Eltern und Geschwister leiden mit Süchtigen - Angehörigen den Rücken stärken
Mein Kind ist drogenkrank

Dieses Weihnachtsgeschenk kann Leben retten: (von links) Max Rauch und Sabine Märtin vom Lions-Club "Goldene Straße" und Gerhard Krones, Sozialpädagoge und Suchtberater, möchten Eltern drogenabhängiger Kinder den Rücken stärken. Bild: Herda

Rund 1000, mehrheitlich junge Menschen in der nördlichen Oberpfalz rauchen regelmäßig Marihuana oder Haschisch. 500 sind von harten Drogen abhängig. Das bedeutet: Etwa 3000 Mütter und Väter leiden mit, oft auch die Geschwister. Manche gehen durch die Hölle.

Ihnen widmet ein gemeinsames Projekt von "Need no Speed" und des Lions-Clubs "Goldene Straße" ein Familienwochenende in einem Oberpfälzer Wellness-Hotel - anonym und kostenlos, damit sich Angehörige von Drogenkonsumenten nicht outen müssen. "Das ist unser Weihnachtsgeschenk für Menschen, die unheimlich viel aushalten müssen", sagt Max Rauch, der bei den Lions das Drogen-Projekt betreut.

Sein persönlicher Bezug: "Ich kenne Eltern, die an der Grenze wohnen, und ihren Sohn durch die Wälder bis Tschechien verfolgten, um ihn daran zu hindern, sich wieder mit Crystal zu versorgen." Sie seien in hohem Maße traumatisiert. "Bei anderen fuhr die Polizei mit zwei Einsatz-Bussen und Blaulicht im Dorf vor - die sind stigmatisiert."

"Wir möchten, dass die Eltern mal durchatmen können", erklärt Lions-Chefin Sabine Märtin die Intention. "Sie stehen unter ungeheurer Anspannung und sollen dort erst mal zur Ruhe kommen." Dann aber steht ihnen ein Experte zur Verfügung, der als Initiator von "Need no Speed" inzwischen sogar die Bundesregierung berät: Gerhard Krones, Sozialpädagoge und pensionierter Drogenberater der Caritas. "Alle Angebote sind freiwillig, keiner muss zu den Vorträgen und Diskussionen kommen", sagt Märtin. "Aber Herr Krones kann helfen, er weiß, wie man sich in solchen Situationen richtig verhält."

Sucht hat vielfältige Gründe

Nach Schätzungen kommen etwa 45 Prozent aller jungen Menschen zwischen 15 und 27 Jahren mindestens einmal mit Drogen in Kontakt: "Das sind beunruhigende Zahlen", sagt Krones, der aber auch klar macht: "Nur ein minimaler Prozentsatz davon wird abhängig." Die Gründe, warum manche immun sind gegen Drogen, andere aber anfällig für Sucht, sind vielfältig: "Wenn überhaupt, dann kann man einen Leitsatz gelten lassen", meint Krones, "je selbstbewusster der Jugendliche ist, desto weniger verführbar."

Völlig verkehrt sei es, die Eltern drogenabhängiger Kinder allein verantwortlich zu machen: "Niemand ist davor gefeit, dass sein Kind in der aufregenden Zeit der Pubertät an die Falschen gerät." Die Eltern litten oft über Jahre, schämten sich still zu Hause, versuchten alles mit sich selbst auszumachen. "Das führt zu Rissen in den Familien und bringt die Eltern oft an die Grenzen des Erträglichen, an den Rand einer Depression." Auch Geschwister könnten in diesen Teufelskreislauf geraten: "Nicht selten versuchen sie dann das Verhalten des Bruders, der Schwester zu kompensieren, sind aber selbst mit der Rolle überfordert."

Besonders Eltern, die noch keine Beratung erhalten haben, möchte Krones motivieren, sich helfen zu lassen. "In der Regel versuchen Eltern ihr Bestes, sehen aber die ersten Signale nicht. Und wenn sie es dann mitbekommen tauchen sie in ein Wechselbad von Hoffnung und Resignation, aus dem sie sich alleine nicht mehr befreien können." Oft erlebe er, wie sich Elternteile gegenseitig ausmanövrierten, weil der eine meint, man müsse nur Verständnis aufbringen, der andere aber die "harte Tour" für richtig hält. "Eltern müssen an einem Strang ziehen, sonst kann das nicht funktionieren, und die Paarbeziehung leidet erheblich", sagt Krones.

Gemeinsam zur Beratung

Jede erfolgversprechende Therapie beginne damit, mit dem Kind gemeinsam zur Beratung zu kommen. "Wie bringe ich mein Kind dazu mitzukommen? Es ist der erste Schritt, dass Eltern Präsenz zeigen, das nur noch schwer erreichbare Kind nachdrücklich dazu bringen, sich zu öffnen."

Unverbindlichkeit sei genauso falsch wie Befehle, die keiner durchsetzen kann: "Es geht um Kompetenz in autoritativer Haltung, was nicht gleichbedeutend mit autoritär ist", erklärt der Pädagoge. Auf einen einfachen Nenner gebracht: "Eltern sollen Orientierung geben, ihre Liebe zeigen, aber auch Konsequenz."
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