Angst vor dem Eiffelturm

So ist der Verlauf des geplanten Ostbayernrings durch den Netzanbieter Tennet. So ähnlich könnte nun auch der Korridor der Gleichstromtrasse aussehen. Der Ostbayernring ist eine seit den 70er-Jahren bestehende, rund 185 Kilometer lange Stromtrasse, die von Redwitz in Oberfranken nach Schwandorf verläuft. Grafik: NTA/Z
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Weiden in der Oberpfalz
03.07.2015
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Die Ergebnisse des Energie-Gipfels setzen die Region unter Strom. Die Bewertung der Oberpfälzer Abgeordneten ist höchst unterschiedlich, die Bedenken wegen des Baus von "Monstertrassen" nicht endgültig vom Tisch. Sogar der Eiffelturm wird als Vergleich herangezogen.

Der Termin stand schon länger fest, war aber am Donnerstag doppelt brisant. Wenige Stunden, nachdem die Koalitionsspitzen die Ergebnisse des Energiegipfels bekanntgegeben hatten, lud der Netzbetreiber Tennet bayerische Bundestagsabgeordnete zum Frühstück ein. Mancher musste dabei kräftig schlucken. Marianne Schieder (SPD) gestand: "Ich bin nicht zufrieden, es gibt zu viele ungeklärte Fragen." Nach Angaben der Wernberg-Köblitzer Politikerin ist die gleichzeitige Nutzung einer Gleichstrom- und Wechselstromtrasse - wie auf dem Ostbayernring eventuell vorgesehen - laut Tennet technisch nicht möglich. Hier würden größenmäßig sonst Eiffeltürme entstehen. Bundesnetzagentur-Präsident Jochen Homann habe den Abgeordneten gesagt: "Kommt Zeit, kommt Technik." Schieder ist sauer: "Ich bin ratloser als zuvor."

Ihre SPD-Landtagskollegin Annette Karl aus Neustadt/WN bläst ins gleiche Horn: "Ich bin nicht zufrieden, es gibt nichts Konkretes. Der Umbau auf Gleichstromtrassen ist technisch nicht erprobt." Sie fordert einen exakten Plan und befürchtete: "Es scheint nach dem Motto zu laufen: Wo die wenigsten Menschen leben, da wird gebaut."

"Ein erster Schritt"

Andere Töne schlagen die CSU-Bundestagsabgeordneten an, auch wenn teilweise etwas Skepsis anklingt. Reiner Meier aus Tirschenreuth meint jedenfalls zufrieden: "Die Einigung reduziert die neuen Leitungskilometer in Bayern um 95 Prozent. Die zu Recht gefürchtete Monstertrasse steht jetzt nicht mehr zur Debatte." Der Vorrang von Erdkabeln und in zweiter Linie auch die Führung auf Bestandstrassen sei eine gute Lösung für die betroffenen Regionen. Barbara Lanzinger aus Amberg nennt die Ergebnisse einen "ersten Schritt in die richtige Richtung". Jetzt gelte es, die Prüfung der Endpunkte durch die Bundesnetzagentur abzuwarten.

Alois Karl aus Neumarkt gibt zu bedenken: "Nur immer Nein zu sagen, geht auch nicht. Wir haben eine Verantwortung gegenüber künftigen Generationen." Auch er lobt, dass der Vorrang auf die Erdverkabelung gelegt werde. Karl Holmeier aus Cham bezeichnet den Gipfel einen "großartigen Erfolg für die CSU und die Bürger in Bayern". Das Credo laute, dass die Energie der Zukunft "sauber, bezahlbar und versorgungssicher" sein müsse. Kollege Albert Rupprecht aus Weiden nennt die Priorisierung der Erdverkabelung bei neuen Gleichstromtrassen einen "Etappensieg". Denn hierbei müssten die Raumwiderstände gemessen werden, und "es kann sich für die Verlegung somit ein ganz neuer Trassenverlauf ergeben".

SPD-Abgeordneter Uli Grötsch aus Weiden schrieb mit Kollegin Marianne Schieder an Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, dass "zeitnah" geklärt werden müsse, wie die Trasse tatsächlich vor Ort aussehe. Es gebe nach wie vor abweichende Angaben von Bundesnetzagentur und Netzbetreiber Tennet hinsichtlich der Möglichkeit der Leitungsführung auf bestehenden Trassen.

Die Grünen-Abgeordnete Elisabeth Scharfenberg aus Marktredwitz (Kreis Wunsiedel) stellt zur Erdverkabelung fest: "Besser spät als nie." Es gehe aber nicht, dass Oberbayern selbstverständlich Erdkabel erhalte, während Oberfranken und die Oberpfalz sich mit der Aufstockung auf vorhandene Leitungen zufrieden geben müssten.

Bürgerinitiativen entsetzt

Massive Kritik kommt von den Bürgerinitiativen (BI) gegen die Stromtrassen. Dietmar Scherer von der BI Kulmain befürchtet, dass weitreichende Entscheidungen gefallen seien, die höchstens noch abzuschwächen seien. Auch der Sprecher des oberfränkischen Aktionsbündnisses gegen die Südost-Trasse, Markus Bieswanger , zeigt sich entsetzt: "Gemessen an der ursprünglichen Zusage, die Trasse gänzlich zu verhindern, ist Ministerpräsident Horst Seehofer eingeknickt." Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) kündigt schon für heute Gespräche mit den Bürgerinitiativen an. Sie will dabei für den Kompromiss werben. "Es ist ein Unterschied, ob ich 70 Meter hohe Masten oder Erdverkabelung habe", gibt sie als Argumentationslinie vor. Der Energieexperte der Freien Wähler, Thorsten Glauber , sagt, Seehofer sei mit einer "Nullnummer" aus den Verhandlungen gekommen. "Für die Energiewende ist nichts erreicht worden, und auch für die Bürger bleibt eine erhebliche Unsicherheit", erklärt er. Seehofers große Ankündigung, die Trassen auf ihre Notwendigkeit zu überprüfen, habe sich in Luft aufgelöst. Der Landesbauftragte des Bund Naturschutz, Richard Mergner , spricht von einem "faulen Kompromiss". Der Nachweis für die Notwendigkeit neuer Stromautobahnen sei nach wie vor nicht erbracht.

"Vernünftiger Kompromiss"

Der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der bayerischen Wirtschaft, Bertram Brossardt , bezeichnet die Einigung der Koalition als "vernünftige Kompromisslösung". Damit sei die Versorgungssicherheit in Bayern gewährleistet. Brossardt mahnte aber zu Maßnahmen gegen den weiteren Anstieg der Strompreise.
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