Daumen nicht zu schnell runter

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Gedanken lesen.

Der Mensch ist keine Rechenmaschine. Auf Ärger folgt Wut, keine ausgewogene Analyse mit Pro und Contra. Zuhause führt das höchstens zu einem Ehekrach. In der Öffentlichkeit können die Folgen dramatisch sein. Facebook & Co. sind öffentlich.

Wer kennt das nicht? Der Politiker, der in den Nachrichten eine unsinnige Entscheidung wortreich, aber sinnentleert "verkauft"; der Vorgesetzte, der fünf Minuten vor Feierabend mit einem unaufschiebbaren Auftrag daherkommt; der Nachbar, der sich über das einzige Grillfest im Jahr hintenrum beschwert. Da liegt das A-Wort schnell auf der Zunge. Auf der Couch zu Hause, da darf man schon mal erst lästern, dann nachdenken. Aber empfiehlt sich das auch für die virtuelle Sitzecke in den sozialen Medien?

"Das war mit Sicherheit ein Schwarzafrikaner oder sowas." Eine von vielen Facebook-Reaktionen auf die erste Meldung zum Überfall auf die 25-jährige Pressatherin. "Die können sich nicht benehmen!!!" Im Text kein Wort über den Täter - wie auch, er oder sie ist bis dahin unbekannt. Klar, wenn in nächster Nähe ein Mensch brutal verletzt wird, sind wir zu Recht empört und verunsichert. Und es ist allzu menschlich, in der ersten Wut den Täter in Gedanken zu verfluchen. Aber noch bevor es einen Verdächtigen gibt, gleich ganze Völker unter Generalverdacht stellen - und das auch noch öffentlich?

Ruf nach Todesstrafe

"Es sollte die Todesstrafe wieder eingeführt werden für solche Schweine. In anderen Ländern würde der A... jetzt gesteinigt werden." Kann man mal so schreiben. Wünschen wir uns aber nach jedem Verbrechen eine Diktatur mit Todestrafe? In der weltgrößten Demokratie, den USA, wurden nach einem Bericht des National Registry of Exonerations seit 1989 mehr als 2000 Personen zu Unrecht zum Tode verurteilt. Kleiner Kollateralschaden? Blöd nur, dass der jeden treffen kann.

Wie gehen Redaktionen, die dem Presserecht und der Leitlinie der fairen Berichterstattung verpflichtet sind, mit solchen Reaktionen um? Thomas H. Kaspar, Chief Product Officer bei Ippen Digital (entstanden aus der Ippen-Gruppe mit Münchner Merkur, tz München, Hessische/Niedersächsische Allgemeine u.a.), empfiehlt: "Zero Tolerance. Als Gastgeber muss man lückenlos eine Haltung durchsetzen - erkennbar, konsistent und transparent." Auch für die Polizei rückt das Thema Mobbing im Netz zunehmend in den Fokus: "Unsere Präventionsbeamten versuchen an den Schulen ein Bewusstsein für Medienkompetenz zu schaffen", sagt Albert Brück, Pressesprecher beim Polizeipräsidium Oberpfalz.

Natürlich hat das Oberpfalznetz auch auf Facebook ein Regelwerk - und Redaktionsleiter Christian de Vries verweist geduldig, freundlich, aber bestimmt auf die Netiquette: "Ach, komm", antwortet er auf die Forderung nach dem malaysischen Rechtssystem oben. "Ich denke, wir machen das in Deutschland schon ganz gut. Entspann' dich."

Bei manchen Themen und Personen zeigt das aber kaum Wirkung. Was rät der Ippen-Profi? "Je geringer die Anonymität ist, desto näher ist eine Internetdiskussion am Diskurs." Mit anderen Worten: "Der eigene Name im Netz macht schon etwas nachdenklicher."

Diskurs, das bedeutet: echter Meinungsaustausch. Und Meinung ist nicht einfach nur ein buntes Sammelsurium unreflektierter Vorurteile. Weil Journalismus beinhaltet, Fakten zu recherchieren und der komplexen Wirklichkeit möglichst nahe zu kommen, öffnen sich Redaktionen auch dem öffentlichen Diskurs. "In vielen Bereichen sind unsere Leser draußen die Experten, wir die Laien", gibt Christian de Vries unumwunden zu. "Der Polizist, der Sanitäter, die Krankenschwester - sie alle sind auf ihrem Gebiet Profis, von denen wir lernen können." Die Kunst der Redaktion: "Die Fakten richtig einordnen, gewichten und gut erzählen."

Für den Internet-Fan der ersten Stunde beruht der Austausch auf Gegenseitigkeit: "Auch wir müssen diesen Dialog noch üben." Die Technik, die das Mitmachen erlaubt, sei für ihn mehr Segen als Fluch: "Solche Grenzverletzungen sind die Ausnahme", sagt de Vries. "Schon weil Themen, die solche Emotionen auslösen, nicht an der Tagesordnung sind." Aus Sicht des O-Netz-Chefs reiche die Netiquette meist aus, die unter anderem besagt: "Wir möchten mit Ihnen gern genauso offen kommunizieren, wie wir es miteinander und mit unseren Lesern tun. Wir freuen uns über jeden Kommentar, außer er ...


fordert zu Gewalt gegen Personen, Institutionen und Unternehmen auf.
beleidigt, verletzt, entwürdigt oder greift in irgendeiner Form jemanden persönlich an.
enthält pornografische oder rassistische Inhalte."

Echter Austausch

Austausch ist gewollt. Die Offenheit, sich kennenzulernen, der Respekt, sich gegenseitig Ernst zu nehmen, gehören dazu. Voraussetzung: wenige, sinnvolle Regeln zu akzeptieren, die menschliches Zusammenleben erst möglich machen - im Kern formuliert in Artikel 1 des Grundgesetzes: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Oder noch einfacher: "Was du nicht willst, dass man dir tut, das füge keinem anderen zu." Denn wer zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort ist, kann schnell selbst Opfer einer Vorverurteilung werden. Und Justizopfer möchte dann wohl doch keiner sein, oder?
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