Die geschenkte Stunde

Die Zeit als Geschenk: Ganz so einfach geht das nicht, wie Experten erklären. Bild: Petra Hartl

Am Wochenende wird uns mit der Zeitumstellung eine Stunde Zeit geschenkt. So mancher ist davon nicht überzeugt, wie Zeitforscher Karlheinz Geißler. Andere freuen sich über die zusätzlichen 60 Minuten.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag wird die Uhr zurückgestellt. Das bedeutet, der Sonntag wird länger, ein 25-Stunden-Tag liegt vor uns. Die meisten werden wohl das Drehen an der Uhr und die besondere Stunde verschlafen.

Einer, der das auf keinen Fall tut, ist Florian Kodalle aus Kümmersbruck (Kreis Amberg-Sulzbach). Der 29-Jährige gibt am Samstag seiner Marina das kirchliche "Ja-Wort". "Es ist Zufall, dass wir uns an diesem Tag trauen lassen. Wichtig war uns, im Oktober zu heiraten", sagt Kodalle. Umso schöner sei es jetzt, am schönsten Tag des Lebens eine Stunde mehr zur Verfügung zu haben.

Wofür das frisch vermählte Paar die 60 Minuten nutzt, ist kein Geheimnis, denn es geht nicht um die Hochzeitsnacht zu zweit. "Wir werden einfach eine Stunde länger feiern." Die beiden freuen sich darauf, im Landhotel Aschenbrenner in Paulsdorf mit ihrer Familie und ihren Freunden ihr Hochzeitsfest zu genießen.

Stunde als ideale Frei-Zeit

Ein Zeitgenosse, der sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen lässt, ist Dr. Günter Opel aus Weiden. Der Facharzt für Innere Medizin ist seit über 20 Jahren Mitglied im "Verein zur Verzögerung der Zeit", der sich für eine Wiederherstellung der Zeit-Balance einsetzt. Menschen sollten sich der Zeit wieder bewusst werden, die sie zur Verfügung haben und diese sinnvoll nutzen. Der Mediziner findet die zusätzliche Stunde angenehm: "Man spürt die 60 Minuten mehr durchaus. Unser Körper hat einen inneren Taktgeber." Er empfehle jedem, den Tag langsamer angehen zu lassen. Und zwar grundsätzlich.

"Einfach mal nichts tun und spazieren gehen - so kann man eine freie Stunde am besten nutzen", sagt er. Man solle den Tag nicht mit vielen kleinen Dingen vollpacken. Lieber darüber nachdenken, auf was man verzichten könne, um sich mehr Freizeit zu verschaffen. "Wenn man zu viel schaffen will, besteht eine große Frustgefahr, weil man sich überschätzt." Das Nichts-Tun müsse in unserer Gesellschaft kultiviert werden. "Sich ab und zu mal zurücklehnen muss gesellschaftsfähiger werden", so der Arzt. Für ihn sei eine Stunde die perfekte Frei-Zeit. "Wenn man eine Stunde richtig verwendet, ist das sehr viel wert." Er selbst nutze die Stunde am Sonntag dazu, spazieren zu gehen und den Kopf frei zu bekommen.

Einer, der die Stunde nicht als geschenkt ansieht, ist Zeitforscher Karlheinz Geißler. Er beschäftigt sich seit 30 Jahren mit der Zeit. Nach seinem Studium der Philosophie, Ökonomie und Pädagogik war er Professor für Wirtschaftspädagogik an der Münchener Universität der Bundeswehr. Inzwischen ist der 71-Jährige längst im Ruhestand und betreibt ein Institut für Zeitberatung in München. Dort holen sich nicht nur gestresste Privatpersonen, sondern auch Firmen Rat. "Die Leute haben alle Stress, rund um die Uhr", sagt er. "Da müssen wir bei der Beratung erst einmal rausfinden, was die Menschen so unter Druck setzt."

Er selbst setze sich keinem Zeitdruck aus. Der geborene Oberpfälzer trägt seit über 30 Jahren keine Uhr. Dadurch könne er sich seine Zeit selbst einteilen. "Ich organisiere den Tag ganz nach meinem Wohlbefinden." Dafür brauche er keine Uhr. Überhaupt sei der Unterschied zwischen der Zeit und der Uhr enorm wichtig, den meisten Menschen aber nicht bewusst.

"Wir drehen am Sonntag ja nicht die Zeit zurück oder halten sie an. Das ist nur eine Zeigerverstellung", sagt Geißler. "Wir sind quasi unsere eigene Zeit, denn Zeit bedeutet Leben." Der Forscher fände es schöner, wenn die Uhrumstellung am Nachmittag wäre. Auf die Frage, was er mit einer Stunde mehr zur Verfügung anfangen wird, weiß er blitzschnell eine Antwort: "Ich werde der Zeit beim Vergehen zusehen."

Jede Minute durchgetaktet

Was fängt man mit einer Stunde mehr Zeit an? Für Oberleutnant Alexander Klein, Offizier des Panzerbataillon 104 in Pfreimd (Kreis Schwandorf), eine leichte Frage: "Für die Soldaten, die am Wochenende zu Hause sind, bedeutet eine Stunde viel. Das ist Qualitätszeit pur." Die Soldaten könnten länger in ihrem gewohnten Umfeld bei Familie und Freunden bleiben. Innerhalb des Dienstes seien es die Militärdienstleistenden gewohnt, dass jede Minute durchgetaktet ist.

"Ein Leitprinzip ist 'Zeiten setzen und halten'", sagt er. Die Zeit bestimme den ganzen Dienstalltag. Eine Stunde mehr oder weniger zur Verfügung sei von großer Bedeutung. "Ich glaube, bei uns geht es aber weniger um den Wert einer Stunde, sondern vielmehr um den Zeitpunkt, wann etwas passiert."
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