Vortrag der Psychotherapeutin Dr. Cathrin Zügner
Einfach nur da sein

Vermischtes
Waldthurn
19.02.2016
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Lassen Sie Wünsche, Absichten, Impulse bleiben. Entscheiden Sie sich dafür, sie nicht festzuhalten oder zu verstärken. Bleiben Sie bei der Wahrnehmung des gegenwärtigen Geschehens und öffnen Sie sich für die Erfahrungen, die da sind.

Der Mensch will immer etwas erreichen: Spaß, Anerkennung, Besitz, Erholung, Erkenntnis. Der Kopf ist randvoll mit Aufgaben. Vielen bereitet das große Probleme. Dabei reicht es, "einfach da zu sein". Die Psychotherapeutin Dr. Cathrin Zügner verriet am Donnerstag im Pfarrheim in Waldthurn rund 100 Zuhörern, wie es geht.

Die Expertin, die am Bezirksklinikum in Regensburg beschäftigt ist, brachte es gleich zu Beginn auf den Punkt: "Achtsamkeit ist die Kunst, da zu sein: Die bewusste Entscheidung einfach nur da zu sein, im Kontakt mit der Umwelt, mit anderen Menschen und mit sich selbst. Empfangsbereit, offen für das, was gerade geschieht. Nichts wird aktiv verändert, aber Veränderungen werden zugelassen. Erfahrung werden nicht verstärkt, nicht festgehalten oder vermieden." Gewohnheiten und die Anforderungen der Gesellschaft würden dies erschweren, aber: "Lassen Sie Wünsche, Absichten, Impulse bleiben. Entscheiden Sie sich dafür, sie nicht festzuhalten oder zu verstärken. Bleiben Sie bei der Wahrnehmung des gegenwärtigen Geschehens und öffnen Sie sich für die Erfahrungen, die da sind."

Wirksamkeit belegt


Zügner ging im Detail auf die Grundhaltungen der Achtsamkeit nach Professor Jon Kabat-Zinn ein. In zahlreichen Studien sei die Wirksamkeit belegt. Datenbasis sind Veränderungen nach einer Teilnahme an einem MBSR-Kurs, mindfulness-based-stress-reduction (achtsamkeitsbasierte Stressreduktion). Es handelt sich dabei um ein achtwöchiges Training, das von Kabat-Zinn, dem Gründer der Stress Reduction Clinic in Massachusetts, in den 70-er Jahren entwickelt wurde.

Es wird inzwischen weltweit angeboten, in Deutschland seit den 1990er Jahren. Belegt sind eine Verringerung von Stresserleben, von Angst und Panikattacken, Depression und Burnout, Schlafstörungen und Migräne. Auch Menschen mit chronischen Schmerzen, Krebs oder Multipler Sklerose würden laut Zügner davon profitieren.

Zu den Grundhaltungen der Achtsamkeit gehört, dass sie aktiv und mit Entschlossenheit eingenommen wird. Mit der Übung selbst soll keine Entspannung, Wohlbefinden oder Weisheit erreicht werden: "Während der Übung sind wir ohne Ziel." So wie alles seine Zeit hat, soll man den Dingen und sich selbst ihre Zeit lassen. Wie ein kleines Kind, das die Welt entdeckt, sollte man stehen bleiben, die Augen schließen und hören, was es gerade zu hören gibt, zu riechen oder zu spüren. Kabat-Zinn nennt dies "Anfänger-Geist".

Akzeptanz wichtig


Die Gegenwart wird schlicht akzeptiert: "Es ist, wie es ist. Wenn wir aber etwas verändern wollen und können, dann sollten wir das auch tun. Wenn wir jedoch etwas nicht verändern können oder wollen, dann ist Akzeptanz angesagt." Achtsamkeit, so erklärte Zügner, ist ein alter und gleichzeitig moderner Heilungsweg.

Alte und neue Methode


Im Christentum wurde Achtsamkeit durch die Mystiker im Mittelalter "eingeführt". Ziel war es, ein Einssein mit Gott im Diesseits zu erlangen. Dieser Ansatz geriet etwa ab dem 17. Jahrhundert in Vergessenheit. In Klöstern und kontemplativen Orden wurden diese Methoden jedoch weitergeführt. Vertreter der Gegenwart sind unter anderem Pater Willigis Jäger und Pater Anselm Grün.
Lassen Sie Wünsche, Absichten, Impulse bleiben. Entscheiden Sie sich dafür, sie nicht festzuhalten oder zu verstärken. Bleiben Sie bei der Wahrnehmung des gegenwärtigen Geschehens und öffnen Sie sich für die Erfahrungen, die da sind.Dr. Cathrin Zügner


ÜbungsanregungenDr. Cathrin Zügner gab ihren Zuhörern einige Übungsanregungen für erste Schritte in eine achtsame Lebenshaltung mit auf den Weg: Die Übung sollte im Sitzen, mit gerader Haltung und ganz bewusst gemacht werden. Es wird ein fester zeitlicher Rahmen (beispielsweise drei Minuten) bestimmt.

Während der Übung bleibt man in der Gegenwart: "Seien Sie bei dem, was jetzt und hier geschieht. Nehmen Sie Anspannungen, Bewertungen und Gedanken, die Ihnen während der Übung begegnen, bewusst wahr, aber halten Sie nichts fest. Strengen Sie sich nicht an, bearbeiten Sie nichts, stellen Sie keine Warum-Fragen. Geben Sie einfach keine Energie in die Wahrnehmung der äußeren und inneren Prozesse. Lassen Sie sie nur geschehen und bleiben Sie offen für das, was als nächstes passiert." Es geht auch nicht um Entspannung oder Wohlfühlen - es geht um die Wahrnehmung und die Offenheit für das, was in diesem Augenblick geschieht.

Eine Grundübung befasst sich mit dem Atem: "Schauen Sie beim Einatmen nach, ob ein Gedanke da ist. Wenn ja: Lassen Sie ihn beim Ausatmen bewusst und freundlich wieder los, indem Sie auf Ihr Ausatmen achten. Manche Gedanken kehren wieder. Dann wiederholen Sie das freundliche Loslassen beim Ausatmen. Achtsames Atmen beginnt bereits am Morgen beim Aufwachen. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den Atem, bevor Sie aufstehen. Beobachten Sie diesen fünf Atemzüge lange, ohne ihn zu verändern."

Das kann man tagsüber in bestimmten Situationen und beim Zubettgehen wiederholen. (ck)
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