Auf Streife mit der Kriminalpolizei Weiden: Organisierte Kriminalität macht Bogen um Weiden
Parker hinterm Busch

Lagebesprechung: Polizei-Obermeister Stefan Schiffl und Dienstgruppenleiter Andreas Schlagenhaufer tauschen sich mit den zivilen Kollegen aus. (Bild: Herda)
 
Der Anschein täuscht: Der junge Mann in der Mitte ist ein unbescholtener Arbeiter. (Bild: Herda)

Die organisierte Kriminalität macht einen Bogen um Weiden. Noch ... Die Kriminalpolizei will dafür sorgen, dass es so bleibt.

Im Streifenwagen von Hauptkommissar Andreas Schlagenhaufer, Dienstgruppenleiter bei der Polizeiinspektion Weiden, und Obermeister Stefan Schiffl wird bald klar, wie mühsam sich die Jagd nach potenziellen Einbrechern gestalten kann.

18 Uhr: Abfahrt von der Polizeiinspektion. "Heute ist auch Eishockeyeinsatz", sagt Schlagenhaufer. "Zum Glück gibt es kaum noch Risikospiele." Richtig, nach dem 3:4 der Blue Devils gegen Peinting nach Penalty-Schießen bleibt die Lage an der Front ruhig. Immerhin, die 4. Abteilung der Bereitschaftspolizei Nürnberg ist heute zur Unterstützung mit dabei.

"Im Jahr haben wir ein bis zwei Serien, ansonsten viel Kleinkram", sagt Schlagenhaufer. Dass die organisierte Kriminalität Weiden stiefmütterlich behandelt, könne sich schneller ändern, als der Polizei lieb ist. Die Stadt verfüge über Faktoren, die für Profi-Einbrecher interessant seien: "Es ist alles da in Weiden, die Mindestgröße, lohnende Ziele und ein Autobahnanschluss, über den man schnell verschwinden kann."

"Wir sind halt keine Großstadt"

Warum aber machen dann die bösen Buben bisher einen Bogen um die Stadt? "Wegen unserer besonders guten Polizeiarbeit", flachst Schlagenhaufer, der weiß, dass das allein keine Gewähr ist. "Wir sind halt keine Großstadt", ergänzt Kollege Schiffl. "Der Vorteil ist, der Nachbar kennt noch seinen Nachbarn, viele melden, wenn sich verdächtige Gestalten vorm Haus rumdrücken."

Oft stellen sich solche Beobachtungen als Fehlalarm heraus. "Aber für uns ist das wichtig", sagt Schiffl, "ansonsten ist das wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen." Und dann sei Weiden auch wirklich gut aufgestellt: "Wenn bei uns einer anruft, sind gleich mehrere Streifen vor Ort", erklärt Schlagenhaufer. "Da tun sich kleine Inspektionen am flachen Land natürlich schwerer."

"Es hat sich Vieles zum Guten gewendet"

18.40 Uhr: Langsam rollt der blau-silberne Dienst-BMW durch Stockerhut. "Wir beginnen oft dort, wo sich unsere alten Bekannten auf den Weg machen", sagt Schlagenhaufer. "Hier hat es lange gebrodelt, aber man hat kapiert, dass man eine Ghettobildung verhindern muss." Es wurde viel modernisiert, einige Blöcke seien verschwunden, Einfamilienhäuser entstanden.

"Es hat sich Vieles zum Guten gewendet, aber es gibt halt noch Süchtige, die sich zu Fuß oder mit dem Rad auf den Weg machen, um auszukundschaften, wo sie Beute für die nächste Dosis auftun können." Beliebter Trick: "Der Steg dort ist nicht befahrbar, da ist man ruckzuck in Rehbühl und wieder zurück."

Bisher gähnende Leere. "Da ist noch zu viel Publikumsverkehr", mutmaßt der Dienstgruppenleiter. "Dennoch ist es gut, Präsenz zu zeigen." Den einen zur Warnung, den anderen zur Sicherheit. "In München und Nürnberg setzen sie die Software PreCop ein", erzählt Schiffl, "die soll voraussagen, wo der nächste Einbruch stattfindet." Das Prinzip: "Alle bekannten Faktoren von Einbrüchen werden eingespeist, der Erfolg soll verblüffend sein.

Schrebergärten sind risikoarm

19.20 Uhr: Der Polizeiwagen biegt rechts von der Vohenstraußer Straße ab. "Wir hatten eine inzwischen aufgeklärte Serie mit 16 Aufbrüchen in den Schrebergärten", erinnert sich Schlagenhaufer. Gut, da gibt's zwar keine großen Reichtümer zu holen, aber: Es ist risikoarm und ein geringer Aufwand.

"Hast du den Raubüberfall mitbekommen", fragt er den Kollegen, "bei dem eine Frau von den Kindern aufweckt und dann von einem Unbekannten zu Boden geschlagen wurde"? Die Beute: Schmuck und Bargeld. Glücklicherweise seien solche Begegnungen mit den Tätern die absolute Ausnahme.

20.10 Uhr: Die Augen der Beamten scannen die dunklen Gehwege. "Hast den Parker hinterm Busch gesehen?" Schiffls Fahrstil wird dynamischer. Beschleunigung, ruckartige Wende an der Kreuzung, wir nähern uns der verdächtigen Person, die hinterm Baum stehen geblieben ist. "Ist das eine Frau?", fragt Schiffl. "Die telefoniert." Entwarnung. Wer telefoniert, hat gewissermaßen ein Alibi.

Im Haus ist kein Versteck sicher

"In Pirk hat ein Einbrecher eine Geldkassette mit 40 000 Euro mitgehen lassen", fällt Schiffl ein. Die Polizisten machen sich Sorgen wegen der Bankenkrise. "Immer mehr Leute lassen ihr Erspartes zu Hause", meint Schlagenhaufer. "Immer größere Summen Bargeld liegen da rum." Die Verstecke einfallsreich wie eh und je: "In der Bettwäsche, der Kommode, im Kleiderschrank - es gibt im Haus kein Versteck, das sicher ist."

20.50 Uhr: Mit Argusaugen beobachten die Polizisten einen Mann, der an einem geparkten Fahrzeug mit Chemnitzer Nummernschild lehnt. Die Befragung verläuft unspektakulär, die Überprüfung der Daten ergibt keine Anhaltspunkte. "Er holt seine Freundin ab, alles plausibel", sagt Schlagenhaufer.

21.10 Uhr: Ein junger Mann mit Rucksack schleicht durch die Mooslohestraße. Das Gespräch gestaltet sich schwierig, der 29-jährige Pole spricht kaum Deutsch. Mit Englisch klappt's ganz gut. Über einen Sebastian K. spuckt der Computer in der zentrale keine Einträge aus.

Da er keinen Pass bei sich hat, bringen ihn die Beamten zu der Wohnung, wo er angibt, mit seiner deutschen Freundin zusammenzuleben. Der Schlüssel passt, seine Jobbeschreibung beim Metallverarbeiter Einhäupl ist schlüssig. Es bleibt bei der Verwarnung, sich umgehend anzumelden.


21.15 Uhr: In der Prinz-Ludwig-Straße kommen dem Wagen zwei Männer entgegen. "Bei dem Kameraden halten wir mal", sagt Schlagenhaufer, "das ist keine Abfallentsorgung hier." In Feierlaune hebt der Müllsünder seine Fastfood-Verpackung auf, "kommt nicht wieder vor" - "will ich hoffen, sonst kostet's was." Zurück im Wagen: "Glaube ich zwar nicht, aber was willst machen?"

21.37 Uhr: "Einbruch ist auch ein Erfahrungsberuf", sagt Schlagenhaufer, "es dauert, bis die Hemmschwelle sinkt. Die meisten Beschaffungstäter gehen dilettantisch vor, oft scheitern sie im Versuchsstadium." Der Funk rattert permanent. "Gustav Ludwig, Diebstahl mit Waffen." In der Allee hinter der Stadtmauer wird's hektisch. Die Polizisten sehen einen Radfahrer ohne Licht, der sich verdünnisiert.

Schiffl gibt Gas, fährt eine ortskundige Schlaufe und siehe da, der junge Mann schiebt uns am Gehweg entgegen: "Warum schieben Sie? Weil sie kein Licht haben?" Der junge Mann lächelt, ist aber nervös. "Ich gehe zu einem Kumpel, aber das Rad ist meines." Die Überprüfung bleibt ohne Befund.

"Schlimmste Todesnachricht meiner Laufbahn"

21.48 Uhr: Die Kreise, die der Polizei-BMW zieht, werden größer. Hinterer Rehbühl, Pressather Wald. Konradshöhe. "Ein Fuchs mitten auf der Straße", röhrt der Funk. "Wir sind die Strecke abgefahren, da liegt kein Fuchs", antwortet ein Kollege. Wir queren Schirmitz: "Gehört nicht zur Stadt, aber zu unserem Revier", erklärt Schlagenhaufer.

"Hier habe ich mal die schlimmste Todesnachricht meiner Laufbahn überbracht", deutet er auf eine Tür. "Der Tod einer Tochter." Das Neubauviertel wäre ein lohnendes Ziel. "Wär' das was für dich?", deutet er auf den Baugrund. Schiffl lächelt müde und reibt die Finger zur international gültigen Geste für "ohne Moos nichts los".

Durch die Hinterbank zum Kofferraum

Kurz vor Feierabend, wollen's die Polizisten noch mal wissen. In Fichtenbühl kommt ein Mofa entgegen. So klein mit Helm, noch sicher 300 Meter weg. "Der schaut heute gar nicht mal so schlecht aus", sagt Schlagenhaufer. "Wie in aller Welt könnt ihn den erkennen?" Schiffl zuckt mit den Schultern: "An der Körperhaltung. Der ist hochgradig abhängig, aber die letzten Tage war er komischerweise nüchtern - vielleicht keine Ware erhalten oder ..."

Ein Fahrzeug mit einem Jenaer Ausfuhrkennzeichen irritiert die Beamten. Flotte Drehung auf der Regensburger Straße, links auf die Umgehung Richtung Autobahn. Sämtliche Warnlichter blinken wild. Mal verlangsamt der Fahrer, dann gibt er wieder Gas. Wird das jetzt eine Verfolgungsjagd?

Mitnichten: "Fahren Sie rechts an", dröhnt Schlagenhaufers Stimme durch einen Verstärker. Der Mann fährt rechts ran, kurz vor der Auffahrt Richtung Hof. Zehn Minuten versucht er vergeblich, den Kofferraum des Skoda zu öffnen. Schiffl kann sich aber auch durch die Hinterbank vergewissern, dass der Rumäne keine Diebesware und keine Einbruchswerkzeuge an Bord hat.

22 Uhr: Dienstgruppenleiter Schlagenhaufer verabschiedet sich freundlich: "War halt nicht viel los", sagt er bedauernd. Ist ja auch gut so.
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