Giftcocktail keine Lösung

Symbolbild: dpa
 
Marianne Schieder: "Ich verstehe die Angst, sich bei kurz bevorstehendem Tod mit unerträglichen Schmerzen quälen zu müssen."
 
Reiner Meier: "Verbesserte Hospiz- und Palliativarbeit kann die Lebensqualität in der letzten Phase vor dem Tod verbessern."

Friedlich einschlafen, frei von Schmerz - für viele ist das die Vorstellung vom "perfekten Tod". Die Realität sieht oft anders aus. Die Angst vor einem langen, qualvollen Sterben ist groß. Sterbehilfe könnte Abhilfe schaffen, doch ist sie ethisch vertretbar? Am Freitag entscheidet der Bundestag.

Vier Bundestagsabgeordnete aus der Oberpfalz - Reiner Meier (CSU), Marianne Schieder (SPD), Uli Grötsch (SPD) und Barbara Lanzinger (CSU) - äußern sich zum umstrittenen Thema Sterbehilfe. Es gibt einen Konsens: Passive Sterbehilfe ja, organisierte "gewerbsmäßige" Hilfe bei der Selbsttötung muss unter Strafe gestellt werden.





Die Oberpfälzer Abgeordneten stimmen für den Antrag von Kerstin Griese (SPD) und Michael Brand (CDU) (siehe Infokasten). "Ich verstehe die Angst der Menschen, sich bei kurz bevorstehendem Tod mit unerträglichen Schmerzen quälen zu müssen und nur noch durch Apparate am Leben erhalten zu werden. Ein Giftcocktail ist aber nicht die Lösung", betont Marianne Schieder aus Wernberg-Köblitz. Um Angehörigen und Ärzten in einer solchen Lebenslage die schwere Entscheidung zu erleichtern, appelliert Schieder, eine Patientenverfügung zu verfassen. In diesem Sinne liege letztlich die Entscheidung, sein Schicksal in die Hand zu nehmen, bei jedem selbst. Ebenso sei es wichtig, die ambulante und stationäre Palliativversorgung und Hospizarbeit flächendeckend auszubauen.

Gewerbsmäßige Sterbehilfe lehnt sie ab. "Sterbehilfevereine haben ein Schlupfloch gefunden, da Beihilfe zum Suizid nicht strafbar ist. Oftmals nehmen sie dafür aber Geld." Der assistierte Suizid dürfe gesellschaftlich nicht zur Gewohnheit werden. Die Gefahr sei groß, dass Menschen sich gezwungen fühlen, ihr Leben frühzeitig zu beenden, um niemandem zur Last zu fallen oder Angehörigen finanzielle Kosten aufzubürden.

"Grundsätzlich ist Sterbehilfe keine Lösung, vor allem nicht die aktive", betont Reiner Meier (CSU) aus Tirschenreuth. Gewerblich organisiert sei sie nicht mit dem Grundrecht auf Leben vereinbar, "menschliches Leben sollte unantastbar sein".

Ein Gesetz solle und dürfe nicht über Leben und Tod entscheiden. "Wir müssen den Menschen die Angst durch verbesserte Hospiz- und Palliativarbeit nehmen. Sie kann die Lebensqualität in der letzten Phase vor dem Tod verbessern. Mein Bruder ist mit 50 gestorben, meine Schwester war todkrank - ich weiß, wie es ist, jemanden zu verlieren."














Uli Grötsch (SPD, Waidhaus) hat sich nach eigenen Worten lange mit dem Thema beschäftigt - etwa bei Gesprächen mit Ärzten -, bevor er sich eine Meinung gebildet hat. Der von Karl Lauterbach (Gesundheitsexperte der SPD) beantragte ärztlich assistierte Suizid sei nicht vertretbar. "Ärzte dürfen nicht in die Lage gedrängt werden, einem Patienten ein tödliches Mittel verabreichen zu müssen."

Auch aktive Sterbehilfe lehnt er ab - ähnlich wie viele seiner Kollegen. "Es geht um die persönliche Einstellung zum Tod. Das Leben ist viel wert. Es darf nicht aktiv eingegriffen werden." Eine Gefahr sehe er für ältere Menschen. "Viele müssen in ein Pflegeheim. Oft reichen die Renten dafür nicht aus, wodurch sie befürchten, ihren Angehörigen zur Last zu werden. Sie könnten sich zur Sterbehilfe gedrängt fühlen."





Auch Barbara Lanzinger (CSU, Amberg) lehnt aktive Sterbehilfe und ärztlich assistierten Suizid entschieden ab. "Die Tür, Menschen aktiv zu töten, darf keinen Spalt geöffnet werden. Das wäre das Ende der zivilen Gesellschaft." Die Lösung, unheilbar kranken Menschen zu helfen, sieht Lanzinger, die selbst "viel in der Hospizhilfe" macht, in einer flächendeckenden stationären und ambulanten Hospiz- und Palliativversorgung. "Wir müssen den Menschen das Gefühl geben, dass sie gut aufgehoben sind, sowohl medizinisch als auch menschlich."














Gesetzesentwürfe zum Thema Sterbehilfe


Eine "strenge Regelung" fordern die CDU-Politiker Patrick Sensburg und Thomas Dörflinger: "Wer einen anderen dazu anstiftet, sich selbst zu töten, oder ihm Hilfe leistet, wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft", heißt es in ihrem Antrag. Ausnahmeregelungen für Angehörige oder Mediziner soll es nicht geben. Nur in ganz seltenen Fällen - wenn keine Schmerztherapie greife und "Leid und Schmerz nicht auszuhalten" seien - solle von einer Strafe abgesehen werden.
Die Abgeordneten um Kerstin Griese (SPD) und Michael Brand (CDU) sehen es differenzierter. Sterbehilfe solle nicht immer bestraft werden, jedoch in den Fällen, in denen sie "geschäftsmäßig" betrieben wird - "organisiert und auf Wiederholung angelegt". So solle verhindert werden, dass sich die Suizidbeihilfe zu einem "Dienstleistungsangebot" entwickelt.
Die Gruppe um Bundestags-Vizepräsident Peter Hintze (CDU) und SPD-Politiker Karl Lauterbachwidmet sich in ihrem Antrag dem ärztlich assistierten Suizid. Aus ihrer Sicht sollte den Medizinern diese "Hilfestellung" künftig erlaubt werden - allerdings unter strengen Bedingungen. Man wolle Rechtssicherheit für Ärzte und Patienten und die Selbstbestimmung von unheilbar erkrankten Patienten stärken, heißt es in dem Entwurf.
Die Abgeordneten um Renate Künast (Grüne) und Petra Sitte (Linke) positionieren sich klar gegen kommerziell betriebene Sterbehilfe, wollen aber Sterbehilfe-Vereine ohne Gewinnabsicht erlauben. Mindestens zwei Wochen vor der Hilfe bei der Selbsttötung müsse ein Beratungsgespräch geführt werden. Suizidbeihilfe dürfe geleistet werden, wenn die Patienten frei handelten, volljährig und nicht psychisch krank seien.

Kein Verstoß gegen hippokratischen Eid

"Die Mehrheit der Ärzte-Vertreter plädiert für eine liberale Lösung", weiß Dr. Wolfgang Rechl, Vizepräsident der Bayerischen Landesärztekammer. Es sollte Arzt und Patient freistehen, in einem Gespräch für den Sterbenden die "bestmögliche Lösung" zu finden - etwa durch die Abgabe von schmerzlindernden Medikamenten, die als Nebenwirkungen den Eintritt des Todes möglicherweise beschleunigen.

"Eine Einnahme könnte zu einem früheren Tod führen, muss aber nicht." Der Patient müsse ausdrücklich den Wunsch geäußert haben. Zudem müsse nachgewiesen sein, dass das Leben des Patienten "nicht mehr lebenswert ist". Einen Widerspruch zum hippokratischen Eid sieht Rechl nicht. "Wir müssen Menschen auch dann helfen, wenn sie leiden und es keine Hoffnung mehr gibt. Helfen bedeutet auch, den Patienten einen würdigen Tod zu ermöglichen. Einen Suizid ohne Grund lehnen wir ab."
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