Mit angezogener Handbremse

"Wir fühlen uns von der Stadt Weiden schlecht informiert und im Stich gelassen. Das ist unterste Schublade." Stefan Frischholz, Geschäftsführer VHS Weiden

Immer mehr Sprachkurse für Flüchtlinge, Weiterbildung und attraktive Angebote für Jedermann: Die Ansprüche an die Volkshochschulen steigen stetig - und damit auch die Kosten. Nun wollen die Hochschulen deutlich mehr Geld vom Land. Und nicht nur das.

(fle/dpa) Die Volkshochschulen in Bayern wollen doppelt so viel Geld vom Freistaat wie bisher. Das Land habe seinen Anteil an der Finanzierung der Hochschulen seit 25 Jahren nicht erhöht, kritisierten die vier kommunalen Spitzenverbände und der Bayerische Volkshochschulverband am Montag in Nürnberg. Die Landeszuschüsse in Bayern lägen seit 1990 bei etwa sechs Prozent der Kosten; das ist nicht einmal halb so viel wie im bundesdeutschen Durchschnitt (13,8 Prozent).

In den vergangenen Jahren seien die Aufgaben der Volkshochschulen und damit auch ihre Kosten enorm gestiegen, hieß es - nicht nur durch die zunehmende Zahl von Sprach- und Integrationskursen für Flüchtlinge. Auch der demografische Wandel und der Fachkräftemangel seien eine große Herausforderung in der Erwachsenenbildung.

Das Land müsse bei seinen Zuschüssen daher mindestens "auf Bundesdurchschnitt aufholen, ein Überholen ist gern gesehen", sagte der bayerische Städtetag-Chef Ulrich Maly (SPD). "Bildung ist der Schlüssel zur Integration, und die Volkshochschulen leisten einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Teilhabe", betonte Maly. Dies gelte für alle Menschen in Deutschland, bekomme aber mehr Bedeutung wegen der steigenden Flüchtlingszahlen.

Im vergangenen Jahr bekamen die 216 Volkshochschulen mit ihren 800 Außenstellen in Bayern rund 11,4 Millionen Euro vom Freistaat. In einer Erklärung fordern der Volkshochschulverband sowie Städte-, Gemeinde-, Landkreis- und Bezirketag das Land auf, "zeitnah seinen bisherigen Anteil deutlich anzuheben".

Vollendete Tatsachen

In Weiden gibt es ein Problem, das die das reguläre VHS-Programm ins Wanken bringt. In der Außenstelle im Ballettstudio "Balance" sind seit Sonntag Helfer und Begleiter von 100 Asylbewerbern untergebracht, die wiederum in der Turnhalle der Berufsschule eine vorübergehende Bleibe gefunden haben. Deswegen steht Geschäftsführer Stefan Frischholz von der VHS Weiden, der gerade im Türkei-Urlaub weilt, unter großem Zeitdruck: "Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt. Der Notfallplan war bekannt, aber die Ereignisse haben sich jetzt überschlagen."

Im "Balance" fänden vor allem Fitness- und Gesundheitskurse statt - ein fester Bestandteil des Jahresprogramms. "Wir müssen nun mit enormen finanziellen Einbußen rechnen, wenn wir kein passendes Ausweichquartier finden." Die Dozenten seien über ein Jahr gebunden und hingen nun in der Luft. "Wir fühlen uns von der Stadt Weiden schlecht informiert und im Stich gelassen. Das ist unterste Schublade", schimpft Frischholz. Das ehemalige Ballettstudio sei aufwendig renoviert und saniert worden. Zudem habe die Stadt einen teuren Ballett-Boden verlegen lassen, so dass sich Frischholz die Frage stellt, "wie das VHS-Quartier die zweckentfremdete Nutzung übersteht". Am Wochenende hätten die VHS-Mitarbeiter in einer Nacht- und Nebelaktion die wertvollen Utensilien "in Sicherheit gebracht". Da die "Balance"-Kurse auch nicht im Hauptgebäude stattfinden können, hofft Frischholz für die VHS Weiden neben einer Erweiterung des finanziellen Spielraums, auf eine Aufstockung der räumlichen Kapazitäten.

Keine Dozenten

In Tirschenreuth sieht Iwona Schultes, pädagogische Mitarbeiterin der dortigen VHS, ein personelles Problem. Mit drei Kursen sei die Kapazitätsgrenze bereits erreicht. Zwei Integrationskurse ausschließlich für anerkannte Migranten und ein "Deutschkurs zur sprachlichen Erstorientierung für Asylsuchende" stünden für 72 Personen offen. "Langsam gehen uns die Lehrkräfte aus", sagt Schultes. Ein vierter Kurs sei derzeit mangels Dozent nicht möglich. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge verlange dazu eine Zusatzqualifikation, die 700 Euro kostet. "Da nur ein minimaler Zuschuss seitens der VHS möglich ist, können sich das viele nicht leisten."

Manfred Lehner, Leiter der VHS Amberg/Sulzbach, versucht, seine Mitarbeiter für die Arbeit mit Asylbewerbern und Flüchtlingen zu sensibilisieren. "Wir hatten kürzlich den Fall, dass ein Mitarbeiter einer Tschetschenin die Hand geben wollte - nur dürfen die keinem Mann die Hand schütteln." Um solche für beide Seiten unangenehmen Situationen zu vermeiden, sieht er eine verbesserte Kommunikation als Bildungsaufgabe. Aber auch die Amberg-Sulzbacher VHS-Zweigstelle könne bei den Sprachkursen noch nicht "in die Vollen" gehen. Mehr als zwei Stunden pro Woche sind nicht machbar. "Wir warten auf Gelder, um den Willen nach mehr bedienen zu können."
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