Pate des moderaten Wandels

Auch ein Faible des Geburtstagskinds: der Buch- und Kunstverlag Oberpfalz. Autor Toni Siegert (Mitte) im Gespräch mit Verleger German Vogelsang (links) und Ursula Vogelsang bei der Buchvorstellung "Sie kommen" im Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr. Bild: ma

Der Mann ist der personifizierte Wandel: Vom Redakteur zum geschäftsführenden Verleger und Aufsichtsratsvorsitzenden. German Vogelsang wird am 3. April 75 und steht der digitalen Flankierung des "Top-Modells Zeitung" Pate.

German Vogelsang ist vielen Politikern begegnet. Zwei Staatsmänner haben ihn beeindruckt: "Willy Brandt, der große Architekt der Ostpolitik, war ein zurückhaltender Mensch", beschreibt er den ersten SPD-Kanzler, der mit Depressionen zu kämpfen hatte.

"Wir haben seine Ostverträge journalistisch unterstützt", freut sich der Verleger über den Erfolg des Leitgedankens "Wandel durch Annäherung". Dafür sei das Medienhaus von konservativer Seite heftig kritisiert worden: "Dabei musste doch jeder registrieren, dass gerade wir als Grenzregion massiv von der politischen Öffnung profitierten."

Geburtstag mit Kohl

Der zweite Kanzler, der große Spuren in Weiden hinterlassen hat, ist in allen Belangen Gegenpol zum feingeistigen Lübecker - der Pfälzer aber hat Brandts geflügeltes Wort "jetzt wächst zusammen, was zusammengehört" in Realpolitik übersetzt. Helmut Kohl, der Kanzler der Einheit, bleibt German Vogelsang für immer in Erinnerung: "Er hat am gleichen Tag Geburtstag wie ich."

Der große Schwarze und der sensible Rote bilden die Bandbreite eines Wertesystems, für das der Verleger einsteht: "Wir lassen unseren Redakteuren im demokratischen Rahmen ihre Meinung - wenn sie wohlbegründet ist." Die Inhalte der Zeitung spiegeln den gesellschaftlichen Pluralismus wider, ein Wettbewerb der besten Ideen - und widerlegen das Klischee einer von wirtschaftlichen Mächten gesteuerten "Lügenpresse". Ein Klischee, das gerade die pflegen, die das Vorurteil der Mühe intensiver Recherche vorziehen.

"Es ist ein Quantensprung, wenn man von der Redaktion in die Geschäftsführung eintritt", beschreibt Vogelsang den Wechsel von der journalistischen zur verlegerischen Praxis. "Die Welt schaut dann etwas anders aus, aber man tut gut daran, nicht zu vergessen, wie sie vorher ausgesehen hat." Als Geschäftsführer verteidigte Vogelsang die zwei Säulen des Verlags: den seriösen Journalismus als Markenkern und die wirtschaftliche Basis als Voraussetzung jedes verlegerischen Tuns.

Für German Vogelsang endete die Welt nie bei von Menschenhand gezimmerten Grenzen - die Erosion des Eisernen Vorhangs ist das beste Beispiel ihrer Endlichkeit. Viele Jahrzehnte begleitete er die Entwicklung der Medien als Mitglied im Vorstand des Bayerischen Verlegerverbandes.

Kein Schwanengesang

Insofern wäre es fahrlässig, wenn sich das Medienhaus jetzt dem Sog der Digitalisierung nicht stellen würde: "Es gibt keine stärkere Kraft als eine Idee, deren Zeit gekommen ist", zitiert Vogelsang Victor Hugo. Der "Optimist" sieht Chancen und Risiken des digitalen Zeitalters gleich verteilt - anders als die Totengräber des gedruckten Wortes ist er weit davon entfernt, für das "Top-Modell Print-Zeitung" einen Schwanengesang anzustimmen. "Wir werden unaufgeregt nach dem besten Weg suchen, um auch im digitalen Bereich erfolgreich zu sein."

Der Zeitungsmann mit Herz und Seele legt Wert darauf, dass das Medienhaus auch künftig "nicht nur Infos, sondern strukturierte Nachrichten" bietet. "Wir wollen Leser zum Denken anregen, ihnen einen Leitfaden auf den Weg geben, wie man mit einem Problem umgehen kann." Beispiele, wo dies nottut, gebe es mehr als genug. Vogelsang griff publizistisch als Erster in der Region Frank Schirrmachers "Methusalem-Komplott" auf: "Wir hatten mit der Warnung vor dem demografischen Wandel einen richtigen Riecher."

Der sozial denkende Verleger nimmt auch die Verunsicherung der Bevölkerung, die sich unter anderem in den Dresdener Demonstrationen ein Ventil sucht, ernst. "Die Menschen merken, dass die Politik die Märkte nicht mehr im Griff hat", interpretiert er das Phänomen Pegida als Folge eines voranschreitenden Staatsversagens. "Die Zeitung hat die Aufgabe, auch komplexe Vorgänge, die uns alle betreffen, verständlich zu erklären - egal, ob auf Papier oder im Netz." Stichwort: "Die Leser dort abholen, wo sie sich befinden."
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