Ein Land schäumt auf

Ein Arbeiter montiert Styroporplatten zur Wärmedämmung an einer Hausfassade. Hartschaum ist das günstige Dämmmaterial. Bild: dpa

Weiße Platten rundherum an die Hauswand, Isolierglasfenster und eine neue Brennwertheizung. Und schon lassen sich die Heizkosten gewaltig senken. So schön die Versprechen über Energieersparnisse auch sind - mit der Realität können sie nicht immer mithalten.

(räd) Um die 21 Prozent Einsparpotential, etwa 720 Euro im Jahr, verspricht die Musterberechnung einer Bank, will ein Kunde die Fassade seines Hauses dämmen lassen. Die Umbaukosten dafür geschätzt: 18 000 Euro. In den Fußnoten weist das Institut darauf hin, dass es sich um Richtwerte für ein Musterhaus handelt. Ein Eindruck, den die Werbung von Banken und Dämmstoffherstellern oft vermittelt: Die energetische Sanierung einer Hausfassade lohne in jedem Fall.

Nach Berechnungen des Verbandes "Haus & Grund", der Immobilieneigentümer vertritt, rechnen sich die Investitionen aber teils erst nach 51 Jahren - und das bei Verwendung der günstigen Polystyrol-Schaumplatten (auch bekannt als Styropor). Allerdings nimmt "Haus & Grund" in diesem Fall auch an, die Energiekosten verteuerten sich nicht.

Sinnfrage

Da stellt sich die grundsätzliche Frage, ob Dämmung nur den wirtschaftlichen Interessen der Industrie dient. Diplom-Ingenieurin (FH) Birgit Holfert vom Bundesverband der Verbraucherzentralen antwortet mit einer Gegenfrage. "Ist Autofahren sinnvoll oder dient es nur den wirtschaftlichen Interessen der Automobilindustrie?" Eine Dämmung sei wirtschaftlich, wenn sie sich "innerhalb ihrer Lebensdauer amortisiert", sagt Holfert. "Haus & Grund" rät nicht generell von Isolierungen ab: "Eher lohnt sich die Dämmung bei älteren, bisher fast nicht gedämmten Häusern", sagt Alexander Wiech vom Verband "Haus & Grund". "Allerdings nicht bei dem Gros der Häuser." Auf einen konkreten Zeitraum bezieht sich der Bautechniker und Energieberater Reiner Bäumler aus Weiden. Eine Dämmung müsse sich nach 15 Jahren ausgezahlt haben.

Zur Berechnung der Rentabilität sei aber eine genaue Analyse des Objektes unabdingbar. Bäumler empfiehlt, folgende Fragen zu klären: Aus welchen Materialien ist das Gebäude errichtet? Wie hoch ist der Energiebedarf? Wo geht Energie verloren? Welcher Energieträger wird verwendet? Und nicht zuletzt spielen auch die Preise eine Rolle. Erdgas verteuerte sich von 3,94 Cent pro Kilowattstunde im Jahr 2000 auf 7,13 Cent im Jahr 2013, wie aus Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums hervorgeht. Und dann ist da noch die Frage nach dem Dämmstoff. "Nicht jede Fassade ist mit jedem Material zu dämmen", erklärt Bäumler.

Zu viel Wärme

Und wieder spielt der Preise eine Rolle. Das günstige Polystyrol ist umstritten, weil es künstlich aus Erdöl hergestellt wird und schwer zu entsorgen ist. Die Amberger Bundestagsabgeordnete Barbara Lanzinger (CSU) - Ehefrau eines Architekten - hält nichts davon, Häuser auf diese Weise komplett einzuhüllen. "Ich bin keine Freundin von dicken Styropor-Wänden", sagt sie. Sie verweist auf Umweltschutz und Energiebilanz. Denn schon die Herstellung der Schaumstoffplatten benötige viel Energie, etwa bei der Förderung des Erdöls. Ob sich eine Dämmung am Ende wirklich auszahlt, hängt nach der Erfahrung von Steffen Schulze, Technischer Leiter bei der Vermietgenossenschaft "Wohnungsbau- und Siedlungswerk Werkvolk eG" aus Amberg, vor allem vom Heizverhalten der Bewohner ab. Bei Gas lasse sich zwischen 10 und 12 Prozent an Energie einsparen. Drehen allerdings die Bewohner die Heizkörper-Regler nicht zurück und freuen sich stattdessen über ein wärmeres Zuhause, sei unterm Strich nichts gespart. Das "Werkvolk" hat deshalb die Vorlauf-Temperatur der Heizanlage gesenkt.

Wie viele andere Immobilienbesitzer hat die Genossenschaft Polystyrol-Platten an ihre Häuser kleben lassen. An verschiedenen Fassaden sei dieses aber zu dicht - insbesondere bei Gebäuden, die 50 Jahre oder älter sind, erklärt Baubiologe Bäumler. Er bevorzugt diffusionsoffene Holzfaserplatten. "Das Haus muss atmen können." Sonst droht gesundheitsgefährdender Schimmelbefall. Insbesondere, wenn die Substanz nicht hundertprozentig trocken ist, wie bei historischen Bauten.

Alternativen zur Außendämmung gibt es laut Holfert kaum. "Die Fassade ist der Schnittpunkt zum Klima." Gehe durch sie weniger Wärme verloren, könne auch die Heizung kleiner dimensioniert sein. Dadurch sinke wiederum der Brennstoffverbrauch. Abhängig vom Gebäude können aber auch kleine Maßnahmen effektiv sein, zum Beispiel die Dämmung der obersten Geschossdecke, wenn der Dachboden nicht ausgebaut werden soll, oder die Isolierung von Heizungsrohren.
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