Abnorm, nicht unbedingt "krank"

Völlig indiskutabel: "Normal" ist es sicher nicht, schwere Gegenstände von Brücken auf Fahrzeuge zu werfen. Bild: Hartl

Die Tat schockt viele: Am 17. August werfen Unbekannte im Stadtgebiet Weiden einen Gullydeckel von einer Brücke auf die Autobahn A 93. Die Ermittlungen laufen noch. Viele Menschen haben sich aber schon ein Urteil gebildet.

Nur mit Glück entgehen mehrere Pkw-Fahrer einem Desaster. Fünf Fahrzeuge wurden nicht unerheblich beschädigt, eine Person leicht verletzt. Hätte das gut 50 Kilogramm schwere "Wurfgeschoss" die Windschutzscheibe eines Wagens durchschlagen, hätte das durchaus tödliche Folgen haben können.

Obwohl die Verkehrspolizei-Inspektion Weiden nach Auskunft von Stefan Hartl, Sprecher des Polizeipräsidiums Regensburg, "mit Hochdruck ermittelt", gibt es noch immer keine konkreten Hinweise auf den oder die Täter. Am Mittwoch wurde eine Belohnung von 1000 Euro für Hinweise ausgesetzt, die zur Ergreifung der oder des Täters führen.

Unheimliches Glück

Der Vorfall ereignete sich gegen 22 Uhr, also im Schutze der Dunkelheit. "So etwas geschieht häufig nachts", bestätigt Hartl. "Bis man realisiert, was passiert ist und nach oben schaut, sind die Täter schon weg." Auch deshalb sei die Aufklärungsquote solcher Delikte trotz Zeugenbefragungen gering. Steinwürfe von Brücken gibt es häufiger.

Dass ein zentnerschwerer Gullydeckel über das Brückengeländer gewuchtet wird, ist im Bereich des Polizeipräsidiums Regensburg jedoch neu. "Die Verkehrsteilnehmer hatten unheimliches Glück", sagt der Polizeisprecher. Ermittelt werde nun wegen eines "schwerwiegenden Eingriffs in den Straßenverkehr". Erst am Montag verurteilte das Landgericht Neuruppin (Brandenburg) einen Mann, der zwei Gullydeckel auf eine Autobahn geworfen hatte, wegen eines solchen gefährlichen Eingriffs und versuchten Mordes zu sechs Jahren Haft.

Zu den möglichen Motiven für eine solche Tat möchte sich Stefan Hartl nicht äußern. Einen "typischen" Täter gebe es jedoch nicht - aufgrund der geringen Aufklärungsquote lasse sich kein "Täterprofil" erstellen. Im Internet sehen viele das anders: "Das ist einfach nur krank" oder "nur noch Kranke unterwegs" heißt es in den Kommentaren von Nutzern sozialer Netzwerke.

So leicht macht es sich der Psychiater Dr. Berthold Langguth nicht. Der Chefarzt am Bezirksklinikum Regensburg differenziert: "Natürlich ist so ein Verhalten abnormal", befindet er über den Gullydeckel-Wurf. "Ob es aber krankhaft ist, lässt sich ohne Detailwissen nicht sagen." Es sei unter anderem auch Aufgabe des Gerichts, die Schuldfähigkeit des Täters festzustellen.

Man müsse zudem zwischen einer geplanten oder einer spontanen Tat unterscheiden. Im letzteren Fall werde ein Impuls so schnell umgesetzt, dass die hemmende, rationale Kontrollfunktion des Gehirns zu kurz komme. Auch der Einfluss von Alkohol oder anderer Substanzen könne dabei eine Rolle spielen. "Man macht sich dann keine Gedanken mehr über die Konsequenzen seiner Handlungen", erklärt Dr. Langguth.

Wut aufgestaut

Eine Tat im Affekt sei in der Regel gezielt gegen den Auslöser gerichtet. Wer Gegenstände von Brücken werfe, lasse hingegen ungezielt andere für mitunter lebenslang erlittene Kränkungen büßen: "Die Wut staut sich an und schließlich kommt der Impuls, es der Welt oder den Menschen heimzuzahlen." Psychiater Langguth attestiert vielen Tätern auch eine narzisstische Komponente - man genieße dann das Gefühl, Macht auszuüben und Aufmerksamkeit zu bekommen. Dies sei beispielsweise bei dem Fernfahrer der Fall gewesen, der jahrelang in ganz Deutschland als "Autobahnschütze" unterwegs war.
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