz ausbauen ließ. Das Gotteshaus stand am 12. Juli 1213 im Mittelpunkt europäischer Politik, als Friedrich II., Enkel des berühmten Stauferkaisers, zum Reichstag in Eger erschien. Hier unterzeichnete Friedrich II. die "Goldene Bulle von Eger" - vor den Augen des zum Reichstag geladenen böhmische Königs Premysl Otakar I., des päpstlichen Nuntius, des bayerischen Herzogs Ludwig, des österreichischen Herzogs Leopold und einer großen Zahl von Bischöfen und Adeligen. Mit dieser Bulle ordnete Friedrich II. die Beziehungen zwischen der weltlichen und kirchlichen Gewalt. Es handelte sich um eine Urkunde, die für ganz Europa bedeutsam war.

Prachtvoller als heute


Sicherlich hatte die Doppelkapelle vor über 800 Jahren ein prachtvolleres Aussehen als heute. Damals wurde der Besuch in diesem Gotteshaus auch anders erlebt: Wer als Bediensteter der Burg oder als Bürger der Stadt Eger die Kapelle durch den Südeingang betrat, musste 1,5 Meter tief hinabsteigen - und wurde damit auf seine Niedrigkeit vor Gott, aber auch auf seine untergeordnete soziale Stellung, hingewiesen. Wenn das Portal geschlossen ist, kommt durch sehr kleine Fenster nur wenig Licht in die romanische Unterkapelle. Dadurch wirkt sie düster, fast wie eine Grabeskirche. Nur der Altarraum erhält durch ein großes, gotisches Fenster helles Licht und dies symbolisiert die Erleuchtung des Geistes durch die Lehren des Glaubens.

Herrschaften unsichtbar


Licht kommt in die Unterkapelle auch durch eine achteckige Öffnung im Deckengewölbe. Hier öffnet sich ein Blick nach oben, in den Kapellenraum für die Adeligen. Für das einfache Volk blieben die hohen Damen und Herren unsichtbar - außer, diese beugten sich huldvoll herab. Man konnte von unten nur einen sehr viel helleren Raum erkennen, dessen frühgotische Gewölbe fast schwerelos wirkten. Vermutlich war die Decke bemalt, mit Engeln und Heiligen, mit Ornamenten oder Sternen. Wer von der Unterkapelle nach oben blickte, dem erschien dies wie ein Abbild des Himmels. Nur eine schmale, steile Treppe führt hinauf in die obere Kapelle. Weil damals die Menschen viel kleiner waren, konnten sie den Aufstieg nur schwer bewältigen. Für die "gemeinen" Leute wäre es allerdings eine Anmaßung gewesen, die Oberkapelle zu betreten. Vermutlich war die Treppe nur für die Wachen, die Ministranten und die Bediensteten der Kirche gedacht.

Südportal für den Adel


Die Adeligen hatte es auch gar nicht nötig, diese steile Treppe zu benutzen. Für sie gab es das - damals noch nicht zugemauerte - Südportal, und von hier aus hatte man über eine Galerie direkten Zugang zum Palas der Burg. So waren sie sogar bei der Messe in der Doppelkapelle "hochgestellt", was als dem Willen Gottes entsprechend betrachtet wurde.

Die Trennung von Adel und Volk - der Klerus hatte seinen Platz in dem durch mehrere Stufen erhöhten Altarraum - entsprach der Ständeordnung des frühen Mittelalters und dem religiösen Verständnis dieser Zeit: In einer künstlerischen Darstellung des Astrologen Johannes Lichtenberger (1488) weist Jesus selbst den drei Ständen ihre sozialen Stellungen zu: "Tu supplex ora" (du bete demütig!) zum Klerus, "Tu protege" (du beschütze!) zu Kaiser und Adel, "Tuque labora" (und du arbeite!) zu den Bauern.

Privilegien über viele JahrhunderteDie Privilegien von Adel und Kirche hatten über Jahrhunderte Bestand. Der Aufstand der Bauern wurde von Martin Luther (1525) vehement abgelehnt: "Wider die Mordischen und Reubischen Rotten der Bawren..." Die Französische Revolution (1789) war für Friedrich Schiller nur ein gescheiterter Traum, da sie "einen beträchtlichen Teil Europas, und ein ganzes Jahrhundert, in Barbarei und Knechtschaft zurückgeschleudert" hatte. In Deutschland wurden erst nach dem Ersten Weltkrieg (1919) die Monarchie und die letzten Privilegien der Adeligen abgeschafft. (gjb)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.