Flucht aus Ägypten
Karl Rothenaichner schnitzt neues Stück für seine Krippe

Der Mitterteicher Kirchenkrippe ist die "Flucht nach Ägypten" nachempfunden. Die großen Vorbilder hatte Karl Rothenaichner mit nach Hause nehmen dürfen, um sie genau zu studieren.
Vermischtes
Waldsassen
24.12.2015
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Jesus reitet in Jerusalem ein.
 
Nicht einmal zehn Euro kostete die Laterne, die jetzt als Stall dient.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache kürte erst kürzlich "Flüchtlinge" als das Wort des Jahres 2015. Das Stückl, das der Krippenschnitzer Karl Rothenaichner gerade fertigt, passt perfekt zur aktuellen Zeitgeschichte: "Die Flucht nach Ägypten".

Noch nie hat er sich bei der Arbeit mit den scharfen Messern geschnitten. Da ist dem Schnitzer noch kein Schnitzer passiert. Geboren ist Karl Rothenaichner 1940 in Niederlamitz im Fichtelgebirge. Schon als Zehnjähriger ist er von Krippen fasziniert, baut er eigene Ställe. "In Oberfranken ist das Schnitzen nicht sehr verbreitet. Es war schwer, Figuren zu bekommen." Die Eltern sind eingesprungen und haben dem Karl immer welche zu Weihnachten geschenkt.

Heimat geworden


1970 kam er beruflich in die Klosterstadt. "Ich fühlte mich schnell wohl hier und Waldsassen wurde mir zur Heimat." Er fand Kontakt zu den Krippenfreunden im Gerwigkreis. "Heute sind wir da etwa sechs Gleichgesinnte. Wir tauschen Erfahrungen aus und besuchen viele Ausstellungen, zuletzt die aktuelle in Plößberg. Arbeiten tun wir aber zu Hause, jeder für sich, im stillen Kämmerchen." In der Mittelschule haben die Krippenfreunde mit den Schülern viele Krippen gebaut. Jedes Jahr ist eine davon auf dem Diepold-Brunnen vor der Basilika ausgestellt. Ausstellungen inspirieren Karl Rothenaichner ungemein. Auch aus Fachliteratur holt er sich Anregungen, zum Beispiel in der des Bayerischen Krippenverbandes. Seine eigenen Figuren haben heimische sowie orientalische Züge. "Das hat den Vorteil, dass sie in jeden Stall passen."

Wenn sich der Schnitzer für ein Stückl entschieden hat, geht er außergewöhnliche Wege. Hat es ihm eine Figur oder Gruppe angetan, wird er durchaus beim Besitzer vorstellig, fragt nach, ob er sich das Original für eine gewisse Zeit ausleihen darf. Auch bei seinem neuen Stückl, der Flucht nach Ägypten, ging er diesen Weg erfolgreich. Das 28 Zentimeter hohe Original ist in der Mitterteicher Kirchenkrippe zu finden. "Als feststand, dass ich die Teile mit heim nehmen durfte, wurde alles fotografiert und ich musste einen entsprechenden Vertrag unterschreiben."

Zu Hause hat er das Stück dann fotografiert und auf dem Computer auf die Größe heruntergerechnet, die seinen Figuren entspricht. Die sind 16 Zentimeter hoch. Auch die Heiligen Drei Könige, die Rothenaichners Krippe zieren, stammen aus der Mitterteicher Krippe. Die Flucht nahm Rothenaichner aus zwei Gründen ins Visier. Erstens hat er selbst dieses Stück noch nicht und zweitens passt es hervorragend zum aktuellen Zeitgeschehen. "Das ist heute genauso aktuell wie vor über 2000 Jahren."

Das richtige Maß


Rothenaichner ist nicht nur ein begnadeter Schnitzer, sondern ein ebenso hervorragender Fasser. Seine Figuren sind nicht plump bunt angemalt. Sie kommen zwar in kräftigen Farben, aber gleichzeitig auch sehr differenzierten Abstufungen und Schattierungen daher.

Das gibt den ohnehin schon ausdrucksstarken Stückln zusätzlich Leben. Etwa die Hälfte seiner Werke sind gefasst, die anderen naturbelassen. "Was richtiger ist, da scheiden sich die Geister. Und selber bin ich in dieser Frage auch nicht schlüssig." Grundsätzlich findet er aber die bemalten Figuren ausdrucksstärker. "Man bringt damit mehr Kontur ins Antlitz." Auch das "Ins-rechte-Licht-setzen" sei ausschlaggebend für die Wirkung. Hier das Maß zwischen zu viel oder auch zu wenig zu finden, sei nicht so einfach. Karl Rothenaichner hat gar nicht so viele Figuren, wie es jetzt vielleicht den Anschein erweckt. Er hat nur eine einzige eigene Krippe mit den Klassikern wie der Heiligen Familie, den drei Königen, Hirten, Schafen sowie Ochs und Esel. Letzterer fehlt aber derzeit in der naturbelassenen Szenerie.

Für Geld schnitze ich nicht.Karl Rothenaichner

Als ihm einmal in den Sinn kam, er müsse jetzt die Szene schnitzen, wie Jesus auf einem Esel in Jerusalem einreitet, nahm er den Esel aus der Krippe und schnitzte passend die Jesus-Figur dazu. Beide hat er bemalt und so kann der Esel nicht mehr zurück in die naturbelassene Krippe.

Für Sohn und Enkel


Allerdings ist er am Überlegen, ob er nicht alle Figuren seiner Krippe fassen soll. Dann wäre der Esel auch dort wieder einsatzfähig. "Oder ich mache einen neuen." Dabei ist das gar nicht so einfach. Viele Dinge seien dabei zu beachten. Wie ist die Augenstellung beim lebenden Tier? Wie zeichnen sich die Muskeln ab? Oder wie steht ein Schaf eigentlich da, wie ist dabei seine Fußstellung und seine Körperhaltung?

Karl Rothenaichner schnitzt nur für seine eigene Krippe. "Für Geld schnitze ich nicht. Wenn ein Bekannter jedoch eine beschädigte Figur hat, helfe ich aber gerne." Zwei Ausnahmen gibt es doch. Sein Sohn Peter und sein Enkel Luca bekommen von ihm eine Krippe. Die eine ist in einem kleinen Stall untergebracht, die andere in einer Laterne. Die hat Rothenaichner für unter zehn Euro im Supermarkt erstanden und ein wenig modifiziert.

Rothenaichner arbeitet nur, wenn er wirklich Lust dazu verspürt. "Seit ich in Pension bin habe ich die Erkenntnis, dass ich nur noch das tue, was und wann ich es will. Ich trage seither auch keine Uhr mehr am Handgelenk." Derzeit werkelt er an acht Einzelfiguren, Engel mit Harfe, Gitarre, Flöte, Pauke und so weiter. Lindenholz ist sein bevorzugter Rohstoff. "Da habe ich viel mehr gelagert, als ich jemals brauchen werde."

Beruf und HobbyAls Karl Rothenaichner 19 war, ging er zum damaligen Bundesgrenzschutz und war im ganzen Bundesgebiet eingesetzt. Hof, Bayreuth, Mannheim, Bamberg, Lübeck und Bonn waren Stationen. 1964 gehörte er dem Wachzug des zweiten deutschen Bundeskanzlers, Ludwig Erhard, an. Er studierte an der Beamtenfachhochschule in Fürstenfeldbruck und kam 1970 als Stationsleiter zur Grenzpolizeiinspektion Waldsassen. Später wurde er Stationsleiter in Schirnding und 1985 mit 45 Jahren für die kommenden 15 Jahre bis zur Pensionierung im Jahr 2000 Inspektionsleiter in Waldsassen. "Schnitzen war für mich auch immer Ausgleich zum Beruf, der oftmals sehr unschöne Ereignisse mit sich brachte", sagt er. "Beim Schnitzen konnte ich für eine Zeitlang alles vergessen." Rothenaichner ist reiner Autodidakt. Er hat schon immer gerne gezeichnet und gemalt. "Und die plastische Vorstellung wurde mir anscheinend in die Wiege gelegt." Heute reicht ihm die Zeit nicht, um große Ölgemälde zu fertigen, wie er das früher getan hat. Zwei Küstenlandschaften, die im Wohnzimmer hängen, verraten seine Vorliebe für südliche Meere. (tr)
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