Notarzt ohne Nebenwirkung

Unfälle mit Einsatzfahrzeugen sind gar nicht so selten: Beispiel auf der Autobahn Berlin-Nürnberg. Bild: dpa

Und dann hat's schon wieder gekracht: Ein Kia-Fahrer in Chemnitz übersieht ein Notarztfahrzeug. Ein Notarzt-BMW des BRK prallt bei Seefeld auf einen Mini-Van. Es gab mehrere Verletzte. Ein Lkw rammt in Berlin einen Krankenwagen - der Notarzt ist schwer verletzt. Alles Einsatzfahrten im März.

Im Februar sorgte der Fall eines bayerischen Notarztes für Schlagzeilen, der nach einer Blaulichtfahrt seinen Führerschein verlieren und 4500 Euro Geldstrafe zahlen sollte - obwohl niemand zu Schaden gekommen war. Der Arzt war in seinem Einsatzwagen auf dem Weg zu einem Kind, das eine lebensbedrohliche Atemwegsverlegung hatte.

Mit gemischten Gefühlen verfolgten Rainer Kaldun und Hans-Jürgen Schön, Polizeibeamte der Weidener Operativen Ergänzungsdienste, die Diskussion. "Nach mehreren Unfällen mit Sonderrechts-Wegefahrzeugen wurde eine Studie in Auftrag gegeben, die zeigt, dass die Zeitersparnis, wenn man am Sicherheitslimit fährt, nicht gravierend ist", hinterfragt Schön den Sinn riskanter Einsatzfahrten. "Die rechtliche Befugnis befreit nicht von der Sorgfaltspflicht", ergänzt Kaldun. "Das ist kein Freibrief."

Achtfach höheres Risiko

In der Tat. Eine Studie im Auftrag der Bundesanstalt für Straßenwesen (BAST) belegt: Den übrigen Verkehrsteilnehmern droht ein achtfach höheres Risiko, bei Einsatzfahrten in einen Unfall mit Schwerverletzten verwickelt zu werden. Die Experten ermittelten durch Videoaufzeichnungen von Einsatzfahrten, dass durchschnittlich alle 19 Sekunden eine kritische Fahrsituation eintritt.

Eine bundesweite Statistik über Unfälle mit Sondereinsatzfahrzeugen gibt es allerdings nicht: "Verkehrsunfälle bei Einsatzfahrten mit Sonder- und Wegerechten werden nur in den seltensten Fällen überregional bekannt", schreibt Stephan Bockting in "Verkehrsunfallanalyse bei der Nutzung von Sonder- und Wegerechten". "Nicht zuletzt deshalb, weil es oft als äußerst unangenehm und peinlich empfunden wird, derartige Ereignisse außerhalb der betroffenen Institutionen zu verbreiten."

Dabei versteht Schön durchaus die Motive der Rettungskräfte: "Psychologisch sind die in einer anderen Situation als wir - wenn die Polizei ein paar Minuten zu spät kommt, ist halt der Einbrecher weg. Beim Notarzt geht's immer um Leben oder Tod." Andererseits: "Nicht ankommen ist die schlechteste Alternative", mahnt Kaldun. Noch schlimmer: wenn durch den Einsatz weitere Menschen verletzt werden.

Deshalb appellieren die Polizisten an alle Fahrer von Einsatzfahrzeugen, mögliches Fehlverhalten anderer Verkehrsteilnehmer ins Kalkül zu ziehen: "Man kann leider nicht davon ausgehen, dass jeder die Situation richtig einschätzt", plädiert Schön für eine realistische Wahrnehmung. "Die Aufmerksamkeit ist von der Lautstärke im Auto, von Ablenkungen oder auch der körperlichen Verfassung des Fahrers abhängig." Dazu komme, dass nicht alle Einsatzfahrzeuge immer klar durch Farbe, Martinshorn und Blaulicht zu erkennen seien.

"Traum für Rettungsdienst"

"Vergangene Woche ist ein Rettungswagen hinter mir gefahren", schildert Schön eine positive Erfahrung, "der Gegenverkehr hielt sich äußerst rechts - ein Traum für den Rettungswagen." Natürlich habe jeder Verkehrsteilnehmer die Verpflichtung, den Weg so freizumachen, dass der Rettungsdienst erkennt, dass er bemerkt wurde. "Wenn niemand gefährdet wird, kann er auch über eine Verkehrsinsel oder auf den Bürgersteig ausweichen - solange er sehen kann, dass niemand gefährdet wird."

Nur: "Menschen funktionieren nicht immer, wie man sich das wünschen würde." Maschinen schon eher. "Ich wünsche mir die Zeit herbei, in der die Autos elektronisch gesteuert werden", sagt Schön, "vieles aus dem Verhaltensbereich wird dann minimiert." Dann spiele es keine Rolle mehr, ob der Fahrer zufällig gelassen oder gereizt sei.
Weitere Beiträge zu den Themen: Themen des Tages (14863)März 2015 (9461)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.