Hilfe über Twitter und Co.

Susanne Kasberger (Mitte) mit Kindern einer syrischen Familie. "Amberg hilft Menschen" hat für die Flüchtlinge Möbel beschafft und den Einzug in eine Wohnung organisiert. Bild: privat

Ohne Internet? Undenkbar. Das ist der Eindruck, hört man sich bei Gruppen in der Region um, die über soziale Netzwerke Flüchtlingen helfen. Um der Lage Herr zu werden, twittert sogar die Münchener Polizei. Eins wird dabei weder in der bayerischen Hauptstadt noch hier geduldet: Hass gegen Hilfsbedürftige online.

Wer den Twitter-Account der Polizei in München verfolgt, dem fällt beim Scrollen eins auf: Die Polizei setzt Hilferufe ab - für die Flüchtlinge am Hauptbahnhof. Gebraucht werden: Wasser, Kekse oder Isomatten. Vom Samstag taucht beispielsweise ein Tweet auf, geschrieben um 11.06 Uhr von Polizeisprecher Peter Beck: "Infopoint @munchenhilft an der Luisenstraße 4 benötigen bis 22.30 Uhr 800 Isomatten und Betten für #flüchtlinge". 175 Mal wurde die Nachricht bislang von anderen Nutzern geteilt, 40 Mal favorisiert.

Beck formuliert die Hilfsbereitschaft der Münchener und den Nutzen von Twitter so: "Haben wir den Aufruf: Wasser! Dann kommt Wasser." Die Lage am Wochenende war eng - Tausende Flüchtlinge kamen am Hauptbahnhof an. Die Anzahl der freien Betten schrumpfte. "An einem Tag haben wir 12 000 Leute gehabt. Die Kapazitäten der Betten sind erreicht." Für die Polizei sei das Internet und besonders Twitter in so einer Situation eine große Unterstützung. Unkompliziert und schnell können - mit Hilfe von Hashtags - möglichst viele Menschen erreicht werden. Facebook hingegen sei laut Beck der falsche Ort für dieses Thema. "Dort kommen vielleicht wieder Beschimpfungen." Die Nutzer könnten sich gegenseitig hochschaukeln. Das will die Polizei vermeiden und geht gegebenenfalls strikt dagegen vor. "Sollte es zu Straftaten kommen, werden wir das verfolgen und strafrechtlich belangen", warnt er.

Tweet bei Notfällen

Rund 60 bis 70 Beamte sind an Tagen wie am Wochenende am Hauptbahnhof im Einsatz. Sie sind für die Absperrungen zuständig, begleiten die Flüchtlinge. Von Helfern werden diese mit Essen und Getränken versorgt. Sobald etwas knapp wird, informiert die Initiative mit dem Twitternamen "@munchenhilft" die Polizisten und die twittern einen Aufruf an die Bevölkerung. "Der Beamte muss sich vor Ort aber selbst einen Eindruck verschaffen. Wir entscheiden dann, ob es Sinn macht, einen Tweet rauszuhauen." 65 000 Menschen seien laut Beck seit August nach München geflüchtet. "Wie viele am Wochenende kommen, wissen wir nicht."

Zu denjenigen, die mit Hilfe von sozialen Netzwerken helfen wollen, zählen auch die Mitglieder des Forums "Netzwerk Asyl" in Weiden. Dabei handelt es sich um eine Gruppe im Internet, die nicht für jedermann frei zugänglich ist. "Es ist gewollt, dass die Gruppe geschlossen ist, weil wir sonst die Rechten drin haben", erklärt Pfarrer Hans-Peter Pauckstadt-Künkler von der evangelischen Pfarrei Rothenstadt in der Nähe von Weiden. Wer mitmachen will, kann sich mit einem Account anmelden und wird überprüft. In dem Forum sind derzeit rund 40 Mitglieder aktiv, die aus der Region stammen und Kleidung, Buggys, Fahrräder oder Patenschaften für rund 500 Flüchtlinge in Weiden organisieren. "Einer schreibt rein: Wir brauchen Kinderwägen, und ein anderer hat einen daheim stehen. So erreichen wir relativ schnell viele Menschen. Untereinander gibt es auch schon Whatsapp-Gruppen." In der können sich der Pate und die Flüchtlingsfamilie miteinander austauschen. Das gehe dann noch schneller. Der Pate betreut die Familie solange, bis alle Behördengänge erledigt und eine Wohnung gefunden ist.

"Das Internet ist eine sehr große Hilfe. Ohne SMS, Foren und Whatsapp könnte das alles nicht organisiert werden. Soweit ich das weiß, machen das auch andere Organisationen so", sagt Pauckstadt-Künkler. Auf das gute alte Telefon greife der Pfarrer als einer der Leiter des Forums in diesem Fall weniger zurück. "Beim Telefonieren erreiche ich nur eine Person und müsste alles dann fünfmal erzählen."

"Netzwerk Asyl Weiden" wurde im Februar oder März freigeschaltet. Den genauen Zeitpunkt kann Pauckstadt-Künkler nicht mehr sagen. "Anfang des Jahres haben wir geahnt, dass es noch mehr Flüchtlinge werden. Wir dachten, wir müssen uns vorbereiten." Dass es dann so schnell so viele werden, habe er damals nicht vermutet. Seitdem gibt es auch in vielen anderen Oberpfälzer Orten wie in Luhe oder Etzenricht kleine Gruppen. Die Organisation über das Internet hält er in kleinen Dörfern für weniger wichtig: "Die sind ganz nah dran an den Unterkünften und zehn Leute können sich auch so organisieren. Da passiert viel im Stillen." Für Großstädte wie München oder Regensburg seien Netzwerke wie Facebook und Twitter aber unabdingbar.

Früher reagieren

"Der Zustrom wird nicht abreißen, auch wenn es nun Grenzkontrollen gibt. Die sehe ich zwiespältig. Momentan ist es gut, um alles dosierter hinzubringen. Es kann aber kein Dauerzustand sein, das widerspricht dem europäischem Grundgedanken." Dass die EU-Innenminister eine Entscheidung über die Verteilung der Flüchtlinge auf den Oktober verschoben haben, kann der evangelische Pfarrer nicht nachvollziehen. "Das ist eine lange Zeit für Leute, die auf der Straße sitzen. Mir fehlt das Engagement. Ich hätte mir gewünscht, dass die Regierung früher reagiert hätte."

Facebook für PR

Auf digitale Hilfsmittel wie Facebook bauen auch Helfer aus Amberg. In der Gruppe "Amberg hilft Menschen" suchen sie deutsche Familien, die Patenschaften für die rund 300 Flüchtlinge übernehmen. Wir nutzen die Facebookseite, um PR zu machen", informiert Werner Konheiser. Ganz oben ist ein Beitrag fixiert, in dem auf die E-Mail-Adresse und die Homepage der Organisation verwiesen wird. "Ohne Internet könnten wir das gar nicht alles leisten. Wir haben enorme Zugriffe, Morddrohungen nehmen wir raus", berichtet er. Konheiser freut sich über die Hilfsbereitschaft. "Die neueste Anfrage kommt von einer Türkin aus Auerbach. Sie hat uns im Internet gefunden und will extra herkommen und helfen."
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