Erinnerungen des 81-jährigen Josef Schenk
Waldthurn ist seine Heimat

Josef Schenk blättert in seinem Familienalbum. Bilder: fvo (2)
Vermischtes
Waldthurn
20.05.2016
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Die historische Aufnahme zeigt den zweijährigen Josef Schenk, seine Mutter Rosa, auf deren Schoß seine Schwester Maria und zwei Cousinen (von links).

"Die Folgen für die Flüchtlinge sind die gleichen wie damals bei uns. Wir wurden allerdings vertrieben, die heutigen Migranten flüchten selbst ", meint der 81-jährige Josef Schenk. Der Waldthurner erinnert sich noch genau an seine Kindheit in der Tschechoslowakei und die unmenschliche Vertreibung ohne seine Eltern.

Für ihn unvergessen ist die Odyssee bis in die Oberpfalz nach Waldthurn, wo ihn vor 65 Jahren sein Vater Wenzel wieder in die Arme nahm. Schenk ist ein Mann voller Gelassenheit, der ohne Zorn von seinem Lebensweg erzählt. Geboren wurde er am 12. Februar 1935 im Sudetenland in Simmersdorf einen 700-Seelen-Ort im Kreis Iglau. "Grob gesagt liegt mein Geburtsort zwischen Prag und Brünn, 300 Kilometer von Waldthurn entfernt."

Kinder bei Oma und Tante


Obwohl seine Mutter Rosa 1943 an einer Lungenkrankheit starb, musste Vater Wenzel zur Wehrmacht. So waren der damals achtjährige Josef, die ein Jahr jüngere Schwester Maria, der sechsjährige Bruder Rudi und die kleine Schwester Hilde, die zu diesem Zeitpunkt vier Jahre alt war, alleine. "Oma und Tante Lise kümmerten sich um uns", erinnert sich Schenk.

Am 9. Mai 1945 kamen die Russen mit Panzern ins Dorf. Schenk hatte die Vergewaltigung einer Verwandten durch einen russischen Soldaten verhindert. Aber nicht nur Schrecken verbreiteten die neuen Besatzer, ein russischer Arzt half auch bei der Geburt eines Kinds. Im September 1945 begann der lange Weg der zwölfköpfigen Sippe mit den vier Schenk-Kindern. Für zwei Wochen mussten die Sudetendeutschen in der Kreisstadt Iglau in ein Lager. Anschließend kam die Großfamilie nach Humpoletz, eine Stadt in Tschechien am Nordwestrand der böhmisch-mährischen Höhe. "Mein achtjähriger Bruder und ich arbeiteten für circa ein Jahr bei einem Bauern, jeder mit einem eigenen Ochsengespann." Im Oktober 1946 ging die Reise Richtung deutsche Ostzone in einem 30 Menschen fassenden Viehwaggon weiter. "Aussteigen durften wir während der zweitägigen Fahrt nicht. Ein großer Eimer in der Ecke war die Toilette."

Ausgehungerte Menschen


An der tschechisch-deutschen Grenze durften sie dann in einen deutschen Waggon mit besserer Ausstattung umsteigen. Beim Umladen waren im Nachbarwaggon Kühe geladen, die seit Tagen nicht gemolken wurden und wegen ihrer überschüssigen Milch in den Eutern brüllten. So sprangen die durstigen und ausgehungerten Menschen zu den Kühen und besorgten sich so eine frische Portion Kuhmilch. Schließlich gelangte die Gruppe nach Magdeburg in eine notdürftige Unterkunft.

Wirre Zeit


Vier Wochen später verfrachtete man die Vertriebenen aus dem tschechischen Simmersdorf zu einer großen Landwirtschaft in Meitzendorf, Kreis Wolmirstedt. "Der Winter 1946/47 war intensiv, wir hatten es dort nicht besonders warm und nahmen jede Gelegenheit war, Briketts für die Öfen zu ergattern." Die Kinder waren in dieser wirren Zeit zwei Jahre ohne jeglichen Schulunterricht, zwölf Personen waren bis November 1947 in einem Zimmer untergebracht.

Schließlich nahmen die Behörden eine Verteilung vor, Josef und Rudi kamen zur mitgereisten Tante Lise in eine Wohnung und die beiden Schenk-Schwestern wurden zur Adoption nach Duisburg freigegeben. Schwester Hilde lebt auch heute noch im Ruhrgebiet, Maria starb dort vor zehn Jahren.

Mit 14 Jahren begann Schenk beim VOB Bauunternehmen in Magdeburg eine Maurerlehre, die er aber nicht abschloss, da Vater Wenzel über den Suchdienst des Roten Kreuzes die beiden Schenk-Buben gefunden hatte. Der Familienvater wollte nach russischer Kriegsgefangenschaft 1947 über Deutschland in seinen Heimatort in die Tschechoslowakei reisen. Er wurde aber an der Grenze zurückgewiesen und lebte mit seiner späteren zweiten Frau Maria Götz im Troidl-Haus in Waldthurn. Nach dem ersten Briefkontakt machten sich die Schenk-Buben im Oktober 1951 auf in die Oberpfalz.

Sie durften wegen der Familienzusammenführung in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen und kamen über das Lager Friedland schließlich am Bahnhof in Waldthurn an. Von dem heute 92-jährigen Josef Grundler, der zufällig dort am Bahnhof in Ottenrieth war, erfuhren die beiden Buben den Weg zu ihrem Vater nach Waldthurn. Dieser wurde von der Ankunft seiner 14- und 16-jährigen Söhne überrascht. 1954 packte Josef seinen Vater auf sein 200er Hercules-Motorrad, das damals sein ganzer Stolz war, und besuchte erstmals die beiden Schwestern im 600 Kilometer entfernten Duisburg.

Bei der Waldthurner Baufirma Griesmeier beendete Schenk seine Maurerausbildung, machte 1970 die Meisterprüfung und war von 1972 an 30 Jahre selbstständiger Fliesenleger. Bruder Rudi zog es nach Vohenstrauß, wo er beim Koller-Schneider lernte und später bei der Firma Hölzl beschäftigt war.

Schnell integriert


Schnell integrierte sich Schenk ins Marktleben am Fuße des Fahrenberg und hatte nach eigenen Bekunden nie das Gefühl, ein Eindringling zu sein. Im September 1957 heiratete er in der Filialkirche St. Jakobus in Lennesrieth Barbara Frischholz. Das Paar zog im Haus am Hopfengarten die Töchter Claudia, Lydia, Christine und Sohn Rudi groß. Nach der Wende besuchte Schenk seinen Geburtsort Simmersdorf in Tschechien, aber Waldthurn empfindet er voll und ganz als seine Heimat.
Aussteigen durften wir während der zweitägigen Fahrt nicht. Ein großer Eimer in der Ecke war die Toilette.Josef Schenk
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