"Paris ist nicht weit weg"

"Je suis Charlie" steht auf den Buttons von Anna, Marie und Milena (von links). Die Anschläge auf die französische Zeitung "Charlie Hebdo" haben am Freitag auch die Weidener auf die Straße gebracht. Bild: Hartl

Die wenigsten Menschen vor dem Alten Rathaus dürften verstanden haben, was Hüseyin Cetin gesagt hat - außer, sie konnten Türkisch. Ein Wort aber hat jeder schon ohne Übersetzung verstanden: "terör" - Terror. Um ein Zeichen gegen diesen Terror zu setzen, waren rund 400 Weidener gekommen.

(üd/we) Die Stadt Weiden und das Aktionsbündnis "Weiden ist bunt" hatten die Bürger am Mittwoch aufgerufen, Solidarität mit den Opfern der Terroranschläge von Paris zu zeigen und für Meinungsfreiheit und Toleranz einzustehen. Um 13.15 Uhr am Freitag hatte sich eine große Menschentraube gebildet - auch wenn gerade viele Schüler längst aus der Stadt weggeströmt waren, zu ihren Bussen, auf dem Weg nach Hause. Und nur wenige Passanten in der Altstadt blieben wenigstens kurz stehen, um sich anzuhören, worum es eigentlich ging.

Respekt vor dem Glauben

Trotzdem erntete Cetin, der Imam der Türkisch-Islamischen Gemeinde, lauten Applaus, als er von der Treppe des Rathauses die Anschläge von Paris als "Angriff auf die Menschheit" verurteilte. Sie seien niederträchtig und inakzeptabel. "Kein Moslem darf ein solches Verbrechen begehen", sagte er. Und Maher Khedr vom Deutschsprachigen Muslimenkreis Weiden betonte, wie sehr der Koran das Gegenteil dessen lehre, was islamistische Terroristen antreibt: "Allah betrachtet uns alle als eine Familie, als Kinder Adams." Es werde nicht unterschieden zwischen Juden, Christen oder Muslimen. Wer jetzt noch fremdenfeindliche Parolen verwende, der stärke am Ende nur die Scharfmacher - und die Terroristen.

Zuvor hatten die Vertreter der christlichen Kirchen, der katholische Regionaldekan Gerhard Pausch und der evangelische Dekan Wenrich Slenczka, den Schulterschluss mit den anderen Religionen geübt - betonten aber auch die Grenzen der Meinungsfreiheit. "Mit den religiösen Überzeugungen Anderer sollte man sehr sorgsam umgehen", sagte Pausch, "jeder hat ein Recht auf einen respektvollen Umgang mit seinem Glauben." Slenczka stellte klar: "Wer Terror im Namen einer Religion ausübt, der lästert Gott und verspottet die Gläubigen." Leonid Shavlov von der Jüdischen Gemeinde brachte es mit einfachen Worten auf eine versöhnliche Formel und bat um "etwas mehr Geduld und Verständnis für die andere Seite".

"Es gibt kein normales Leben nach diesen Anschlägen", hatte der Weidener Oberbürgermeister Kurt Seggewiß zum Auftakt der Kundgebung betont. Und: "Paris ist nicht weit weg. Wir sind nicht gefeit vor solchen Anschlägen." Der Sozialdemokrat hob zudem die Bedeutung des Artikels 5 im Grundgesetz heraus: "Die Meinungsfreiheit ist ein Grundrecht der Gesellschaft. Das ist die Stärke der Verfassung. Das ist die Stärke Weidens." Veit Wagner von "Weiden ist bunt" versprach abschließend: "Das klingt nach den üblichen Lippenbekenntnissen, aber wir sind hier, weil wir handeln wollen."

Amberg folgt am Montag

Nach den Weidenern sind für kommenden Montag die Amberger zu einer Demonstration aufgerufen. Um 18 Uhr treffen sich alle, die ein Zeichen setzen wollen, auf dem Marktplatz. "Findet zusammen, baut Brücken", ist das Motto der Veranstaltung. Es sind keine Organisationen, keine Parteien oder Kirchen, in denen die Idee geschmiedet wurde. Hinter der Aktion steckt eine einzelne Frau: Michaela Peter, Kunsttherapeutin, Luftlehrerin und eine der Gründerinnen des Amberger Kunstkombinats.

In Regensburg ist schon für diesen Samstag eine Kundgebung geplant. Auf dem Neupfarrplatz soll nach dem Tod des in Dresden ermordeten Asylbewerbers Khaled ab 18 Uhr ein Zeichen gegen Rassismus gesetzt werden. Auch hier sind Privatpersonen initiativ geworden.

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Weitere Bilder im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/charlie-weiden
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