Ohne großes Laster

Sie sind lang und seit langem umstritten: Die Lang-Lkw dürfen in Deutschland bislang nur auf bestimmten Strecken fahren. Auch einige Routen in der Oberpfalz sind freigegeben. Die Unternehmen sind mit den Ergebnissen des Feldversuchs sehr zufrieden. Archivbild: dpa

Halbzeit für die Lang-Lkw: Bis 2016 läuft der auf fünf Jahre angelegte Feldversuch. Auch in der Oberpfalz dürfen die XXL-Laster fahren. Aber nur auf bestimmten Strecken. Wenn es nach den Unternehmen geht, aber bald immer und überall.

Das Bundesverkehrsministerium hat alles genau beschrieben. Jede Route, auf der die umstrittenen Lang-Lkws fahren dürfen, ist in einer Liste aufgeführt. Deutschlandweit sind es rund 10 150 Kilometer, ein Großteil davon Autobahnen. Im September hat das Ministerium das Netz deutlich ausgeweitet. "Damit wird der Versuch für die Wirtschaft noch attraktiver", hieß es aus dem Haus von Minister Alexander Dobrindt.

Fünf Ziele liegen in der mittleren und nördlichen Oberpfalz. Warum die Gefährte dorthin fahren dürfen, geht aus der Aufstellung nicht hervor. Allerdings sind die Zielpunkte explizit genannt. Daraus ergibt sich: Ausschließlich große Gewerbe- und Industrieunternehmen sind es, die Anschluss an das Lang-Lkw-Netz haben. Zum Beispiel das Liebensteiner Kartonagenwerk bei Plößberg, Conrad Electronic in Wernberg oder das Stahlgruber-Logistik-Zentrum in Sulzbach-Rosenberg. Dort hat auch eine Spedition aus Gilching eine Niederlassung: die Reichhart-Logistik-Gruppe. Sie gehört zu deutschlandweit 39 Unternehmen, die derzeit insgesamt 85 Lang-Lkws einsetzen.

Georg Berberich, Geschäftsführer des Tochterunternehmens Reichhart just in time GmbH, berichtet von einer reibungslosen "Implementierung" der Fahrzeuge. "Sie laufen ohne zusätzlichen Aufwand mit." Allerdings können sie nicht überall eingesetzt werden. Erstens: Weil sie das festgelegte Netz nutzen müssen. Zweitens: Pausen und Wartung sind nicht überall möglich. Auch für Erholungsstopps dürfen die Fahrer die Autobahn nur auf zugelassenen Strecken verlassen. "Autohöfe sind aber nur selten am Netz", berichtet Berberich. Und Autobahnparkplätze selbst verfügen nicht immer über genügend Kapazität und ausreichend lange Stellflächen. Die Konsequenz daraus: Reichhart hat eigene Straßenkarten entworfen, auf denen geeignete Parkplätze eingezeichnet sind.

Mehr Volumen

Die Vorteile aber überwiegen: Lang-Lkw können mehr Volumen transportieren. Mehr Gewicht - das geht nicht. Denn die Lang-Lkws dürfen nicht schwerer sein als normale. Laut Berberich rentiert sich der Einsatz trotzdem: Das Unternehmen fährt regelmäßig große Rumpfteile des Airbus A 320 von Oberpfaffenhofen bei München zur Montage nach Hamburg. Diese sind groß, aber leicht.

Für Mario Fuchs, Leiter der Transport-Logistik bei Reichhart, ergeben sich daraus handfeste wirtschaftliche Vorteil: "Statt 340 Fahrten in neun Monaten, die ein Standard-Lastwagen gebraucht hätte, musste der große Bruder nur 190 Mal in den Norden." Auch die Umweltbelastung sinkt: Um die gleiche Ladung zu befördern, benötigt ein Lang-Lkw im Jahr 20 000 Liter weniger Diesel, rechnet Berberich vor. Das entspreche 34 Prozent weniger CO2.

Kein Neuland

Nach Sulzbach-Rosenberg sind die Lang-Lkws bislang noch nicht gekommen. Aber sind könnten. "Wir lassen uns Strecken genehmigen, die wir für den Betriebsablauf benötigen", unterstreicht Berberich. Dazu gehört auch die Route zur Werkstatt. Mercedes Widmann in Weiden ist eines der wenigen Unternehmen in der Oberpfalz, das Schwerlasttransporter warten und reparieren kann. Und damit auch Lang-Lkw. "Sie passen gut in unser Gesamtportfolio", sagt Hans-Jürgen Götz, Serviceleiter Oberpfalz. Unterm Strich spielen sie aber noch keine allzu große Rolle im täglichen Betrieb. Für die Mechaniker sind Lang-Lkw ohnehin Routine. "Das ist nichts Neues." Üblicherweise bestehen die Gespanne aus Standard-Komponenten, die in anderen Lkws schon länger Verwendung finden. Ein ganz normaler Laster also, nur länger. Warum aber dann die festgelegten Strecken? "Das ist eine politische Frage", glaubt Berberich. "Sie können das Fahrzeug nicht irgendwohin schicken. Aber das können Sie mit einem normalen Lkw auch nicht." Kreisverkehre sind jedenfalls kein Problem, berichtet er. "Die nimmt er genauso wie eine Sattelschlepper."

Das Bundesverkehrsministerium hat eine positive Zwischenbilanz gezogen. Es könne sich sogar eine Zulassung der Lang-Lkw für den Regelbetrieb vorstellen und berichtet von Effizienzgewinnen und Kraftstoffersparnissen zwischen 15 und 25 Prozent. Die Behörde bestätigt damit die Erfahrungen der Speditionen. Auch Verlagerungseffekte von der Schiene auf die Straße habe es nicht gegeben. Der Oberpfälzer SPD-Europaabgeordnete Ismail Ertug befürchtet aber genau das. Er fordert einen Ausbau der Schienenwege und verweist darauf, dass laut einer Studie der Europäischen Kommission in Europa jeder fünfte Lastwagen ohne Güter an Bord unterwegs ist. Weiterer Lkw-Verkehr würde außerdem die Klimaziele gefährden. (Angemerkt)
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