Glaube ohne Wenn und Aber

Bischofssprecher Clemens Neck. Bild: Herda
 
Bischofssprecher Clemens Neck. Bild: Herda

Das vierblättrige Kleeblatt steht hoch im Kurs: Nach einer Allensbach-Umfrage sagen 42 Prozent der Befragten, "sie glauben, dass es eine Bedeutung haben könnte". Der Schornsteinfeger bringt's immerhin noch auf 36 Prozent. Der heutige Freitag, der 13., lediglich auf 7 Prozent.

Wollte man eine Kulturgeschichte des Aberglaubens schreiben, hätte man viel zu tun: Der "Über"-Glaube - wie bei der Steigerung zu Aberwitz - ist eine nur allzu menschliche Schwäche: In keinem Gebäude des alten Babylon (1800 vor Christus) durfte ein Talisman fehlen. Und noch heute weigern sich manche Sportler, Haare oder Bart zu stutzen, solange die Siegesserie anhält.

"Glücksbringer schenken Menschen Zuversicht", hat Pfarrer Hans-Martin Meuß Verständnis für die Rituale der Mitmenschen, solange sie sich in Maßen halten. Im christlichen Bereich habe man viele vorchristliche Schutzbräuche mit übernommen, erklärt der evangelische Notfall- und Studentenseelsorger in Weiden. "Wenn ein Gebäude eingeweiht wird, wohnt der Weihwassersegnung des katholischen Kollegen noch immer die urtümliche Bedeutung inne, einen Schutzfilm über etwas zu legen." Mit Luther habe freilich eine Rückbesinnung auf das Alte Testament stattgefunden. Die Reformer hätten die Welt entmystifiziert. "Im Katholischen lebt manches weiter, was noch aus römischer Zeit übernommen wurde."

Gegen die Vernunft

"Von Aberglauben kann gesprochen werden, wenn das, was man glaubt, gegen die Vernunft ist", versucht Clemens Neck, Sprecher des Bistums Regensburg, eine Definition. Freilich seien der Vernunft Grenzen gesetzt: "Nehmen Sie das Wesen Gottes, das die menschliche Vernunft bei weitem überschreitet." Man könne sich Gott nur glaubend nähern. Das aber entbinde den Menschen nicht davon, sich kritisch um Erkenntnis zu bemühen. Für Neck ist das Trennungsmerkmal zwischen Glauben und Aberglauben die Freiheit: "Scharlatane wollen die Menschen in die Unfreiheit führen."

Sind christliche Symbole aber nicht auch Talismane? "Wenn ich den Ehering als Symbol des Eheversprechens trage, ist das völlig o.k." Ein Amulett, das vor dem Bösen schützen soll, sei dagegen fauler Zauber. "Das Kreuz hat für uns ebenfalls eine Erinnerungsfunktion." Kniffliger wird die Entscheidung, wenn die Kirche "Wunder" wie bei Marienerscheinungen oder spontan auftretende Wundmale Christi bewerten müsse. "Die Resl von Konnersreuth ist ein schwebendes Verfahren", verweist er auf den laufenden Entscheidungsprozess. "Da kann ich mich nicht dazu äußern."

Naturgemäß skeptisch setzt sich der Mathematiker Ivo Ponocny, Assistenzprofessor für angewandte Statistik an der Universität Wien, mit dem Phänomen auseinander. Er ist Mitglied der "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften. e.V. (GWUP) - die Skeptiker", die sich zum Ziel gesetzt hat, "die Anfälligkeit der Gesellschaft für Vorstellungen abzubauen, die einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten und Menschen in die Irre führen".

Dabei ist sich der Österreicher bewusst, dass es 100-prozentige Sicherheiten selten gibt. "Auch Wissenschaft ist nicht frei von Aberglauben", nennt er einen Grund für die Haltung vieler, dass man niemandem trauen könne. Gibt es aber keine glaubwürdigen Instanzen mehr, sind der Willkür Tür und Tor geöffnet. "Verschwörungstheorien aller Art fußen auf Misstrauen." Oft nicht zu Unrecht. "Das Internet ist das perfekte Medium, um Theorien zu verbreiten", sagt der Wissenschaftler. "Selbst eine Mehrheit der US-Republikaner glaubt, das der Klimawandel eine Meta-Verschwörung ist."

Zwanghafte Züge

"Es gibt eine Form des Aberglaubens, die extrem zwanghafte Züge trägt", beobachtet Dr. med. Franz Rechl Verhaltensmuster einiger Sektenmitglieder aus psychologisch-medizinischer Sicht. "Manche verfallen in schwere Depressionen, wenn sie einmal eine Versammlung nicht besuchen oder ihr Heft nicht verteilen können." Für den Weidener Neurologen drückt sich im Bedürfnis nach metaphysischen Erlebnissen die Unsicherheit von Menschen aus, die nicht mit beiden Beinen im Leben stehen.

"Letztlich wissen wir, dass sich auch Religionen so herausgebildet haben", sieht er keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Glauben und Aberglauben. "Ich denke, dass religiöse Kulturen leichter verführbar sind", verweist er auf die verheerende Wirkung der unheiligen Allianz von Macht und Glaube. Dass es auch kirchlichen Widerstand gegen das NS-Terrorregime gegeben habe, sieht er nicht als Widerspruch. "Himmlers Germanenkult passt zur totalitären Regierungsform - die Bekämpfung der Kirchen war logische Folge: Man duldet keine Götzen neben sich."
Weitere Beiträge zu den Themen: Themen des Tages (14863)März 2015 (9461)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.