Leere Briefkästen, volle Hallen

Hier lagern sie, die Briefe und die Päckchen, auf die viele Oberpfälzer händeringend warten. In eigens angemieteten Hallen wie dieser bringt die Post während des Streiks den Rückstau an Sendungen unter. Bild: hfz

Der Fall der Schwarzenfelderin Helga Meier, die mehr als drei Wochen auf die Urne mit der Asche ihrer Mutter gewartet hatte, bewegte die Region. Doch der Poststreik betrifft noch mehr Menschen - weniger dramatisch vielleicht, aber doch ärgerlich.

Wichtige Dokumente, sehnsüchtig erwartete Einkäufe, Postkarten aus dem Urlaub, Rechnungen und Mahnungen - vieles lagert derzeit in den teils eigens angemieteten Hallen der Post. Und es gibt kaum jemanden, der vom Streik nicht betroffen ist.


Da wäre zum Beispiel Markus Plössl aus Kemnath. Der 47-Jährige würde gerne seine Reha antreten - nur leider weiß er weder wann noch wo es losgeht. "Seit rund drei Wochen warte ich auf die Unterlagen von der Rentenkasse", sagt der Mechaniker, "und solange ich nicht weiß, wann die Reha beginnt, kann ich meinen Urlaub nicht planen." Telefonische Nachfragen seien ins Leere gelaufen: "Der eine Sachbearbeiter ist nur halbtags da, der andere hat Urlaub."
Oder Hanna Rupprecht* (23) aus dem Kreis Tirschenreuth. Die Lehramtsstudentin hatte ihre letzte Prüfungen Ende März und Anfang April. Seit rund vier Wochen wartet sie auf ihr Examensergebnis. Mehrfach fragte sie bei Prüfungsamt und Kultus-ministerium nach. Dort hätten ihr die Verantwortlichen erklärt, dass viele Prüfungen noch nicht einmal von der Zweitkorrektur zurückgekehrt seien. Jetzt hängt die junge Frau in der Luft, denn nach den Sommerferien soll eigentlich schon das Referendariat beginnen.
Viele Leser machten auf der Facebook-Seite unseres Onlineportals Oberpfalznetz ihrem Ärger Luft und berichteten von den Geduldsproben, auf die sie durch den Streik gestellt werden. "Meine Pakete liegen seit zwei Wochen in Regensburg, und darin sind Medikamente", schreibt eine Leserin, "weiß nicht, ob die Haltbarkeit gewährleistet ist." Eine junge Frau wartet auf einen Ausbildungsbescheid und Antragsformulare - "ohne die kann ich nicht umziehen und die Ausbildung antreten".
Eine werdende Mutter klagt: "Ich warte auf einen Kinderwagen, habe wenig Hoffnung, dass er bis zur Geburt nächsten Monat da ist. Wir können viele Sachen nur übers Internet kaufen, da es hier weit und breit keinen Babyladen gibt."
Ein häufig genanntes Ärgernis: Oft flattern Mahnungen ins Haus, dabei sind weder die bestellte Ware noch die Rechnung vorher zugestellt worden. Gerade wer online einkauft, sollte in Streikzeiten besonders aufpassen (siehe Infokasten).
Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte beklagte vor einigen Tagen, dass Blutproben von neugeborenen Kindern nicht rechtzeitig in den Laboren ankämen. Dadurch könne sich die Behandlung von zum Teil lebensbedrohenden Stoffwechselkrankheiten verzögern. "Der Poststreik bedroht das Leben von Neugeborenen", hieß es in einer Pressemitteilung.
Am Donnerstag saß in Weiden ein Angeklagter vor Gericht, der seine Ladung nicht rechtzeitig erhalten hatte. Richter Gerhard Heindl erkannte dies an der fehlenden Zustellungsurkunde. Der 24-Jährige aus dem Landkreis Neustadt/WN fand sich trotzdem pünktlich vor dem Schöffengericht ein, um sich wegen Vergewaltigung zu verantworten. Sein Anwalt hat seine Kanzlei in Regensburg, die Gerichtspost rechtzeitig erhalten und seinen Mandanten informiert.
Auch viele Leser unserer Zeitung gucken in die Röhre - ins leere Zeitungsrohr nämlich. Rund drei Prozent der Auflage von "Der neue Tag", "Amberger Zeitung" und "Sulzbach-Rosenberger Zeitung" erreichen laut Vertriebschef Tobias Hagmann per Post die Abonnenten im In- und Ausland. Annemarie Albrecht, Teamleiterin im Service-Center des Medienhauses: "Es kommen viele Anrufe von Betroffenen, einige beschweren sich, aber der Großteil hat Verständnis, dass wir keinen Einfluss auf die Auslieferung haben." Für die Dauer des Streiks könne man ihnen aber einen kostenlosen Zugang zum E-Paper anbieten.
Das Deutsche Studentenwerk riet Schulabgängern am Freitag, ihre Bewerbungsunterlagen per Express an die Hochschulen zu schicken oder persönlich einzuwerfen. Für Wolfgang Weber, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an der OTH Amberg-Weiden, kein Thema. "Bei uns müssen sich ohnehin alle online bewerben", sagt er. "Bis 15. Juli sind die entsprechenden Formulare auf unserer Website in jedem Fall freigeschaltet. Ob Unterlagen wie Zeugnisse dann Ende Juli oder Anfang August nachgereicht werden, spielt keine Rolle." Weber verweist darauf, dass Bewerber in jedem Fall noch beim Nachrückverfahren zum Zug kommen könnten - bei zulassungsfreien Studiengängen sogar noch bis zum Tag vor dem Semesterbeginn am 1. Oktober. Auch ansonsten habe die OTH durch den Streik keine Probleme gehabt: "Es kommt viel Post an, und es wird jeden Tag Post geholt."
Die unterschiedlichen Grade der Streik-Intensität macht es für Erwin Nier, Regionalsprecher der Deutsche Post DHL Group, schwer, vorauszusagen, wie schnell die Post nach dem erhofften Ende des Arbeitskampfs die liegengebliebenen Sendungen abarbeiten kann. "Einige Zustellbereiche sind sehr stark, andere überhaupt nicht betroffen." Innerhalb weniger Tage nach Ende des Streiks dürften aber überall die Rückstände abgearbeitet sein, meint Nier.
Zu verdanken sei das dann auch den vielen Aushilfen, die die Post in den vergangenen Wochen eingestellt habe. "Die werden auch nach dem Streik an Bord bleiben," betont der Sprecher, "denn jetzt kommen wir direkt in die Urlaubszeit, und ohne sie hätten wir Probleme, wieder zu einem normalen Tagesablauf zurückzukehren." ___

* Name auf Wunsch geändert
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