Stiftland-Groundhopper unterwegs bei der EM in Frankreich
Kick, Kämpfe, keine Kammer

Die Stiftland-Groundhopper Matthias Schuster, Roland Bauer, Christian Richtmann und Markus Schneider (von links) waren auch im kleinsten EM-Stadion: der Allianz Riviera in Nizza. Nach dem Spiel Polen gegen Nordirland stellten sie sich zum obligatorischen Hopper-Foto auf. Bild: hfz
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Waldsassen
17.06.2016
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Die Stiftland-Groundhopper Matthias Schuster, Roland Bauer, Christian Richtmann und Markus Schneider (von links) waren auch im kleinsten EM-Stadion: der Allianz Riviera in Nizza. Nach dem Spiel Polen gegen Nordirland stellten sie sich zum obligatorischen Hopper-Foto auf. Bild: hfz

Schlägernde Russen und Engländer in Marseille sowie ein falsches Hotel in Nizza: Der sechstägige Besuch der Europameisterschaft in Frankreich beschert den Stiftland-Groundhoppern weit mehr als Fußball.

/Pirk. Bei fünf Spielen an fünf Tagen fieberten Matthias Schuster (Langenpreising, Kreis Erding), Markus Schneider (Waldsassen), Roland Bauer (Pirk) und Christian Richtmann (Thanhausen) live im Stadion mit. Die vier gebürtigen Waldsassener legten dabei zwischen Freitag und Donnerstag mit dem Mietwagen exakt 3767 Kilometer zurück.

Bei den Vorplanungen griffen die Mitglieder der Stiftland-Groundhopper auf einen großen Erfahrungsschatz zurück. Seit über zehn Jahren eint die Hopper - zu deren Gruppe rund zwölf Fußballfans zählen - die Intention, möglichst viele Stadien in möglichst vielen Ländern zu sehen.

Das erste Ziel der Stiftländer war das Eröffnungsspiel Frankreich gegen Rumänien im Stade de France in Paris. "Vor der Arena war alles ruhig, die Stimmung kam mir ein wenig gedämpft vor. Die Polizei zeigte zwar Präsenz, es war aber nicht mehr als bei einem normalen Ligaspiel", blickt Schuster zurück.

Viele freie Tickets


Ihre Tickets hatten sich die vier Oberpfälzer schon vor einem Jahr im Zuge des Losverfahrens der Uefa gesichert. Laut Richtmann ist es aber kein Problem, sich direkt vor den Stadien Karten zu besorgen: "Wir wurden einige Male angesprochen. Außerdem hatten viele ein Schild dabei, auf dem sie die Tickets offensiv anboten."

Nach dem Spiel fuhren die Hopper weiter zum Hotel ins 180 Kilometer entfernte Auxerre. Von dort ging es am Samstag über 600 Kilometer weiter nach Marseille. Auf dem Spielplan stand das Duell England gegen Russland. "Wir hatten über die Medien zwar mitbekommen, dass es am Alten Hafen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Fanlagern gibt, wollten aber trotzdem zum 'Hard Rock Cafe', das dort in der Nähe liegt", erklärt Schuster. Zunächst sei noch alles ganz ruhig verlaufen, nichts habe auf irgendwelche Zwischenfälle hingedeutet. "Je näher wir aber zum Alten Hafen kamen, desto unübersichtlicher wurde die Lage." Unter anderem hätten sich auf einem Platz mehrere vermummte Personen geprügelt.

Aus einiger Distanz beobachteten die Stiftländer als "ein ganzer Pulk an Menschen davonrannte. Stühle und Flaschen flogen. Die Polizei setzte Tränengas ein". Kurz darauf mussten aber auch die vier Reißaus nehmen: "Als eine Gruppe plötzlich in unsere Richtung flüchtete, liefen wir davon. Wir wussten einfach nicht, was da kam. Es gab laute Explosionen und viele Menschen schrien."

Am Alten Hafen selber war ein Großaufgebot der Polizei. "Hier fühlten wir uns dann zunächst sicher." Allerdings gab es in der nächsten Seitengasse wieder eine große Schlägerei. Hier habe es kein Durchkommen mehr gegeben. Die Polizei rückte mit einem Wasserwerfer an. "Wir hatten genug und entschieden uns, direkt Richtung Stade Velodrome zu gehen", umschreibt Schuster die Situation.

Vor und während des Spiels habe es keine Zwischenfälle gegeben. Direkt nach dem Schlusspfiff stürmten aber Russen einen angrenzenden Block. Dort waren neben englischen Fans auch neutrale Zuschauer. Für Richtmann steht fest: "Da hätten wir genauso sitzen können. Das waren ganz normale Plätze."

Keine Blocktrennung


In diesem Zusammenhang kritisiert Schuster, dass es keine Blocktrennung gab. Ordner seien nur außerhalb positioniert gewesen. Erst nach einigen Minuten sei eine unbewaffnete Sondereinheit der Polizei rein. "Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten Fans schon aus dem Block geflohen oder in den Innenraum des Stadions gesprungen." Beim Weg zurück zur Unterkunft habe es keine Probleme geben.

Die nächste unliebsame Überraschung erwartete die Groundhopper am Sonntag im 200 Kilometer entfernten Nizza. Dort hatten sie sich ein Apartment gebucht. "Als wir vor dem Gebäude standen, deutete nichts auf eine Gäste-Unterkunft hin. Keine Klingel, kein Schild, nichts - ein ganz normales Wohnhaus. Anwohner, die wir befragten, wussten ebenso von nichts", erzählt Schuster.

Auch ein Anruf bei der Kontaktnummer des Apartments brachte die Fußballfans nicht weiter. Der Mann am anderen Ende der Leitung wollte eigentlich nicht mit ihnen sprechen und es fielen einige heftigere Worte von seiner Seite. Von einem Anwohner erfuhren sie, dass schon öfter Personen diese Unterkunft erfolglos gesucht hätten. Schließlich stornierten die Stiftländer das Apartment ohne finanzielle Verluste über eine Onlineplattform und buchten sich ein neues Hotel.

Am Nachmittag machten sie sich Richtung der Allianz Riviera auf. Das Stadion liegt über zehn Kilometer außerhalb Nizzas. Der drei Kilometer lange Weg vom Parkplatz zum Stadion verlief entlang einer zweispurigen Schnellstraße am Standstreifen. Für Schuster "eine absolute Katastrophe und in Deutschland so nicht vorstellbar". Die Stimmung zwischen den Polen und Nordiren bezeichnet er als gut und freundschaftlich.

Auf Sonne folgt Regen


Am Montagmorgen standen dann 380 Kilometer nach Lyon auf dem Programm. Nach zwei Tagen Sonnenschein wurde das Wetter weiter Richtung Norden immer schlechter. Abends im Stade des Lumières herrschte beim Spiel Belgien gegen Italien Dauerregen. Zuletzt besuchten die Oberpfälzer am Dienstagabend schließlich noch das Match Portugal gegen Island im benachbarten St. Etienne.

"In allen Stadien waren die Abläufe identisch: Einlass, Fanshop, Zeremonie, Verpflegung und die Stadiondekoration. Auch konnte man sich überall frei bewegen. Alle Tribünen waren offen zugänglich", blickt Schuster zurück. Insgesamt sei es bis auf die Situation in Marseille eine sehr gelungene Fahrt gewesen und "kleine Zwischenfälle wie das falsche Hotel gehören zu einer solchen Tour einfach dazu".

Laxe KontrollenKritisch sieht Matthias Schuster die eher laxen Kontrollen mit drei Ringen vor den Stadien. In Ring 1 wird mittels eines UV-Stifts die Echtheit der Tickets überprüft. Sicherheitskräfte tasten dann in Ring 2 die Besucher ab. "Wobei diese Kontrollen bei uns wirklich sehr oberflächlich waren." Ring 3 ist direkt am Stadion. Hier wird das Ticket via Barcode eingelesen. Die Personalisierung der Tickets habe niemanden interessiert. "Wir hatten uns aufgrund der aktuellen Lage auf deutlich schärfere Kontrollen eingestellt", sagt Schuster. Das diese zu lasch waren, zeige die Tatsache, dass die Russen es geschafft haben, Böller und Blitzlichter ins Stadion zu bekommen. (rti)


GroundhoppingDas Wort Groundhopper kommt aus dem Englischen und kann mit von Stadion zu Stadion hüpfen übersetzt werden. Es setzt sich aus ground (zu Deutsch: Stadion) und to hop (hüpfen) zusammen. Hopper messen ihre Stadionbesuche nach einem Punktesystem. Ein Punkt für jedes Stadion und ein Punkt für jedes Land, in dem sie zum ersten Mal ein Spiel besuchen. Jede Gruppe hat leicht unterschiedliche Regeln. Die Stiftland-Groundhopper haben fast 50 Länderpunkte und über 320 Stadien vorzuweisen.

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Weitere Informationen:

www.stiftland-groundhopper.de


Als eine Gruppe plötzlich in unsere Richtung flüchtete, liefen wir auch davon. Wir wussten einfach nicht, was da kam. Es gab laute Explosionen und viele Menschen schrien.Matthias Schuster zu den Vorkommnissen in Marseille
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