Crystal ist Chefsache

Gefragter Experte aus der Oberpfalz: Gerhard Krones (Mitte), Mitinitiator von "Need no Speed". Marlene Mortler (CSU), Drogenbeauftragte der Bundesregierung lud zum Fachgespräch "Präventionsmaßnahmen in der Partydrogenszene". Archivbild: Herda

Wann immer die Bundesregierung nach Mitteln und Wegen sucht, das grassierende Phänomen "Crystal" einzudämmen: Gerhard Krones von der Nordoberpfälzer Initiative "Need no Speed" ist ein gefragter Gesprächspartner.

Seit Januar 2014 ist die "Neue" im Amt. "Wie sie inzwischen agiert, das imponiert mir", lobt Gerhard Krones, Mitinitiator von "Need no Speed", die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), beim jüngsten Fachgespräch "Präventionsmaßnahmen in der Partydrogenszene". "Sie nimmt das Thema sehr ernst, ist permanent im Austausch mit dem Drogenbeauftragten in Tschechien - Crystal ist bei ihr Chefsache."

"Die Droge ist nach wie vor auf dem Vormarsch. Sie sickert vom flachen Land in die Städte", warnt der pensionierte Suchtberater. Besorgniserregend seien die Mengen, die am Markt kursierten.

"Vor drei Jahren hatten wir Aufgriffe im Grammbereich, dieses Jahr schon zweimal mit 400 Gramm." Ganz Europa werde flächendeckend erfasst. Schon längst sei Tschechien nicht mehr Hauptlieferant der Droge: "Über Österreich, die Schweiz, Belgien und die Niederlande werden große Mengen transportiert." Und der Crystal-Markt der Zukunft befinde sich in Asien: "Unmengen werden über Thailand, China und Malaysia verschoben."

Nicht gerade hipp

Jeder zehnte Partygänger soll bereits mit Amphetaminen in Berührung gekommen sein. "Das gilt sicher stärker für großstädtische Szenemilieus und weniger für Discos in Weiden, wo ältere Semester unterwegs sind", relativiert Krones. Andererseits sei der Crystal-Konsum in der Region nicht auf Jugendliche beschränkt. "Anders als bei Cannabis gibt es nicht wenige, die mit 40 einsteigen", erzählt er aus seiner Praxiserfahrung. 2013 suchten 120 Klienten die hiesige Beratungsstelle auf. "Wir haben jetzt schon die Zahl vom letzten Jahr erreicht."

Das sei nur die Spitze des Eisbergs. "Wir müssen kreativer werden, um näher an die jungen Menschen ranzukommen. Etablierte Stellen sind nicht gerade hipp." Nur 16,3 Prozent der Abhängigen informieren sich bei Beratungsstellen, 9,1 Prozent vertrauten sich der Familie an, aber 57 Prozent redeten mit Freunden und 45,6 Prozent suchten im Internet nach Rat. "Das müssen wir nutzen." Die Zahlen machten deutlich, dass man stärker auf Peer-Projekte setzen müsse, wie man im Fachjargon eine Gruppe von Gleichaltrigen nennt.

Ein Modell-Projekt, das die großstädtische Partyszene erreicht, ist "Mind Zone" aus München: "Die gehen in die Discos, bieten den Crystal-Konsumenten Obst und Wasser in Rückzugsräumen an", erklärt Krones. "Das ist ein Weg, um Vertrauen aufzubauen." Die Konsumenten interessiere die Wirkung bestimmter Substanzen. "Sie wollen etwas über die Wirkungsweise, gesundheitliche Aspekte und rechtliche Folgen wissen. Sie konsumieren keineswegs blind."

Um eine Beziehung zu den Abhängigen aufzubauen, sei es wichtig, Ergebnisse ehrlich zu kommunizieren. "Das Montana-Meth-Projekt, das mit schockierenden Bildern gearbeitet hat, war da eher kontraproduktiv." Weil man an sich selbst drastische Entstellungen wie Karies, aufgekratzte Haut und eingefallenes Gesicht nicht wahrnehme, halte man das eher für Propaganda. "Für den Einsteiger stehen positive Erfahrungen im Vordergrund. Man muss den jungen Leuten zuhören, ehe man eine Botschaft vermitteln kann."

Vorsorge kommt billiger

Was in der Oberpfalz fehle, seien regionale Präventionsstellen wie in Sachsen, wo man effektiver planen könne. "Wir brauchen Experten, die rausgehen zu den Leuten, wenn sie sich noch im Experimentierstadium befinden, weil sie da noch gut integriert sind." Das könnten die wenigen Beratungsstellen nicht leisten.

"Es braucht viel Zeit und Geduld, um sich mit Jugendlichen über deren Lebenswirklichkeit auszutauschen", sagt Krones. "Sie brauchen Zuhörer - noch dazu, wenn sie die in der Familie nicht haben." Diese Investition würde sich aber auszahlen: "Prävention kommt dem Staat viel günstiger, als wenn er die Folgen in den Griff bekommen muss."
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