Den Tod vor Augen

Dieser fast 50 Kilogramm schwere Gullydeckel landete am Montagabend auf der A 93 bei der Ausfahrt Weiden-Süd auf der Fahrbahn. Bild: Polizei

Es war die schlimmste Wurf-Attacke von einer Autobahnbrücke: Am Ostersonntag 2008 durchschlug ein Holzklotz bei Oldenburg die Windschutzscheibe eines Autos, tötete eine 33-Jährige vor den Augen ihres Mannes und ihrer Kinder. So hätte die unglaubliche Aktion mit einem Gullydeckel am Montag in Weiden auch ausgehen können.

Auch zwei Tage nach dem Wurf eines Gullydeckels auf die A 93 bei Weiden herrscht Fassungslosigkeit. "Hier wurde der Tod billigend in Kauf genommen", erklärt Stefan Hartl, Sprecher des Polizeipräsidiums Regensburg, am Mittwoch. In den sozialen Netzwerken ist die Beurteilung der Tat noch wesentlich drastischer. "Hirnlose Idioten" oder "Vollpfosten" gehören hier zum harmloseren Vokabular

Die Polizei hat bisher keine Hinweise auf den oder die Täter. Rückblende: Am Montag kurz nach 22 Uhr fliegt von der Brücke nach Neubau ein Gullydeckel auf die A 93. Bei einer 33-jährigen Weidenerin wird durch das fast 50 Kilogramm schwere Geschoss die Stoßstange ihres Wagens beschädigt. Ihr selbst passiert wie durch ein Wunder nichts. Ebenso wie drei weiteren Fahrern, die mit ihren Autos über den Gullydeckel fahren. Nur rund 5500 Euro Gesamtschaden und kaum Verletzungen. Der Schrecken ist dafür nicht nur bei den Betroffenen ständiger Beifahrer.

"Echtes Gewaltpotenzial"

Stefan Hartl geht davon aus, dass mindestens zwei Täter am Werk waren. Alleine sei der Deckel kaum zu stemmen, geschweige denn über das Brückengeländer zu hieven. Nach Auskunft von Norbert Schmieglitz, Sprecher der Stadt Weiden, waren die Gullydeckel nicht extra befestigt. Neuere Modelle hätten eine Arretierung - seien aber teurer. "Ein sehr kräftiger Mann kann das Teil vielleicht herausheben", meint Schmieglitz, aber alleine werfen - nahezu unmöglich. "Da muss schon ein echtes Gewaltpotenzial da sein."

Die Suche nach dem Täter gestaltet sich schwierig. Im Bereich des Polizeipräsidiums sind seit Dezember 2012 insgesamt 19 Mal Steine auf Autobahnen geworfen waren, glücklicherweise stets ohne größere Schäden. In keinem einzigen Fall wurden Tatverdächtige gefasst, geschweige denn verurteilt. "Das Ganze geschieht überwiegend im Schutz der Dunkelheit", sagt Hartl. Ein Gullydeckel war bislang nicht dabei.

Versuchter Mord?

Von einem Dummen-Junge-Streich könne keine Rede sein, warnt der Polizeisprecher. Ermittelt wird erst einmal gegen Unbekannt wegen versuchten Eingriffs in den Straßenverkehr. Wenn die Täter den Tod eines Verkehrsteilnehmers billigend in Kauf genommen hätten, könnte die Anklage auch auf versuchten Mord lauten, erläutert Leitender Staatsanwalt Gerd Schäfer in Weiden.

In Oldenburg wurde der Täter gefasst. 14 Monate nach dem tödlichen Wurf wurde der damals 31-Jährige zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt - wegen Mordes, dreifachen versuchten Mordes und vorsätzlichen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr. Vor dem Prozess hatte der drogensüchtige Angeklagte gestanden, "aus Frust" den Holzklotz auf die Autobahn geworfen zu haben. Er habe damit allerdings niemanden töten wollen. Später widerrief er das Geständnis.

Aber auch ohne Todesopfer kann solch eine Tat zu langen Haftstrafen führen. In Neuruppin (Brandenburg) läuft derzeit ein Revisionsprozess gegen einen 32-Jährigen, der zwei mehr als 40 Kilogramm schwere Gullydeckel auf die Autobahn geworfen haben soll. Keine Verletzten, fünf beschädigte Fahrzeuge waren die Folge. Die Staatsanwaltschaft fordert sieben Jahre Haft. Am 24. August soll das Urteil fallen.
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