Prozess gegen 21-jährige Kindsmutter geht weiter
Ärzte und Gutachter im Zeugenstand

Bild: Huber (Archiv)
Archiv
Weiden in der Oberpfalz
30.11.2015
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"Ärztetag" im Prozess gegen 21-jährige Mutter, die des Totschlags an ihrem Neugeborenen angeklagt ist: Vor der Ersten Strafkammer am Landgericht Weiden sagten am Montag mehrere Gutachter sowie behandelnde Ärzte des Klinikum Weidens aus. Fazit: Am Ende war es dem Chef der Geburtshilfe, Dr. Karlheinz Mark, zu verdanken, dass die Tötung des Babys aufflog.

Zwei Krankenschwestern und eine Hebamme berichteten, wie sie Steffi D. am Samstagmittag, 27. April, im Klinikum in Empfang genommen hatten. "Gehend, fertig, heulend" und mit Flecken auf der Jeans, so die Hebamme. Eine durchaus "authentische Verfassung" nach einer Fehlgeburt. Auf Nachfrage habe die Patientin einen Abgang auf der Toilette geschildert. Gewebestoffe oder einen Embryo habe sie dabei nicht gesehen.

Nach den Untersuchungen, auch per Ultraschall, wurde der behandelnde Arzt, ein Freiberufler auf Honorarbasis, misstrauisch und vermutete eine erfolgte Geburt weit nach der 24. Woche (also keine Fehlgeburt mehr). Der Oberarzt, den er zu Rate zog, teilte seine Zweifel zunächst nicht.

Abort auf der Toilette "nicht glaubhaft"

Am Montagmorgen erfuhr Dr. Mark, Leiter der Geburtshilfe, von der rätselhaften Patientin auf der Station, als er sich das Wochenende berichten ließ. Er untersuchte die junge Frau noch einmal selbst und kam zu dem Schluss: "Die Veränderungen am Geburtskanal sprachen dafür, dass hier ein größeres Kind geboren worden war. Ein Abort auf der Toilette in früher Schwangerschaft war für ihn "nicht glaubhaft". Er versuchte wiederholt, mit der 21-Jährige zu reden, "ob sie uns nicht etwas zu sagen habe".

Nach Rücksprache mit der niedergelassenen Frauenärztin von Steffi D. war dann endgültig klar, dass es sich um eine Geburt im Endstadium einer Schwangerschaft gehandelt haben musste. Nur: Wo war das Baby? "Wir wollten nicht mit der Tür ins Haus fallen und haben vorsichtig versucht zu klären, wo das Kind verblieben ist", berichtete der Leiter der Geburtshilfe. "Wir mussten alle selbst mit der Situation zunächst einmal fertig werden." Zugleich schaltete er die Ermittlungsbehörden ein.

Mit seinem Anruf bei der Polizei löste der Oberarzt die polizeiliche Suche nach einem Baby aus. Zwei Kripobeamte schilderten am Montag, wie sie "Schicht für Schicht" den Container im Hof des Supermarktes abtrugen und Müllsack für Müllsack in neue Behältnisse umfüllten. Aufgrund des Gewichts schlug einer der Beamte bei einer blauen Tüte Alarm und sollte Recht behalten. Der
äußere Beutel war offen, drinnen lag eine verknoteter Sack. "Da kam der Säugling zum Vorschein."

Die Notärztin aus Neustadt wurde hinzugerufen und konnte nur noch den Tod feststellen. Sie äußerte am Tatort auch ihren Verdacht zur Todesursache: "Die Mundhöhle war komplett mit Papiermaterial ausgefüllt, so dass da mit Sicherheit nichts daran vorbeikommen konnte." Das Kind war ihrer Einschätzung nach "voll ausgetragen".

Schmerzempfinden bei Neugeborenen

Hat so ein Neugeborenes das gleiche Schmerzempfinden wie ein größeres Kind oder ein Erwachsener? Diese Frage sollte Prof. Dr. Wolfgang Rascher, Chefarzt der Kinderklinik Erlangen, beantworten. Seine eindeutige Antwort: "Ja." Und diese Antwort hat eine leidvolle Vorgeschichte.

Bis in die 80er-Jahre habe man in der Kindermedizin angenommen, dass Säuglinge Schmerzen nicht so stark empfinden, sondern dass dieses Empfinden erst erlernt werden müsse. Aus diesem Grund seien Babys bei medizinischen Eingriffen oft gar nicht narkotisiert, sondern nur ruhig gestellt
worden.

"In den 90ern kam dann eine Arbeit heraus, die die ganze Welt aufgeschreckt hat." Man gab Neugeborenen bei den Operationen zusätzlich Schmerzmittel und stellte fest, dass sich in ihrem Blut deutlich weniger Stresshormone bildeten. "Es war eine Irrmeinung, dass Neugeborene weniger empfinden." Er berichtete von einem letzten Beweis, bei dem man per Kernspintomographie bei Nadelstichen Nervenzellen erfasste. Bei Erwachsenen "kam der Schmerz in 20 Hirnregionen" an, bei Neugeborenen (ein Tag alt) immerhin in 18.

Ein Ergebnis, dass für Prof. Rascher "eindeutig zeigt, dass Frischgeborene dieselben Schmerzen erleiden." Und gerade Atemnot stufte er als besonders furchtbares Leid ein, das er in der Praxis bei Kindern kurz vor ihrem Tod erlebe: "Da ist die Atemnot oft schlimmer als die Schmerzen." Man behandle dann mit Morphin.

Hirntod nach drei Minuten

Wie lange musste das Neugeborene leiden? Dazu war Prof. Dr. Peter Betz vom Institut für Rechtsmedizin Erlangen gefragt. Den Beweis, dass das Kind "eine gewisse Zeit" gelebt hat, liefert Luft im Magen-Darm-Trakt. Nach Abschneiden der Luftzufuhr vergehen nach Einschätzung von Betz etwa "30 Sekunden bis zu einer Minute" bis zur Bewusstlosigkeit, nach etwa drei Minuten trete der Hirntod ein. Den Tod durch Ersticken schätzt der Rechtsmediziner als "eines der unangenehmsten Dinge ein, die es gibt: Wenn Sie einfach mal die Luft anhalten und sich vorstellen, Sie könnten jetzt nicht mehr einatmen, dann bekommen Sie Panik und Todesangst."

Am Montagnachmittag hört das Gericht weitere Zeugen an, darunter den vermeintlichen Kindsvater des Babys, eine Mitarbeiterin des Jugendamtes sowie die Frauenärztin der Angeklagten. Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt, es steht unter anderem die Aussage des Ermittlungsleiters der Kripo noch aus.
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