Energie vom Straßenrand

Peter Gallersdörfer und sein Musterbaum: Weiden und Pappeln am Straßenrand sollen den Rohstoff für dezentrale Biogaskraftwerke liefern. "Wir möchten Kurzumtriebsplantagen am Straßenrand pflanzen", um die sich eine Genossenschaft "Trees for Freedom", Bäume für die Freiheit, kümmern soll. Bild: Herda

Netzbetreiber Amprion warnt: "Wenn man in Bayern die Akws abschaltet, entsteht eine Stromlücke von der Hälfte des Stromverbrauchs", sagt Peter Barth, Leiter Netzentwicklung. Peter Gallersdörfer sieht das anders: "Wir brauchen keine Trassen", meint der Weidener. "Ich habe dafür die Lösung."

Seit 20 Jahren tüftelt der gelernte Maschinenbauer an der fahrbaren eierlegenden Wollmilchsau: Schon 1995 entwickelt er für das Lohnunternehmen Strobl zwei Mähgeräte, die die Unimogs der Autobahnmeisterei alt ausschauen lassen: "Die Mähgeschwindigkeit mit unserem neuen Randstreifenmäher war bis zu 4,5 km/h in der Leitplanke - dreimal so schnell wie zuvor." Das spart Zeit, Geld und Personaleinsatz und überzeugt immer mehr Meistereien. Nach der A 93 mähen Gallersdörfers PeGaTec-Geräte auch noch die Straßenränder auf der A 96 von München bis Landsberg am Lech.

"Wir haben den Mähroboter weiterentwickelt, er fährt jetzt vollautomatisch mit 5 km/h in der Leitplanke." Auch die Autobahnmeisterei Rosenheim lässt sich vom rasenden Roboter überzeugen, weil man nicht mehr mit der Motorsäge ausmähen musste. Dann das plötzliche Aus: "2003 kam eine Direktive von ganz oben", sagt der Oberpfälzer, "man sollte das wieder mit eigenen Leuten und Fuhrpark erledigen." Zum Schluss habe die Firma Strobl auf der A 96 sogar die Mittelspur gemäht: "In einer Nacht, wozu die Meisterei normal 14 Tage braucht."

Tüftler gibt nicht auf

Der Tüftler gibt nicht auf. Er baut an einem landwirtschaftlichen Trägerfahrzeug, das mäht, sät, die Gülle und Silagelogistik kann. "Alles, was sinnvoll ist", freut sich der Weidener. "Unsere PeGaTec LE mit 500 PS läuft am Bodensee." Nach dem Kontakt zur Liebherr-Gruppe in Ehingen lernt er Juniorchef Markus Liebherr kennen, der nach Weiden kommt. Die gemeinsame Idee: der "FCS Farm and Community Service", der solche Multifunktionsfahrzeuge baut und selbst betreibt. Nach dessen unerwartetem Tod 2010 steht Gallersdörfer allerdings ohne Investor da.

Inzwischen ist diese Lücke geschlossen, und Gallersdörfer hat sein Konzept an das beherrschende Thema der Gegenwart angepasst: "Wie können wir die Energiewende schaffen, ohne unsere Natur weiter auszubeuten und dennoch bezahlbaren Strom produzieren?" Der hemdsärmlige Erfinder zählt 1 und 1 zusammen: "70 Prozent des Grünabfalls entlang des 13 000 Kilometer langen deutschen Autobahnnetzes bleibt liegen - 30 Prozent werden ausgeschrieben, 15 Prozent abgesaugt und kompostiert. "Ein enormes Potenzial, wenn man es optimiert", schlägt er vor. "Wir möchten Kurzumtriebsplantagen am Straßenrand pflanzen mit Pappeln und Weiden, die nach der Ernte wieder austreiben."

Um diesen nachwachsenden Rohstoff soll sich eine Genossenschaft "Trees for Freedom", Bäume für die Freiheit (von der Energieabhängigkeit), kümmern. "So kann jeder Bundesbürger in Holz am Straßenrand investieren", schlägt Gallersdörfer eine deutsche Wir-eG vor. Gleichzeitig initiiert er zusammen mit dem neuen Partner aus der Schweiz die Investor-Plattform Stregatec, die in dezentrale Bio-Gaswerke investieren soll: "Die agiert wie eine Bank - man kann Geld anlegen und bekommt 4 Prozent Zinsen - anders als beim Insolvenzfall Prokon, wo man lediglich Genussrechte erwarb, ist das Investment mit Sachwerten abgesichert."

Energie-autarkes Weiden

Gallersdörfer und seine Mitstreiter setzen jetzt alle Hebel in Bewegung, um ihren Traum von der Energieversorgung vom Straßenrand umzusetzen: "Wir planen sehr konkret die Energieanlage Weiden im Gewerbegebiet West." 100 000 Franken für die Kapitalwerbung, die in den nächsten Wochen in SZ und den Ausgaben des Medienhauses geschaltet werden sollen, seien freigegeben. Ein Kapital von 30 Millionen Euro will er so einwerben.

"Hier entsteht die Steuerung der Energie-autarken Stadt", lockt er Investoren mit seiner Vision. "Weiden wird die erste nachhaltig autarke Bioenergie-Stadt, andere folgen - dann brauchen wir keine 500-kW-Gleichstromleitungen."
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