Interview mit Verleger German Vogelsang zum 75.
„Denkmalgeschützter Geburtstag“

Im Herzen ist er immer Redakteur geblieben: Verleger German Vogelsang. Bild: Wolfgang Steinbacher
   

Im Herzen ist er immer Redakteur geblieben: Verleger German Vogelsang kennt die beiden Seiten der Medaille. Am 3. April wird der „Zeitungsmann“ 75 .

Mit dem überzeugten Weidener sprachen Clemens Fütterer, Norbert Gottlöber und Jürgen Herda über die Zukunft der Medien.

Herr Vogelsang, die gedruckte Tageszeitung verliert an Bindungskraft, die elektronischen Medien sind auf dem Vormarsch. Mit welchen gemischten Gefühlen verfolgen Sie diese Entwicklung?

German Vogelsang: Es wäre fahrlässig, wenn sich das Medienhaus dem Sog der Digitalisierung nicht stellen würde. Wie sagte Victor Hugo so treffend? „Es gibt keine stärkere Kraft als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ Allerdings war ich immer auch ein Optimist. Und als solcher sehe ich zunächst das halb volle Glas. Das Topmodell „gedruckte Zeitung“ hat in den letzten Jahren etwas an Zugkraft verloren. Aber mit mehr als 250.000 Lesern in der Region hat sie immer noch eine größere Bindungskraft als die Online-Angebote. Wir werden unaufgeregt nach dem besten Weg suchen, um auch im digitalen Bereich erfolgreich zu sein.

Im Internet hat der Leser weit stärkere Mitwirkungsmöglichkeiten. Was im Sinne der Leser-Medium-Bindung nur zu begrüßen ist, hat auch Schattenseiten – regelrechte Kampagnen nicht nur gegen Prominente im Schutz der Anonymität sind zumindest in den sozialen Netzwerken Teil der Medienrealität geworden. Wie könnte hier der Königsweg aussehen, ohne kritische Stimmen zu zensieren?

Vogelsang: Ein sogenannter Shitstorm hat, wie das anrüchige Wort deutlich genug zum Ausdruck bringt, nichts mit Demokratie, sondern lediglich mit fehlendem Anstand zu tun. Ich bin der Auffassung, dass jemand, der eine Meinung vertritt, dazu auch mit seinem Namen stehen können sollte. Diffamierung und Fäkalsprache sind sicher nicht der Stil, mit dem unser Medienhaus um Aufmerksamkeit von der falschen Seite buhlen möchte. Das ist unanständig und unappetitlich. Es muss vom Gesetzgeber klar Flagge gezeigt werden. Ich war zehn Jahre im ersten Beschwerdeausschuss des Presserates. Derzeit habe ich den Eindruck, dass die Digitalisierung alle überfordert.

Reagieren die Medien da nicht nur auf das veränderte Interesse der Leser – die Homestory wird lieber konsumiert als ein Parteiprogramm. Und seit Jahren geht die tägliche Lesezeit zurück. Ist es da nicht verständlich, den Kunden ein schnelles Lesevergnügen anzubieten?

Vogelsang: Ich würde mich schon als engagierten Leser bezeichnen, aber bei der SZ am Wochenende stoße auch ich an meine Grenzen. Man kann auch komplizierte Sachverhalte kürzer erklären als in der FAZ und der Zeit. Ich lege Wert darauf, dass wir auch künftig nicht nur beliebige Infos, sondern strukturierte Nachrichten bieten. Denn viele Studien weisen daraufhin, dass die Menschen durchaus auch längere Texte lesen, wenn sie darin einen Mehrwert erkennen. Wir wollen Leser zum Denken anregen, ihnen einen Leitfaden mit auf den Weg geben, wie man mit einem Problem umgehen kann.

Sie haben publizistisch als Erster in der Region Frank Schirrmachers „Methusalem Komplott“ aufgegriffen. Ist das ein Beispiel für den journalistischen Mehrwert eines Themas?

Vogelsang: Ich denke, wir hatten mit der Warnung vor dem demografischen Wandel einen richtigen Riecher. Und ich meine auch, dass wir damit bei uns den Anstoß gaben, dass sich auch die Kommunalpolitik intensiver dem Thema widmete. Heute gibt es glücklicherweise zahllose dezentrale Initiativen bis hin zum „Aktionsplan demografischer Wandel“ der Staatsregierung. Global gesehen, lebt bis 2050 die Mehrheit der Menschen in Ballungsräumen. In einem Flächenstaat wie Bayern sieht das sicher etwas entspannter aus. Dennoch müssen auch wir etwas tun, um den ländlichen Raum lebenswert zu erhalten – Stichworte sind die medizinische Versorgung, Mobilität und Infrastruktur.

Viele Verlage wie etwa die Mainpost haben mit dem sogenannten Readerscan – einer Methode, um zu messen, welche Artikel die Leser wie lange lesen – festgestellt, dass etwa Sportergebnisse oder Konzertrezensionen nur von wenigen Leuten wahrgenommen werden. Hält die Quote nun auch Einzug in den Zeitungsjournalismus?

Vogelsang: Man muss die Ergebnisse dann aber auch richtig interpretieren. Manche haben voreilig den Schluss gezogen, einzelne Rubriken abzuschaffen und stellten dann verblüfft fest, dass sie in der Addition dieser Nischenthemen weiter an Auflage verloren. Aus den Daten lassen sich nämlich gerade nicht die Argumente für eine Verflachung der Inhalte ablesen. Die Leute werden zwar gerne unterhalten, aber sie lesen Zeitung vor allem, um solide und hintergründig informiert zu werden. Die „Berliner Zeitung“ musste zur Kenntnis nehmen, dass angeblich angesagte kleinteilige Serviceseiten schlechter ankamen als gute durchgeschriebene Texte.


Was ist dann die Erkenntnis aus dem Experiment?

Vogelsang: Viele Erkentnisse, die sich daraus ziehen lassen, entsprechen alten Binsenweisheiten. Gute Texte werden mehr gelesen als schlechte. Es hilft, wenn Text und Bild zusammenpassen. Die Überschrift sollte nicht zu kryptisch sein. Um darauf zu kommen, hätte man nicht unbedingt einen sechsstelligen Betrag an einen Schweizer Geschäftsmann überweisen müssen.

Was bedeutet das für die Verlagspolitik?

Vogelsang: Es geht bei jeder Zeitung darum, knappen Platz optimal zu nutzen und die Lesedauer zu erhöhen. Und es ist alles andere als klug, alles rauszuwerfen, was scheinbar wenig Quote bringt. Im Supermarkt erwarten die Leute eine große Auswahl, auch wenn sie nur nur eine begrenzte Menge der Produkte kaufen. Dasselbe gilt für die Relevanz: Eine Zeitung, die nur auf Sensationsgier und Schaulust setzt, macht sich ersetzbar.

Machen sich Medien nicht auch dadurch ersetzbar, dass sie online ihre Inhalte kostenlos anbieten?

Vogelsang: Wie in so vielen Punkten hat sich hier wieder einmal der Springer-Konzern durchgesetzt, der zu Beginn der Digitalisierung darauf beharrte. Jetzt stellt sich Mathias Döpfner hin, vollführt nach seinem Ausflug ins Silicon Valley eine 180-Grad-Wendung und führt ein weitgehendes Bezahlmodell ein. Ich denke, wir sind gut beraten, uns nicht sofort an jeden neuen Trend zu hängen. Es ist wichtig unsere konkrete Situation als Regionalzeitung vor Ort richtig einzuschätzen.

Ein bisschen Bezahlmodell also?

Vogelsang: Richtig ist, dass etwa 80 Redakteure nicht täglich für Gottes Lohn aufwendig recherchierte Artikel abliefern können. Wir müssen hier den richtigen Weg zwischen Geschäftsmodell und Kundenbedürfnissen finden. Dabei lege ich Wert auf die Feststellung, dass Medien Verfassungsrang haben und nicht übliche Handelsware feilbieten. Zeitungen haben die Aufgabe, die Öffentlichkeit zu informieren und Entscheidungsträgern die öffentliche Meinung zu spiegeln. Sie wirken durch Kontrolle und Kritik an der Meinungsbildung mit. Wir sind kein Discounter.

Aber nicht nur die Politik, auch die Medien stehen unter Generalverdacht mancher Bürger: die Pegida-Bewegung hat den Begriff Lügenpresse aufgebracht – ein Totschlagargument für all diejenigen, die es schon immer störte, wenn die eigenen Vorurteile nicht bestätigt werden?

Vogelsang: Man kann die Medien nicht ganz von Schuld freisprechen, dass es zu einem Vertrauensverlust kam. Peer Steinbrück hat nicht Unrecht, wenn er Teilen der Presse den Hang zur Skandaliserung und Banalisierung vorwirft. Die Kampagne gegen Bundespräsident Christian Wulff war jedenfalls in Anbetracht der dürftigen Faktenlage völlig überzogen. Ich meine aber, dass die Verunsicherung der Bevölkerung, die sich in den Dresdener Demonstrationen ein Ventil sucht, mit einem um sich greifenden Staatsversagen zu tun hat. Die Menschen merken, dass die Politik die Märkte nicht mehr im Griff hat. Wenn wir wollen, dass enttäuschte Bürger nicht auf die vereinfachenden Parolen der Pegida-Anführer hereinfallen, müssen wir uns wieder stärker als Aufklärer verstehen. Die Zeitung hat die Aufgabe, auch solche komplexe Vorgänge, die uns alle betreffen, verständlich zu erklären – egal ob auf Papier oder im Netz.

Apropos sparen: Nicht nur Pegida und AdF, auch seriöse Autoren wie Matthias Weik und Marc Friedrich kritisieren massiv das Banken- und Finanzsystem ...

Vogelsang: Natürlich ist es ein Skandal, dass die EZB mit ihrer Niedrigzins-Politik zur Sozialisierung der von den Banken selbst verursachten Verlusten beiträgt und Sparguthaben sowie Lebensversicherungen entwertet. Bei jahrelang niedrigen Tarifabschlüssen kommt der Mittelstand so doppelt unter Druck – das kann langfristig zu einer ernsthaften Gefahr für das Vertrauen in das Funktionieren unserer Systeme und damit auch für die Akzeptanz der Demokratie insgesamt führen.

Sie legen Wert auf die Feststellung, dass das Medienhaus ein guter sozialer Arbeitgeber ist ...

Vogelsang: Wenn jemand wie ich selbst aus dem Arbeitnehmerlager kommt, dann weiß er, was es bedeutet, täglich wie bei uns sein ganzes kreatives Hirnschmalz in die Qualität unserer Zeitung zu stecken. Es gibt nicht viele Verleger, die auf so eine lange redaktionelle Erfahrung zurückblicken können – geschweige denn Kollegen in den Geschäftsführungen, die man bei manchen Treffen reden hört und sich denkt: Es wäre hilfreich, wenn ihr das Handwerk auch selbst gelernt hättet.


Erwarten Sie im Medienbereich einen weiteren Konzentrationsprozess?

Vogelsang: Ich kann mir vorstellen, dass eine Entwicklung wie in Baden-Württemberg fortschreitet, in der die Mantelredaktionen auf Schwerpunktorte konzentriert werden, und kleinere Häuser den Mantel von der Zentrale beziehen. Da gibt es auch in Bayern ein paar Modelle. Man kann das nicht ausschließen, weil diese Modelle wirtschaftlich recht gut funktionieren. Wenn es ohne diesen Schritt geht, freue ich mich über die volle Selbstständigkeit natürlich mehr.

Die Investitionen des Medienhauses in das Druckzentrum und den Neu- und Umbau des Standortes Weigelstraße werten wir als Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit unseres Hauses ...

Vogelsang: Davon können Sie ausgehen. Die drei Verlegerfamilien würden nicht 25 Millionen Euro in ein hochmodernes Druckzentrum und 11 Millionen Euro in die Modernisierung des Verlagsgebäudes investieren, wenn wir nicht alle felsenfest von der Zukunftsfähigkeit des Medienhauses überzeugt wären. Und ich darf anfügen: Wenn unsere Experten die neue Druckmaschine in den USA in Augenschein nehmen mussten, dann sagt das viel darüber aus, welche Qualitätsvorstellungen uns hier vorschweben. Eine solche High-Tech-Maschine war bis dahin in Europa nicht im Einsatz und ich muss sagen, ich freue mich jeden Tag aufs Neue, das brillante Ergebnis in Händen zu halten.

Die Baustelle in der Weigelstraße ist Stadtgespräch – man möchte gerne wissen, welchen Beitrag der Neue Tag zum Stadtbild vor den Toren der Altstadt leistet ...

Vogelsang: Da muss ich Sie noch etwas vertrösten. Die drei Verlegerstämme ringen hier noch um eine optimale Lösung. Ich darf aber sagen, dass das Frontgebäude des NT über Jahrzehnte eine imposante Kulisse abgegeben hat. Das wird auch künftig so bleiben. Die Entscheidung über weitere Bereiche wird im nächsten Vierteljahr fallen.

Es ist eine Art sportlicher Wettkampf, den sich unsere zwei Hauptstandorte Weiden und Amberg seit Jahrzehnten liefern: Welches der beiden Oberzentren hat derzeit die Nase vorne?

Vogelsang: Weiden hatte lange von einem traumhaften politischen Trio – Lang, Schröpf und Stiegler – profitiert. So eine Konstellation werden wir so schnell nicht wieder bekommen. Die lange Zeit recht brave Schul- und Beamtenstadt Amberg entwickelt sich aktuell etwas dynamischer. Ich sehe das aber in Schüben von Jahrzehnten, wo mal die eine, mal die andere Stadt den Ehrgeiz entwickelt, vorbeizuziehen.

Ist nicht vielleicht auch die Zeit der allzu kruden Kirchturmpolitik vorbei?

Vogelsang: Das ist möglich. Unser Freund Lothar Höher hat den Vorschlag ins Spiel gebracht, über einen Landkreis Nordoberpfalz nachzudenken. Er wurde rüde abgewürgt. Ich finde, die Idee hat einen gewissen Charme, wenn man bedenkt, dass sich der Landkreis Tirschenreuth auf die 70.000 Einwohner zubewegt.

Sie sind ein großer Portugal-Fan – wie gehen Ihre portugiesischen Freunde mit der Krise um?

Vogelsang: Ich habe den Eindruck, dass die Portugiesen ein bisschen verhärmt sind wegen der Sparpolitik. Und man muss ja auch ehrlich sagen, diese reine Austeritätspolitik ruiniert den ganzen Süden. Eine Jugendarbeitslosigkeit von 50 Prozent ist nicht hinnehmbar.

Welche Wünsche nehmen Sie mit ins vierte Quartal?

Vogelsang: Mit dem 75. Geburtstag beginnen die denkmalgeschützten Geburtstage. Ich bin von Natur aus ein optimistischer Mensch. Ich werde mit Dankbarkeit zurückblicken, weil ich zwar ein paar herbe Einschnitte erlebte, aber mich insgesamt außergewöhnlich reich beschenkt fühle. Deswegen will ich auch gerne über Spenden im regionalen Bereich etwas zurückzugeben.